Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.09.2013

Stolperstein-Stopp in Tempelhof-Schöneberg!?

Passend zum Themenjahr "Zerstörte Vielfalt" hier eine Pressemitteilung der Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße Friedenau zur geplanten Streichung der Kooerdinierungsstelle Stolpersteine im Archiv des Bezirks Tempelhof Schöneberg.

Foto: Thomas Protz

In Schöneberg und Tempelhof sind seit 2003 mehr als 550 Stolpersteine verlegt worden. Das Interesse steigt von Jahr zu Jahr. Immer mehr Paten und Initiativgruppen sind von dem Kunstwerk und Geschichtsprojekt Stolperstein überzeugt und erarbeiten im Vorfeld der Verlegungen die Biografien der deportierten und ermordeten ehemaligen Nachbarn. Viele Angehörige und Nachkommen von Opfern des NS-Terrors melden sich aus allen Teilen der Welt und möchten für ihre Angehörigen Stolpersteine legen lassen.

Wir - die Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße Friedenau - mussten nun erfahren, dass man in Tempelhof-Schöneberg seit diesem Frühjahr keine Stolpersteine mehr anmelden kann. Der Grund hierfür ist die offensichtlich kurz bevorstehende Beendigung der entsprechenden ABM-Stelle zur Koordinierung der Stolpersteine. Dass diese Stelle nicht erhalten bleibt, ist umso unverständlicher, weil vor kurzer Zeit die Koordinierungsstelle für Berlin ausgeweitet wurde und weitere finanzielle Mittel für den Internet-Auftritt der Berliner Koordinierungsstelle (mit der Veröffentlichung der Biografien von bisher 5.000 Opfern) aufgewendet werden.
Die Koordinierungsstelle im Archiv des Bezirks Tempelhof Schöneberg muss unbefristet erhalten bleiben, da hier eine fundierte Recherche und genaue Koordination  stattfindet,  die ehrenamtlich  in dem notwendigen Umfang nicht geleistet werden kann. Zu jedem Einzelschicksal  wird  in Tempelhof Schöneberg  eine Biografie erstellt. Der Bezirk mit dem bayerischen Platz, in dem 16.000 Juden lebten, muss ein  Zeichen setzen, dass  nicht  nur von einem  Gedenken geredet, sondern dieses auch aktiv unterstützt wird.

Die Öffentlichkeit und (nahezu) alle PolitikerInnen Berlins äußern sich positiv zu den Stolpersteinen und die Gedenk-Arbeit, die damit verbunden ist. Diese Arbeit - Recherchen, Kommunikation mit und Einladung von Angehörigen, Organisation der Übergabezeremonien - wird von den Paten ehrenamtlich geleistet - auch alle finanziellen Aufwendungen werden von den InitiatorInnen getragen. Es ist eine Zumutung, die Angehörigen  und Paten  lange  zu vertrösten. Auch können die Kinder und Enkel der Ermordeten  aus Altersgründen oft  nicht mehr unbegrenzt reisen. Für sie bedeutet   eine Stolpersteinverlegung  eine bewegende  Würdigung ihrer  Verwandten, von denen oft nicht einmal bekannt ist, wo sie ermordet wurden. Wir hoffen, dass alle DemokratInnen, die sich in unserem Bezirk positiv und unterstützend zu dieser Art des Gedenkens der Opfer des Holocaust und der NS-Herrschaft äußern, sich aktiv dafür einsetzen werden, dass diese wichtige Koordinierungsstelle im Archiv Schöneberg erhalten bleibt beziehungsweise in eine unbefristete Arbeitsstelle umgewandelt wird.

In diesem Frühjahr sind mehrfach die Stolpersteine in Friedenau durch Übersprühen und Lackieren mit schwarzer Farbe geschändet worden, eines der Mitglieder unserer Initiativgruppe wurde bedroht und vor kurzem ist die Informationstafel, die an den  jüdischen Architekten des Roxypalastes in der Rheinstraße erinnert, geschwärzt worden. Gerade jetzt also ist es wichtig, rechtsradikalen Übergriffen entgegenzutreten; und das können wir mit der Verlegung von Stolpersteinen und dem damit verbundenen Gedenken der Opfer des Nazi-Terrors.

Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße Friedenau: Sigrun Marks, Ingrid Schmidt, Lisa Reinecke, Ina-Marie Gorgis, Angelika Hermes, Helmut Pohren-Hartmann, Ernst Karbe, Wolfgang Meckel, Gregor Mann, RC Timm Kontakt: Petra Fritsche, Tel. 85072025 - petra.fritsche@freenet.de

Folgende Paten aus Tempelhof-Schöneberg unterstützen unseren Aufruf:
Erdmuthe Koppe und Claudia Roth (für die Initiative Goßlerstraße)

Helga Lehmann, Ute Junker, Hermann Dreer, Doris Zimmermann, Jutta und Günter Menkel, Florian Dorndt, Eva Wertheim, Eberhard Radczuweit  (für die Initiative Malerviertel, die sich nach dem Angriff auf den Rabbiner Daniel Alter gründete)

Monika, Manfred und Malte Schlösser sowie Oranna Dimmig (für die Initiative Nollendorfstraße)

Susanne Streese (für die Friedrich-Bergius-Schule)

Claudia Gdaniec, Gabriele Brenger, Marta und Jürgen Schaffer, Ingar Brueggemann, Renate Pelzl, Martina Voigt, Tobi Tigerfisch, Elsa Cauer, Thomas Hahn, Johanna Bussemer, Almut Kirstein, Susanne Rothe, Wolf Thieme, Heidi Bischoff-Pflanz,  Mathhias Bollmann, Jutta Wagner, Amelie Döge, Anne Frisus, Rudi Raphael und Miriam Simonsohn, Sibylle Zeilinger