Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.05.2011 / Gewerbe im Kiez

Tom Here, Tom There, Tom Everywhere

Schöneberg ist mein Bezirk. Fast meine ganzen siebzehn Jahre in der Stadt lebe ich dort, von kürzeren Verschnaufpausen in Kreuz- und Prenzl’berg abgesehen. Trotzdem hält Schöneberg, mit seinen knapp 117.000 Einwohnern, immer noch Geheimnisse bereit, die mich als interessierten Bewohner anlocken. Als Stadtteilreporter habe ich die Möglichkeit, solchen Mysterien nachzugehen.
Foto: Hartmut Becker

Eine Frage hat mich (und ich denke, auch viele Schöneberger) seit Jahren rätseln lassen – nämlich die Frage nach den vielen „Toms“ in der Motzstraße. Tom, wie alle, die die Motzstraße schon mal durchlaufen haben wissen werden, ist so was wie ein Markenname in der stadtbekannten Schwulenmeile. Und Tom, wer auch immer diese Person sein mag, ist in dem Kiez durchaus namensstiftend. Tom’s Bar – die nicht nur unter Schwulen einen Bekanntheitsgrad erreicht hat, sitzt in der Motzstraße 19, Ecke Eisenacher Straße.

Die Pension Tom’s House existierte bis vor einigen Jahren direkt um die Ecke in der Eisenacher Straße 10. Die Rezeption des gegenwärtigen Tom’s Hotel sitzt ebenfalls in der Motzstraße 19, längsseits der oben erwähnten Bar; Reklameschilder entlang der Motzstraße preisen ein Tom’s Hostel an. Auch ein Tom’s Frühstück wird im Café MORE in der Motzstraße 28 angeboten.

Nur – warum eigentlich immer wieder „Tom“?
Um der Antwort auf die Spur zu kommen, treffe ich mich mit Tim (nicht „Tom“) Baum. Zusammen mit dem Kollegen Mario Senkpiel betreibt der 41jährige Tom’s Hotel. „Als erstes wurde Tom’s Bar um 1980 gegründet“, sagt der stämmige, kurz geschorene Baum. „Die Besitzer haben einige Male gewechselt, doch geschichtlich und gegenwärtig ist die Bar für die Szene wichtig. Viele Schwule aus der ganzen Welt – jüngere sowie ältere – wissen von Tom’s Bar in Berlin.“ Unter den jetzigen Betreibern (die mit denen von Tom’s Hotel freundschaftlich in Verbindung stehen) hat das Lokal täglich von 22 bis 6 Uhr geöffnet; DJs sorgen regelmäßig für Stimmung. Und ja, ein „Darkroom“ (sowas wie ein verdunkelter Vergnügungsraum) steht auch zur Verfügung.

„Als nächstes,“ so Baum weiter, „hatte Tom’s House eröffnet. Die Pension wurde bis in die 90er-Jahre von Schwulen geführt, als sie dann ein Belgier, der der Szene nicht angehörte, erwarb.“ Baum zufolge wurde Tom’s House heruntergewirtschaftet; Ende der 2000er Jahre war Schluss. 2007 wurde die Idee einer schwulenfreundlichen Herberge erneut aufgegriffen; seitdem haben Baum und Senkpiel, die mit Tom’s Apartments (Vermietung von komplett eingerichteten Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen in der unmittelbaren Nachbarschaft zum „Schwulenkiez“) im selben Jahre begannen, für Tom’s Hotel einen guten Ruf erwerben können. „Schwule Männer reisen sehr viel“, meint Baum, „viel mehr als Heteros. Und Berlin ist weltbekannt als eine schwulenfreundliche Metropole. Das alles, plus Berlins boomender Tourismusindustrie, hat unserer Geschäftsidee von sauberen, stilvollen Unterkünften die notwendige Grundlage verliehen.“

Letztes Jahr haben Baum und Senkpiel Toms’s Hostel in der Motzstraße 28 (Ecke Kalckreuthstraße) eröffnet. Aus einem sind drei verschiedene, aber ineinander greifende Konzepte geworden. „Zu Tom’s Hotel kommen meistens Männer zwischen 35 und 55,“ erklärt Baum. „Tom’s Hostel, mit Mehrbett-Zimmern, zieht eher junge Männer, so ab Anfang zwanzig, an. Und Tom’s Apartments, im Allgemeinen, sind für längere Vermietungen gedacht.“ Und Tom’s Frühstück? „Das ist ein gemischter Frühstücksteller samt Getränk. Es wird unseren Hotelkunden in Kooperation mit dem Café MORE angeboten.“

Alles soweit klar. Doch drängt noch immer die Frage – wer ist „Tom“?
„Soweit ich weiß, gab es niemandem namens „Tom“, der mit den verschiedenen „Tom“-Geschäften in Verbindung stand“, antwortet Baum. Ich frage ihn, ob der viel benutzte Reklamename mit dem Finnen Touko Laaksonen (1920 – 1991), weltbekannt als „Tom of Finland“, zu tun haben könnte. Der homosexuelle Laaksonen war ein Zeichner von kultigen, expliziten „Beefcake“- (frei übersetzt als Muskelprotz-) Illustrationen, die durch ihre übertriebene physiognomische Darstellung in zügelloser, oft fetischistischer Deutlichkeit unverkennbar sind. Inzwischen sind einige „Tom of Finland“-Werke sogar in der ständigen Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) untergebracht.

„In den 70ern und 80ern waren Tom-of-Finland-Zeichnungen unter Schwulen sehr angesagt“, erläutert Baum. „Viele Gay-Bars und -Clubs in Nord Amerika und Europa hießen damals „Tom“ – manche vielleicht wegen Tom of Finland und seiner populären Kunst.“ Das alte „Tom’s House“ in der Eisenacher Straße benutzte für ihr Aushangschild sogar eine Figur, die sehr an den Stil von Tom of Finland erinnerte.

„Doch wichtiger als der Name ‚Tom’“, gibt Baum dem Reporter auf den Weg, „ist zu erkennen, dass solche in den 70ern und 80ern von Schwulen gegründeten Einzelunternehmen wie Tom’s Bar, oder Tom’s House, viel für die Akzeptanz und Etablierung von gay-geführten Geschäften geleistet haben. Die waren – und sind – die Bausteine, auf die sich heute viele stützen.“

von T. W. Donohoe

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Queere Feste im Juni

Das 19te Lesbisch-Schwule Stadt-fest Berlins wird zum Wochen-ende am 18. und 19. Juni am und um den Nollendorfplatz gefeiert. Ein wahrhaftiger Regenbogen an Musik-, Tanz- und Comedy-Darbietungen wird an beiden Tagen die Gäste des Festes erheitern. Am Samstag wird die Party von Tilly Creutz-feldt-Jacob von den O-Ton Piraten zwischen 14:30 und 23:00 moderiert; um 16:00 hält regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Eröffnungsrede. Am Sonntag übernimmt Chansonnier Marie Marlene von 15:00 bis 21:00 die Conférencier-Rolle.

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Der 33. Berliner Christopher-Street-Day-Parade wird am 25. Juni in Rahmen des Berlin Pride Festivals 2011 stattfinden. Die schrille, spaßige (nicht nur) schwul-lesbische Demonstration beginnt um 12.30 Uhr am Kurfürstendamm / Ecke Joachimstaler Straße und wird etwa 16.30 Uhr das Brandenburger Tor erreichen. Das diesjährige Thema lautet „Sport“ und läuft unter dem Motto „Fairplay für Vielfalt“. Die Menschenmenge wird Schöneberg von der Tauentzienstraße über Wittenberg- und Nollendorfplatz bis hin zur Einemstraße durchlaufen.

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T. W. Donohoe

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