Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

4.12.2017

Tagesmütter in Friedenau

Ein Kinderwagen für Fünflinge. Ja, wo gibt’s denn so was? In Friedenau.

Foto: Christine Bitterwolf

Da sieht man sogar mehrere dieser originellen Gefährte im täglichen Stadtbild, es gibt sie auch für 3, 6 und sogar für 8 Kinder.
Nicht weil hier so viele Großfamilien wohnen, sondern weil die Friedenauer Tagesmütter diese für sich entdeckt haben. Damit haben sie ihre kleinen Schützlinge immer sicher beieinander. Neben den Sitzen sind kleine Haltegriffe angebracht, an denen sich die Kinder festhalten können, wenn sie auf den Spielplatz gehen und selbst laufen wollen. Wenn sie auf dem Rückweg vom Herumtoben erschöpft und müde sind, sitzen sie bequem wie im Gänsemarsch alle hintereinander und können nach Hause gefahren werden. Bei schönem Wetter wird das Verdeck aufgerollt, und die Kinder fahren dann in einem Cabrio.
Die Erste, die so einen praktischen Kinderwagen für ihre Kindergruppe angeschafft hatte, war Frau Steinerstauch. Das war vor 17 Jahren. Sie hatte sich das Modell aus Amerika schicken lassen.

Es gibt viele Eltern, die ihre kleinen Kinder lieber von einer Tagesmutter als in einer Kindertagesstätte (Kita) betreuen lassen, weil sie individuelle Betreuung in der Kleingruppe bevorzugen. Während die Kinder in der Kita von ausgebildeten Erziehern betreut werden, kommen die Tagesmütter meist aus anderen Berufen. Sie haben jedoch ein Grund- und Zusatzzertifikat als Tagesmutter erworben und müssen regelmäßig an Weiterbildungen in Psychologie, Pädagogik, Kinderspiele und ähnlichem teilnehmen. Diese Fortbildungen absolvieren sie in Wochenend- oder Abendkursen, um die Betreuung der Kinder zu gewährleisten. Die Kitas schließen an den Weiterbildungstagen ihrer Erzieher die Einrichtung.
Im Gegensatz zu den Kindertagesstätten, bei denen der Spielplatz mit zur Anlage gehört, wird in der Tagespflege der Ausflug zu einem der nahegelegenen Spielplätze zu einem gemeinsamen Spaziergang. Das Mittagessen kocht die Tagesmutti täglich frisch. Auch die Tagesmütter bemühen sich, neben den Spielsachen zu Haus und dem Spielplatz besondere Beschäftigungsangebote anzubieten. Frau Steinerstauch zum Beispiel hat sich mit anderen Tagesmüttern zusammen geschlossen und geht mit ihren Schützlingen zum Kleinkinderturnen, bei dem ein Sportlehrer dabei ist, und sie treffen sich auch in einer Musikgruppe, für die extra eine Musikpädagogin engagiert wurde.
Natürlich entwickeln die Kinder in so einer kleinen Gruppe zu der Tagesmutter eine engere Bindung als zu einer Kita-Erzieherin, denn sie wachsen ja ähnlich wie in einem Familienverband auf. Und manchmal entwickeln sich auch zu den Eltern fast freundschaftliche Beziehungen.

In Schöneberg-Friedenau gibt es zurzeit ungefähr 70 Tagespflegestellen. Je nachdem ob sie von einer oder zwei Tagesmüttern geleitet werden, können bis zu 10 Kinder betreut werden. Frau Steinerstauch zum Beispiel betreut 5 Kinder in ihrer eigenen Wohnung. Dafür hat sie das Wohnzimmer zum Kinderzimmer umfunktioniert. Hier können die Kinder spielen, essen und schlafen. Sie hat für die Kleinen extra Etagenbettchen aufgestellt, deren Schutzgitter sich auf- und zu klappen lassen. Natürlich geht das alles nur, wenn die eigene Familie dahinter steht. Als Frau Steinerstauch vor 22 Jahren anfing mit der Kinderbetreuung, waren ihre eigenen Kinder noch zu Hause und sind mit den Tageskindern gemeinsam aufgewachsen.
In einer anderen Familie war der Ehemann so begeistert von der Kinderbetreuung, dass er seinen eigenen Job aufgegeben hat, und nun mit seiner Frau gemeinsam eine Großpflegestelle betreibt. Richtig,  in Friedenau gibt es nicht nur Tagesmütter, sondern auch Tagesväter. Ein Engagement, das sich einige Mütter zu Hause von den Vätern ihrer Kinder auch wünschen würden. Hier ist auf dem Gebiet der Kinderbetreuung ein weiterer Schritt zur Gleichberechtigung erkennbar. Leider wird ein Tagesvater, der alleine, also nicht im Verbund mit einer Frau, die Tagespflege anbietet, noch nicht so richtig akzeptiert.

Manchmal ärgern sich die Tagesmütter über Bemerkungen anderer Frauen auf dem Spielplatz, weil einige ihrer Kinder eine Zeitlang alleine spielen, während sie deren Verhalten in dieser Situation von einer Bank aus beobachten. Oder wenn ein kleiner Junge die Schuhe verkehrt angezogen hat, worauf er doch stolz ist, weil er es gerade das erste Mal ganz alleine geschafft hat.
Wirklich wichtig ist für die Tagesmütter jedoch, dass die Eltern, die ihnen die Kinder anvertraut haben, mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Und das bestätigt sich immer dann, wenn die Geschwisterkinder später auch in ihrer Tagespflegestelle angemeldet werden.

Christine Bitterwolf

 

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