Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

10.07.2018

Telefonseelsorge goes Boogie-Woogie

Benefizkonzert der Boogie-Woogie-Brothers im Schloßpark Theater zu Gunsten der Telefonseelsorge.

Axel und Torsten Zwingenberger. Foto: Crista Brockmann

In dem kleinen Buch „Lebensstufen“ von Julian Barnes, das ich gerade lese, schreibt der Autor übers Ballonfahren; eigentlich geht es ihm aber darum, zwei Dinge zusammenzubringen, die vorher nicht zusammengebracht wurden.
Daran musste ich denken, als ich zu einem Benefizkonzert für die Telefonseelsorge im Schlosspark-Theater eingeladen wurde, in der die Brüder Zwingenberger, diese alten Boogie-Woogie-Brothers, uns mit ihrer Kunst unterhalten wollten. Zwei Dinge, die bisher nicht zusammengebracht wurden also: der Boogie Woogie und die Telefonseelsorge! Die Idee dazu stammt übrigens von Dieter Hallervorden, ihm sei Dank. Der Boogie Woogie war mir natürlich ein Begriff, die Telefonseelsorge auch – mit beiden hatte ich aber nie viel zu tun gehabt.

Boogie and Soul
Peter Karge, 1. Vorsitzender der Telefonseelsorge Berlin e.V., erzählt von der Bühne herab von der Arbeit der ehrenamtlichen Berater und Beraterinnen, ihrer qualifizierten Ausbildung und verantwortungsvollen Tätigkeit. In mitgebrachten Broschüren berichten sie über ihre Motivation, über besonders eindrucksvolle Gespräche mit Menschen in Krisensituationen und was ihnen ihre Arbeit bedeutet. „Wir wollen noch mehr Ehrenamtliche für diese verantwortungsvolle Aufgabe gewinnen und qualifizieren“, sagt Peter Karge.
Im Gegensatz zu den christlichen Krisendiensten erhält die Telefonseelsorge Berlin e.V. keine Fördergelder und ist auf Spenden angewiesen. Die Benefizgala im Schlosspark-Theater ist also eine Spendenwerbung, und die Brüder Zwingenberger, die unentgeltlich auftreten, sind die Lockvögel. Und sie locken mit Verve!

Boogie Woogie Thundertrain
Als der Boogie in den Fünfzigern auch durch Deutschland rauschte, war ich eine junge Familienmutter und zog meine ersten beiden Kinder auf; Boogie Woogie-Tänzer bewunderte ich vermutlich im Kino in der Wochenschau, Fernsehen gab es ja noch nicht. Gesehen hatte ich es jedenfalls irgendwo und fand es etwas gewöhnungsbedürftig, wenn auch spannend. Eigentlich ist der Boogie Woogie gar kein Tanz, sondern ein Solo-Klavierstil, der vor über hundert Jahren in Texas entstand. Schwarze Bluesmusiker hatten um die Mitte des 19. Jh. ihren Stil von der Gitarre auf das Klavier übertragen, wobei der Blues erheblich an Tempo zunahm, sich auf den langen Weg zum Rock'n roll begab und tanzbar wurde. Beide Musikstile waren angeblich vom Rollen und Stampfen der Dampflokomotiven auf den Railroads geprägt. Und das kann man auch noch nachvollziehen, wenn man Axel Zwingenbergers Finger quirlig wie Vögel über die Tasten rollen und tanzen sieht, unterstützt von Torstens lässiger Wucht und Präzision am Schlagzeug. Es rauscht im Karton. Und das Publikum geht ganz schön mit, Grauköpfe nicken, Schultern zucken: das war unsere Zeit!

Wenn mir neuerdings Dinge
die mir immer wichtig waren
uninteressant erscheinen und ich einige sogar vergesse -
ist das nun Altersweisheit
oder Alzheimer?
….
Aber wenn mich eines Tages eine anständige Rockmusik nicht mehr auf die Beine bringt -
das ist bestimmt Alzheimer!


Sigrid Wiegand