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25.10.2018

Tod der Puppen besiegelt

In der Oktobersitzung der BVV machte Kulturstadträtin Kaddatz (CDU) in Beantwortung einer Großen Anfrage der CDU ihrem Ärger über eine Senatsentscheidung Luft, indem sie der Versammlung mitteilte, dass das Ausschreibungsverfahren der Senatsverwaltung zur Nachfolge von Hans Wurst Nachfahren am Winterfeldtplatz ohne Anbindung an die Puppenspieltradition des Hauses erfolgt sei, ohne Berücksichtigung der gewachsenen Sozialfunktion des Puppenspiels und ohne Beteiligung der Fachkompetenz des Bezirksamtes. Daher sei das Ergebnis höchst zweifelhaft. Ihre Kritik richte sich aber nicht auf die Auswahl der Gruppe, sondern gegen die Auswahlkriterien selbst.

Foto: Thomas Protz

Foto: Elfie Hartmann

In ihrer Darlegung zitierte sie passend eine Stellungnahme des „Kobalt Figurentheater“: „Da ist über Jahrzehnte in harter kontinuierlicher Arbeit ein kultureller Ort für Figurentheater geschaffen worden, der mit seinem festen Ensemble einmalig war und sowohl das Kinder- und Erwachsenenprogramm bedient hat. Darüber hinaus gastierten Kollegenbühnen dort, womit ein ganzjähriger, gut ausgelasteter Spielbetrieb stattfand, auch das war beispiellos in der Stadt...“ Und in die gleiche Richtung zielt auch ein vor Sitzungsbeginn an die Presse verteiltes Flugblatt von weiteren Puppentheaterschaffenden, so die Unterschrift mit ihren Namen. Darin heißt es, sie seien „erstaunt bis bestürzt“, denn „die Weiterführung des Hauses als tatsächliches PUPPENTHEATER scheint uns nicht gegeben. Wir befürchten, es läuft auf ein Schauspiel mit ggf. Puppenspielelementen hinaus. Auf der Website der Ausgewählten ist keinerlei Puppenspielbezug zu erkennen...“

Nach 25 Jahren am Winterfeldtplatz ist das traditionsreiche Puppentheater „Hans Wurst Nachfahren“ bekanntlich nun Legende geworden, denn die beiden Betreiber Barbara Kilian und Siegfried Heinzmann sind in den Ruhestand getreten. Doch war der Verbleib des Puppentheaters am Standort die letzten Jahre auch gefährdet, denn 2014 wurde das Haus verkauft und der neue Eigentümer wollte die Spielstätte zu einem Tonstudio umbauen. Dank vieler Mühen konnte der Mietvertrag zweimal verlängert werden. Und auch jetzt wieder, nachdem Hans Wurst seinen letzten Auftritt hatte, gelang der Abschluss eines neuen Mietvertrages bis ins Jahr 2023, diesmal durch den Einsatz von Kultursenator Lederer (Die Linke). Doch nicht nur die wackeren Streiter der „Initiative Kiezkultur“, die einst sage und schreibe 16.000 Unterschriften für den Erhalt des Puppentheaters sammelten, auch das ebenfalls auf der Unterstützerseite tätig gewesene Bezirksamt sowie zahlreiche Freunde und Aktive des Puppenspiels sind enttäuscht vom Ergebnis der Nachfolgesuche.

In der Presseerklärung der Senatskulturverwaltung vom 5.10. heißt es recht deutlich, dass mit Gabi dan Droste ein versiertes Team ausgewählt sei, das „mit seinem breiten Netzwerk an Partnerinnen und Partnern aus der Szene … ein Programm anbietet, das über Puppen- und Figurentheater hinaus auf vielfältige Weise Jung und Alt bewegen wird.“ Wer neugierig auf diese „vielfältige Weise“ des Mitte Dezember startenden Programms ist, kann sich davon auf ihrer Internetseite ein Bild machen. Da ist viel die Rede vom Theater als Marktplatz, vom Öffnen des Theaters als Ort des Dialogs und vom Theater als Labor. Übers Puppenspiel ist dort aber rein gar nichts zu finden.

Stadträtin Kaddatz zitierte in ihrem BVV-Redebeitrag dieses nebulöse Vielfalts-Versprechen der Senatsverwaltung und machte darauf aufmerksam, dass auch das zeitgenössische Puppentheater viele unterschiedliche Formen aufweise, die in der Berliner Hochschule für Schauspielkunst sogar eine ortsnahe Ausbildungsstätte hätten, und schloss: „Das würde ich gern auch am Winterfeldtplatz sehen!“ Aus gutem Grund herrscht in der BVV ein strenges Redeverbot für alle Nicht-Verordneten. Sonst hätte der Berichterstatter gerne ausgerufen: Ich auch.

Ottmar Fischer