Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.03.2013

Streiten? Aber richtig!

Mediation – seit Stuttgart 21 ist das Wort in aller Munde. Was damals Heiner Geißler betrieb, war jedoch lediglich eine Schlichtung, denn weder ist er mit dem Mediationsverfahren vertraut, noch haben die Konfliktparteien gemeinsam eine Lösung des Problems gefunden. Stattdessen entschied Heiner Geißler, wie vorzugehen sei; die anderen haben sich, wenn auch freiwillig, gefügt. Da ich selbst Mediatorin bin, möchte ich hier Aufklärungsarbeit leisten. Im folgenden Text werden die Begriffe Mediator und Mediatorin abwechselnd genannt. Das jeweils andere Geschlecht ist immer mitgemeint.

Bei einer Mediation durchlaufen die Streitenden ein professionell angeleitetes, strukturiertes Verfahren in fünf Phasen, in dem die Beteiligten bei der Konfliktbearbeitung von einer oder mehr Mediatorinnen unterstützt werden. Das Ergebnis steht nicht im Vorhinein fest, es ist nicht Aufgabe der Mediatoren, ein gewünschtes Resultat zu erzielen. Was schließlich in der schriftlichen Vereinbarung am Ende der Mediation steht, ist allein Sache der Konfliktparteien, denn nur sie sind die Experten in eigener Sache.
Ist es diese Eigenverantwortlichkeit, die viele Menschen zurück-schrecken lässt, eine Mediation in Anspruch zu nehmen? Sind es die Kosten, die pro Sitzung – drei bis fünf könnten es werden - einer Übernachtung in einem Hotel der einfacheren Kategorie entsprechen?  Oder liegt es an der Furcht vor Gesichtsverlust oder Seelenstriptease? Denn wer weiß, was einem  bei diesem Verfahren alles zugemutet wird ...

Wie also verläuft so eine Mediation?
Zunächst werden gemeinsame Gesprächsregeln festgelegt: Einander ausreden lassen, nur die eigene Sicht der Dinge schildern, respektvoll bleiben und anderes. Die Mediatorin sorgt für einen achtsamen Umgang miteinander und hat die Gesprächsführung inne.
Nachdem man sich schon lang argumentativ im Kreis gedreht hat und womöglich nur noch zankt – oder gar nicht mehr miteinander redet – und der Zustand für beide unerträglich geworden ist, kommt der Moment, sich an Verständigungsfachleute zu wenden. Die beiden Parteien (es können auch mehr sein, aber nehmen wir mal ein Paar an) schildern nun – jeder für sich – dem Mediator, welches Problem ihnen auf der Seele liegt, welche Themen ihnen wichtig sind. Das wird für alle sichtbar notiert. Danach entscheiden die beiden, welches Thema bearbeitet werden soll. Hier: Die Hausarbeit, hier verkürzt auf einen banalen, aber endlosschleifentauglichen Aspekt – auch mit vertauschten Rollen denkbar:
„Nie bringst Du den Müll runter!“ (Sie) „Na dann sag doch was – kann ich Gedanken lesen?!“ (Er)„Kannst Du nicht mal selbst denken?“ (Sie) „Ich kann es nicht mehr hören!“ (Er), usw…

Im zweiten Schritt erzählen die Klienten, wie es ihnen mit dem Problem geht, wie sie damit umgehen, was die Situation in ihnen auslöst. „Ich könnte ausrasten, wenn ich sehe, dass der Müll überquillt und er trotzdem noch was reinstopft.“ – „Ich habe den ganzen Tag Stress, da kann ich mich nicht auch noch um solche Kleinigkeiten kümmern!“ Die Mediatorin fasst zusammen: „Sie ärgern sich, dass Ihr Mann nicht einen Teil der Hausarbeit übernimmt?“ „Sie sind abends erschöpft und finden den Müll deshalb nicht so wichtig?“

Behutsam werden die Gefühle herausgearbeitet, die die konflikthafte Situation auslöst. Doch unter den Gefühlen ist ein innerer Auslöser, der erst dazu führt, dass es einem schlecht geht, und dahin führen die nächsten Fragen und Denkanstöße des Mediators. Beispielsweise: „Wie war es früher – wie war es anders? Wann hat es funktioniert? Wie war es in Ihrem Elternhaus geregelt? Was, glauben Sie, erwartet Ihr Partner / Ihre Partnerin von Ihnen, wenn er/sie sich so verhält?“, und ähnlich weiter. Sich selbst erforschen und in die Haut des anderen schlüpfen, so kommt man sich selbst auf den Grund. Und was findet man da? Vielleicht dieses:
„Ich komme mir so unbedeutend vor, wie ein Putzlumpen, den man nach Belieben benutzen kann – völlig wertlos, nur weil ich gerade nicht so toll zum Haushaltseinkommen beitrage. Dabei stimmt das gar nicht!“ – „Und wer erkennt meine Arbeit an? Im Job ist es schon selbstverständlich, dass sich mein Pensum dauernd erhöht, und zuhause jetzt auch noch? Ich komme mir vor wie in einer Falle!“
Wertschätzung fehlt ihnen, und Anerkennung, und beide brauchen Unterstützung vom anderen in ihrem anstrengenden Leben – und zwar nicht nur durch Taten, sondern auch durch Zuwendung. Da gibt es den Wunsch nach Sicherheit, Geborgenheit, Entlastung… das Gegenüber wird wieder sichtbar, hörbar, als Mensch greifbar und einem neuen Verstehen zugänglich. Durch diese Erkenntnis wird der Kopf endlich frei für eine Lösungssuche. Jetzt sind die beiden wieder in der Lage, nicht nur über die Mediatorin, sondern auf Augenhöhe miteinander zu reden, denn sie konnten durch die Übersetzungsleistung ihres Vermittlers die innere Not des anderen hören. Was könnte man denn alles tun, um sich das gemeinsame Leben zu erleichtern? Ein Brainstorming ist angesagt. Freie Zeiten für sie und für ihn? Ein Babysitter für einen Abend als Paar? Eine neue Arbeitszeitregelung? Öfter mal eine Auszeit bei den Großeltern? Überhaupt erst mal die häuslichen Pflichten definieren? Die eigenen Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung überprüfen?

Den beiden wird schon etwas einfallen. Und zugleich sehen sie vielleicht, dass viele der anderen Punkte auf der Themenliste vom Anfang durch ihr Gespräch schon wegfallen oder weniger wichtig geworden sind. Was übrig ist, kann in einer anderen Sitzung weiterbearbeitet werden. Ihre konkrete Vereinbarung zum aktuellen Problem wird gemeinsam formuliert, schriftlich festgehalten und von beiden unterschrieben. Dann nehmen sie das Papier mit, um es vielleicht irgendwo sichtbar für beide aufzuhängen. Nach ein paar Wochen lädt der Mediator die zwei nochmals ein, das Ergebnis der Vereinbarung zu reflektieren und gegebenenfalls nachzubessern.
Es ist wahr, niemand kann wissen, wie ein solches Konfliktgespräch ausgehen wird. Oft genügt es, die eigenen Bedürfnisse und die des Konfliktpartners zu verstehen, damit man die richtigen Maßnahmen einleiten kann. Oder vielleicht kommt es zur Trennung; dann kann in einer Mediation die Bearbeitung der Folgen auf möglichst zivilisierte und reibungsarme Weise erfolgen. Seit dem Sommer 2012 gibt es ein Mediationsgesetz, das den Einsatz von mediativen Verfahren anstelle von Gerichtsverfahren fördert. Auch das Justizministerium hat erkannt, dass auf gütlichem Wege einvernehmlich getroffene Regelungen nachhaltigere, befriedigendere und insgesamt zeitsparende und kostengünstigere Ergebnisse erzielen als Rechtsstreite.

Beim Bundesverband Mediation (www.bmev.de) kann man sich nach Mediatorinnen und Mediatoren in Wohnortnähe erkundigen. Dieser Verband ist mit der Ausarbeitung von Zertifizierungsrichtlinien für Mediatorinnen und Mediatoren vom Bund beauftragt. Nähere Informationen und Links zu den anderen Mediationsverbänden findet man auf der dortigen Website, und zu diesem und anderen mediativen Verfahren auch bei www.schlichten-in-berlin.de.

Sanna v. Zedlitz

 

Anmerkung der Redaktion:
Sanna von Zedlitz arbeitet seit 2004 ehrenamtlich in der Redaktion der Stadtteilzeitung und ist seit einigen Jahren als Mediatorin berufstätig [http://www.zedlitz-mediation.de].

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