Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.11.2021

Trompeten in der Luft

Von Ottmar Fischer. Seit Menschengedenken begeben wir uns auf Entdeckungsreisen, und zahllos sind die Opfer, die unsere Vorfahren für das Aufspüren von Überlebenschancen in der Ferne bringen mussten. Ihre Entdeckerfreude dürfte dabei besonders von den alljährlich sich wiederholenden Vogelzügen angeregt worden sein.

Wildgänse im Formationsflug. Foto: Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

Die Reise von Nils Holgersson mit den Wildgänsen in der legendären Geschichte von Selma Lagerlöf lässt dies nachempfinden. Zugleich wird darin aber auch die Anerkennung der überlegenen Orientierungsfähigkeit der Zugvögel deutlich. Wie schwer wir Menschen uns damit tun, Orientierung zu erlernen und auch in unbekannten Gegenden zu bewahren, hat gerade wieder ein aufsehenerregender Fall gezeigt.

Als die achtjährige Julia aus Pankow tief im Böhmerwald nach zwei einsamen Tagen und Nächten aufgefunden wurde, ging brausender Jubel durch das Land. Endlich einmal hatten die Medien eine positive Nachricht zu vermelden, und das einhellige Aufatmen in der Bevölkerung strafte all jene Umsatzstrategen Lügen, die nach der Devise „Only bad news are good news“ ihr Nachrichtengeschäft betreiben. Aber wie schon in der klassisch-griechischen Tragödie, meldete sich sogleich nach dem nächsten Atemzug bis in die Leserbriefspalten der Zeitungen hinein ein Chor der kollektiven Beratung zu Wort.

Die einen wollten wissen, dass die Eltern die spielend voraus gelaufenen Kinder rechtzeitig hätten zurückrufen müssen, andere lobten dagegen den Mut, die Kinder selbständig ihre Fähigkeiten erproben zu lassen. Und wieder andere gaben Ratschläge, wie man sich am besten verhält, wenn man sich plötzlich in einer scheinbar ausweglosen Lage durch fehlende Orientierung befindet. Die einen empfahlen das Ausharren in der Umgebung des letzten Kontakts, weil dort von alarmierten Hilfskräften zuerst gesucht werde, die anderen bevorzugten den Abstieg zu Tal, weil dort mit Sicherheit irgendwann menschliche Behausungen anzutreffen seien.

Einig war der Chor der Ratgeber aber in der Lobpreisung jenes ortskundigen Paares, das auf seiner Wanderung zufällig auf die beiden anderen Kinder getroffen war. Denn die Frau war klugerweise bei den orientierungslosen Kindern geblieben, während der Mann sich anhand der kindlichen Angaben auf die Suche nach den verlorenen Eltern gemacht hatte. Dadurch blieb wenigstens diesen beiden Kindern die Not der Julia auf ihrem kilometerlangen Suchweg  erspart. Doch hat ihr wohl ein inneres Licht der Hoffnung dabei geholfen, die Strapazen ihrer Notlage durchzustehen, denn nach nur einem vorsorglichen Tag im Krankenhaus konnte sie unversehrt an Leib und Seele in die sicherlich schmerzlich vermisste Obhut ihrer Eltern zurückkehren.

Der große Gänsezug

Im Herbst stehen jedes Jahr wieder auch die Zugvögel vor einer gewaltigen Herausforderung für ihre Fähigkeiten zur Orientierung, müssen sie doch über riesige Entfernungen hinweg den Weg zu sicheren Nahrungsquellen für die Winterzeit aufspüren. Dazu finden sich die einzelnen Arten wie verabredet an ihren Sammelplätzen rechtzeitig ein, um gemeinsam die geordnete Flucht vor Schnee und Eis anzutreten. Ein besonders eindrucksvolles Schauspiel dieser Wanderzüge bieten in unseren Breiten die Wildgänse. Denn die aus dem hohen Norden und aus Sibirien zu Hunderttausenden anreisenden Wintergäste nutzen die oft lange schneefreien Wiesen und Weiden in den wasserreichen Gebieten Norddeutschlands und am Niederrhein besonders gern, was Jahr für Jahr Scharen von schaulustigen Naturbeobachtern anlockt. Sie bleiben wegen der immer wärmer werdenden Winter auch immer öfter und zahlreicher gleich ganz da, zur Freude der Naturliebhaber, zum Ärger vieler Landwirte, denn wie der Name Saatgans für eine der fünf häufigsten Arten bei uns schon anzeigt, lieben sie neben niedrig wachsenden Pflanzen auch die Wintersaat der Bauern.

Um diese Zeit sind auch über Berlin die auffällig in Keilform fliegenden Familiengruppen der Gänse zu beobachten. Es sind vor allem die sibirischen Blässgänse, benannt nach ihrer weißen Stirn direkt über dem Schnabel, die jetzt über uns zu sehen und zu hören sind. Die Keilformation bietet den schweren Vögeln den Vorteil, im Windschatten der Vorderleute Kraft zu sparen, denn die Reise ist lang. Und damit auch die erfahrenen Tiere an der Suchspitze nicht vorzeitig wegen Erschöpfung ausfallen, lösen sich die älteren Tiere in der Führungsfunktion ab. Führung ist aber deswegen besonders wichtig, weil die Flugroute nicht genetisch vorgegeben ist wie bei anderen Vogelarten, sondern sie muss im Flug ständig neu bestimmt werden, weswegen neben Kraft und Ausdauer auch Erfahrung für die Führungsfunktion ausschlaggebend ist. So wird etwa bei eintreffender Kälte südlicher geflogen, bei wärmerem Wetter mehr nördlich, stets aber westlich, denn den Weg nach Nordafrika sparen sie sich inzwischen meistens.

Als Orientierungshilfen nutzen sie große Landmarken wie Berge, Flüsse, Seen und auch menschliche Siedlungen, wobei ihnen die weitere Sicht aus der Vogelperspektive zugute kommt, die wir Menschen durch abstrakte Hilfsmittel wie Landkarten zu ersetzen pflegen. Da die Blässgänse gern große Strecken ihrer mehr als 5.000 km langen Reise in einem Stück zurücklegen, fliegen sie auch nachts, um ihre selbstgesteckten Zwischenziele zu erreichen. Deswegen sind jetzt ihre trompetenartigen Rufe im nächtlich stillen Friedenau besonders deutlich zu vernehmen. Sie übertönen  tagsüber sogar den großstädtischen Verkehrslärm, denn die Tiere erkennen sich an ihren individuellen Stimmen, pflegen auf diese Weise den Zusammenhalt und stimmen ihr Verhalten ab. Es können sogar regelrechte Duette zustande kommen.

Martina und Martin

Zu den bei uns häufigsten Gänsearten gehört neben der nordischen Nonnengans, die wegen ihrer weißen Wangen so heißt, vor allem die ganzjährig heimische Graugans. Es war der durch seine Forschungen mit Graugänsen bekannt gewordene Konrad Lorenz, dem durch seine mit der Graugans Martina aufopferungsvoll geleistete Erziehungsarbeit der Nachweis gelang, dass die neugeborenen Gänse nicht unbedingt auf die genetische Mutter geprägt werden, sondern auch jene Bezugsperson als prägend annehmen, derer sie als erste ansichtig werden. Legendär geworden sind daher die Filmaufnahmen, die den Gänsevater schwimmend auf dem Lehrpfad der Futtersuche zeigen, den aufmerksamen Zögling vertrauensvoll im Gefolge. So hat uns Martina zeigen können, auf welchem Wege einst die Züchtung unserer Hausgans gelang, denn sie stammt von der Graugans ab.
Und damit eröffnet sich uns auch der Weg zur Martinsgans. In den jahrhundertelang von der Landwirtschaft geprägten Zeiten war es üblich, dass die bei Großbauern und Gutsherrschaften über die Saison hinweg beschäftigten Knechte und Mägde zu einem Gutteil mit einem sogenannten Deputat entlohnt wurden, das aus den Erzeugnissen der Höfe bestand. Zahltag für die Jahresleistung war der Martinstag, an dem die Beschäftigung für die Saisonarbeiter zu Ende ging und sie mitsamt ihrem Lohn in ihre Heimatdörfer zurückkehrten. Eine fette Gans galt dabei als besonders wertvoll, die wegen der Einmaligkeit des Ereignisses gern als Martinsgans bezeichnet wurde. Erst die zunehmende Verstädterung mit ihrem Wandel der Erwerbsarbeit ließ die ländlichen Sitten und Gebräuche allmählich in Vergessenheit geraten , die unvergessliche Martinsgans aber zur feierlichen Weihnachtsgans werden.

Aber auch der Martinstag selbst ist nicht ganz in Vergessenheit geraten. Auch heute noch wird am 11. November jenes namengebenden römischen Offiziers gedacht, der nach christlicher Überlieferung aus Barmherzigkeit seinen Mantel mit einem frierenden Bedürftigen teilte. In unserer Zeit ist dies aber vor allem ein Tag für die kleineren Kinder geworden, an dem sie sich zu Laternenumzügen zusammenschließen und so ihrer Hoffnung Ausdruck geben, dass auf ihrem Lebensweg stets ein guter Stern leuchten möge, damit sie nicht ins Abseits geraten. Bestimmt hat auch Julia in ihrer großen Angst und Not ein solches Licht der Hoffnung in ihrem Herzen bewahren können, das sie vielleicht auf einem solchen Laternenzug einst leuchten sah. Denn neben der Feststellung ihrer körperlichen Unversehrtheit war die schönste Nachricht nach dem überstandenen Abenteuer im Böhmerwald, dass sie alles erzählen mochte.

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