Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.04.2020

Tödliche Viren

Aus dem Archiv vor 100 Jahren. Von Maria Schinnen

Foto: "Walter Reed Hospital Flu Ward". Photo of Walter Reed Hospital, Washington, D.C., during the great Influenza Pandemic of 1918 - 1919

„Heute früh 7 ¼ Uhr verschied an Lungenentzündung infolge Grippe nach nur 8-tägigem Lager mein heiß geliebtes Kind, meine einzige liebe Tochter und gute Schwester Elsa im blühenden Alter von fast 23 Jahren ...“
„Hiermit die traurige Nachricht, dass unser einziger heiß geliebter Junge an Grippe und Lungenentzündung im Alter von 19 Jahren verstorben ist …“
„Als Opfer der Grippe wurde uns nach kurzem schwerem Leiden unser lieber, herzensguter Sohn im blühenden Alter von 24 Jahren entrissen…“

Diese drei Todesanzeigen stammen aus dem Friedenauer Lokalanzeiger von 1918, 1919 und 1920. Sie stehen beispielhaft für viele Anzeigen aus dieser Zeit. Todesursache war in allen Fällen die „Spanische Grippe“. Vor allem junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren mit intaktem Immunsystem starben daran. Man vermutet, dass es bei ihnen zu einer Überreaktion des Immunsystems (Zytokinsturm) gekommen sei. Die „Spanische Grippe“ war eine der schlimmsten Pandemien, die je über die Menschheit hereinbrach. Schätzungen zufolge forderte sie weltweit mindestens 50 Millionen Opfer. Dabei fing zunächst alles ganz harmlos an.

Auf einer abgelegenen Farm in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas soll im Februar 1918 das Vogelgrippevirus A/H1N1 auf einen Menschen übergegangen sein, der engen Kontakt zu Enten hatte. Die Enten waren wahrscheinlich von Wildvögeln infiziert worden. Der betroffene junge Mann bemerkte zunächst nichts und ging alsbald in ein militärisches Ausbildungslager, wo er dicht an dicht mit seinen Kameraden in einer Baracke lebte. Hier entwickelte er Grippesymptome wie Kopfschmerzen, Husten, Niesen. Über die ausgestoßenen Tröpfchen verbreitete er das Virus in der Baracke. Auch die Kameraden zeigten nun grippeähnliche Symptome, die zunächst nicht tödlich waren. Doch das Virus mutierte in ihren Körpern. Mutationen sind normale Selektionsvorgänge, wobei Viren ihr Erbgut so verändern, dass ihre Übertragbarkeit, also die Chance auf Ausbreitung und damit das Überleben des Virus erhöht wird. Irgendwann entstanden per Zufall auch tödliche Erbgutkombinationen. In den ersten drei Wochen erkrankten 1.100 Rekruten im Camp, 38 starben. Ende März wurden die Soldaten an die Ostküste der USA gebracht und von dort mit Schiffen zum Kriegseinsatz an die Westfront nach Frankreich. Das inzwischen mutierte Virus war mit an Bord. Im April brach die tödliche Grippe dann in den Schützengräben aus, auch unter deutschen Soldaten. Fronturlauber brachten das Virus in alle Teile Deutschlands, so auch nach Berlin und Friedenau. Im Sommer 1918 waren alle Länder Westeuropas betroffen. Die spanische Presse berichtete erstmals ausführlich über die tödliche Krankheit, deren Ursache bis dahin unbekannt war. Seither heißt die Epidemie die „Spanische Grippe“.

Im August schien plötzlich die Zahl der Erkrankten und der Todesfälle abzuflauen. Die Menschen erholten sich wieder. Doch im September brach sie erneut aus, wieder in einem Ausbildungslager in den USA. Inzwischen war das Virus noch weiter mutiert und tötete die Infizierten nach nur wenigen Tagen. Die schwer Erkrankten litten unter Atemnot, Lippen und Ohren verfärbten sich blau, sie spuckten Blut und ihre Lungen wurden zerstört. Die meisten erstickten, da ihre Lungen keinen Sauerstoff mehr aufnehmen konnten. Auch Friedenau verzeichnete im Oktober 1918 die meisten Krankheits- und Todesfälle. Der Friedenauer Lokalanzeiger meldete:

  • 9. Oktober: „Wiederauftreten der Grippe in Groß-Berlin und seiner Vororte. Die Fälle scheinen minder schwer zu sein als bei dem ersten stürmischen Auftreten der spanischen Krankheit im Juni und Juli des Jahres.“  
  • 13. Oktober: „Die Grippe weitet sich in Berlin weiter aus und hat auch in Friedenau viele Einwohner befallen. In manchen Häusern ist fast in jeder Familie ein Kranker.“
  • 15. Oktober: „Die Krankenmeldungen in Berlin haben einen großen Umfang angenommen. Die Zahl von 5.000 wurde längst überschritten. Auch in Friedenau sind die Krankmeldungen sowohl bei Erwachsenen wie bei Kindern erheblich gestiegen. Auch Todesfälle sind zu verzeichnen.“
  • 20. Oktober: „Schließung aller Friedenauer Schulen für eine Woche. Es ist dies in erster Linie eine Vorbeugungsmaßnahme gegen die weitere Ausbreitung der Grippe zu betrachten.“
  • 21. Oktober: „… Das Richtigste wäre wohl, wenn man jetzt alle Versammlungen und sonstige Veranstaltungen, wo Menschenansammlungen erfolgen, verboten würden.“

Viren als Krankheitserreger waren in dieser Zeit noch kaum erforscht. Die Art der Übertragung konnte nur vermutet werden. Am 21. Oktober hieß es:

„Die Krankheit wird nach den bisherigen Erfahrungen dadurch verbreitet, dass die Erkrankten beim Husten von den Schleimhäuten der Atemwege feinste Tröpfchen des daran haftenden Schleims mit ausstoßen. Diese Tröpfchen erhalten sich mehr oder weniger lange Zeit schwebend in der Luft und werden vom Gesunden eingeatmet. Die Krankheit verbreitet sich dort am ehesten, wo in geschlossenen Räumen ein starker Publikumsverkehr stattfindet und wo sich das Publikum stark zusammendrängen muss (Straßenbahn usw.).“

Ausführliche Verhaltensregeln für den Publikumsverkehr folgten. Angemahnt wurde…

  • das Anhusten von Personen zu vermeiden!
  • die Hand vor den Mund zu halten! So könne der größte Teil der Tröpfchen aufgesaugt werden.
  • nicht die hohle Hand, sondern den Handrücken vorzuhalten, um zu verhindern, dass auf Gegenstände, die anschließend von der Handfläche berührt werden, der Ansteckungsstoff übertragen wird.
  • in ein Taschentuch zu husten oder zu niesen! Man nehme dazu ein reines Taschentuch, dessen Schnittkanten aufeinander liegen und das bei einer Viermalfaltung sechs Tüten bildet. Man huste oder niese nun in eine der Tüten.
  • In zahlreichen Artikeln wurden auch häusliche Behandlungsmethoden veröffentlicht:
  • Gurgeln mit einer schwachen Lösung aus essigsaurer Tonerde oder Wasserstoffsuperoxyd zur Desinfektion des Rachenraumes.
  • Kalkkuren mit Chlorkalzium, da man Kalkarmut in der Nahrung als Grippeursache und Schwächung der Lunge vermutete.
  • Phenazon, Antipyrin und Chinin als schmerz- und fiebersenkende Mittel.
  • Leicht eingebrautes Bier als Volksgetränk, da dem Alkohol wertvolle Eigenschaften innewohnen und es sich als das beste Mittel gegen die Grippe erwiesen habe.

Im ersten Halbjahr 1919 ging die Zahl der Erkrankungen tatsächlich zurück. Das lag aber weniger am Alkohol, als daran, dass die meisten der Überlebenden das Virus bereits in sich trugen und nun immun waren. Das Virus mutierte zwar weiter, war nun aber weniger ansteckend und weniger tödlich.

Zu viel Optimismus war jedoch nicht angebracht. Schon 1912 hatte Hofrat Dr. Doll in seinem Buch „Die häusliche Krankenpflege und das Verhalten bei ansteckenden Krankheiten“ gewarnt:
„Die Influenzaepidemien scheinen nach einiger Zeit zu erlöschen, sei es, dass die Infektionsfähigkeit der Keime sich mindert oder die Resistenz der durchseuchten Bevölkerung eine Steigerung erfährt. Die geschichtliche Erfahrung zeigt sogar, dass die Influenza auf längere Zeit verschwinden und damit ganz der Erinnerung entrückt werden kann. Nach 20, 30, 40 Jahren wandert sie plötzlich wieder um den Erdball und erscheint der erstaunten Menschheit als neue unbekannte Krankheit. Das Überstehen der epidemischen Grippe schützt nicht vor neuer Erkrankung …“

 

Kurt Tucholsky, alias Theobald Tiger, hatte seine ganz persönliche Ansicht zur „Spanischen Krankheit“:

Spanische Krankheit?

Was schleicht durch alle kriegführenden Länder?
Welches Ding schleift die infizierten Gewänder vom Schützengraben zur Residenz?
Wer hat es gesehn? Wer nennts? Wer erkennts?
Schmerzen im Hals, Schmerzen im Ohr – die Sache kommt mir spanisch vor.
 
Aber wenn ich’s genau betrachte und hübsch auf alle Symptome achte,
bemerke ich es mit einem Mal: das ist nicht international.
Und seh’ ich das ganze Krankenkorps:
kommt’s mir gar nicht mehr spanisch vor.
 
Ein bisschen Gefieber, ein bisschen Beschwerden, Onkel Doktor sagt:
»Morgen wird’s besser werden!«
Nachts im Dunkel Transpirieren, Herzangst, Schwindel und Phantasieren,
mittags Erhitzen, abends Erkalten, morgen ist alles wieder beim Alten –
Das ist keine Grippe, kein Frost, keine Phtisis – das ist eine deutsche politische Krisis.

Theobald Tiger, Die Weltbühne,
18.07.1918, Nr. 29, S. 64

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden