Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.12.2017

Stoff aus Berlin

Die Berliner Wirtschaft setzt ihre Hoffnung - abgesehen vom ohnehin boomenden Tourismus - auf Startups und New Economy. Junge Menschen, die mit modernsten Technologien ihre Kreativität spielen lassen und für die Umsetzung ihrer Geschäftsideen Geld über Sponsoren, Finanziers oder per Fundraising suchen. Manches gelingt, vieles auch nicht, in der Presse werden immer nur die wenigen Einzelfälle, die es geschafft haben sich am Markt zu etablieren, hochgelobt.

Johann Adolph Heese. Archiv Steglitz-Museum

Fast in Vergessenheit geraten ist, dass Berlin bereits seit Jahrhunderten ein Tummelplatz für innovative Ideen und wirtschaftliche Kreativität war, insbesondere auch durch Zuwanderer. Denken wir nur an die Immigration der Hugenotten Ende des 17ten Jahrhunderts. Sie brachten ihre größtenteils landwirtschaftlichen und herausragenden handwerklichen Kenntnisse mit, die sie mit Unterstützung des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und später vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (Sponsoren!), sowohl im Manufakturwesen als auch im landwirtschaftlichen Bereich zur Blüte brachten. Einen Misserfolg gab es allerdings: Dem vom Preußischen Hof so sehr erhofften Anbau von Maulbeerbäumen für die Seidenraupenzucht war kein Glück beschieden. Das 1716 für die Anpflanzung der Maulbeerbäume zugewiesene Gebiet, das heutige Moabit, damals noch ein Sandgebiet, die sogenannte große Stadtheide, erwies sich als völlig ungeeignet für das Gedeihen der so begehrten, exotischen  Bäume.  Aber auch das hatte sein Gutes: Auf der Sandfläche wurde 10 Jahre nach dem gescheiterten Versuch des Maulbeerbaumanbaus von den Immigranten ein in Preußen bis dato völlig unbekanntes Edelgemüse angebaut: Spargel. Und der fand reißenden Absatz bei den Berlinern. Der Brandenburgische Spargelanbau entwickelte sich erst später.

Aber zurück zu den Maulbeerbäumen. Die wurden zu der Zeit auch in kleineren Anpflanzungen in anderen Teilen Berlins angebaut – zwar ebenfalls ohne Erfolg für die Seidenraupenzucht, überlebt haben trotzdem einige. So z.B. in unserem Kiez im Naturpark Südgelände vor der ehemaligen Lokhalle. Und etwa 100 Jahre nach den ersten gescheiterten Anbauversuchen erfuhren die begehrten Futterbäume für die Seidenraupen eine Renaissance, und zwar im heutigen Steglitz.

Der technikbegeisterte und experimentierfreudige Seidenwirkermeister Johann Adolph Heese (geb. 1783) gründete in den 20ern des 19ten Jahrhunderts sowohl eine Seidenwarenmanufaktur als auch eine Seidenwarenhandlung. Das Geschäft boomte, Heese wurde königlicher Hoflieferant, die „feine Gesellschaft“ Berlins war begeistert von dem edlen Material. Mit der reinen Herstellung und dem Verkauf von Seidenstoffen war es bei Heese aber nicht getan. Schon lange interessierte den umtriebigen Unternehmer der Seidenherstellung. Er informierte sich über die Fortschritte und Entwicklungen im Ausland und wagte schließlich sein eigenes Experiment. Die ersten Maulbeerbäume pflanzte er 1840 auf einem Areal im heutigen Steglitz, im Bereich Schloß- und Grunewaldstraße, später kam eine Plantage dazu, die jetzt von der Heese-, Berg-, Filanda- , Plantagen und Südendstraße eingegrenzt wird. Auswärtige Laubankäufe deckten anfangs den Nahrungsbedarf der Seidenraupen, für die Zucht stellte er den versierten italienischen Seidenraupenzüchter Bolzani an. Einen herben Rückschlag erlitt das Unternehmen 1844: Wild hatte die Plantage entdeckt und tausende Bäume kahl gefressen. Heese ließ sich nicht entmutigen und errichtete Zäune. Und baute dort, wo heute das Rathaus Steglitz steht, seine Seidenfabrik. Raupenzucht, Kokonhaspelei und Rohseidenveredelung, alles unter einem Dach. Eine, heute würde man vielleicht sagen: „All in one Fabrik“. Sehr innovativ. Bis zu 8000 Pfund Rohseide wurde hier gewonnen, aus dem „Rohstoff“ von über 100.000 Pfund Kokons. Heese nannte seine Firma „Filanda“, das italienische Wort für „Kokon-Haspelei“, es bezeichnet den Vorgang des Abwickelns des Seidenfadens eines Kokons des Maulbeerseidenspinners.

Die Verbesserung der technischen Seite der Seidengewinnung trieb Heese ebenfalls voran. Seine Haspelmaschinen nutzten die Energie des Wasserdampfs des Dampfmaschinenantriebs für weitere Verarbeitungsprozesse. Die von ihm weiterentwickelten Haspelmaschinen wurden in europäische Seidenanbauländer und sogar bis Südafrika exportiert. Und auch die Maulbeerbaumsamen der Heese-Plantage und Eier für die Raupenzucht waren in ganz Europa begehrt. Das Seidenbauzentrum Heese in Steglitz war in den 1850er Jahren eines der bedeutendsten Unternehmen dieser Art in Europa.  

Johann Adolph Heese starb 1862, beerdigt wurde er auf dem Dorffriedhof Steglitz. Seine Söhne führten das Unternehmen bis zur Schließung 1889 fort. Die in Europa damals bereits seit Jahren grassierende Seidenraupenseuche griff auch auf die Steglitzer Plantage über und bedeutete das Ende des Seidenbauzentrums der Firma Heese.
Ein Relikt dieses beeindruckenden Unternehmertums in der Steglitzer Geschichte ist heute noch zu bestaunen: Der Jahrhunderte alte Maulbeerbaum auf dem Althoffplatz, seit 1961 gilt er als Naturdenkmal.  

Rita Maikowski
(Ein Genießer-Tipp: Es muss nicht immer Seide sein, Maulbeermarmelade schmeckt wunderbar!)