Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

20.04.2020

Stellungnahme zur weiteren Schließung von Kitas, Schulen und Spielplätzen

Bei den Diskussionen rund um die Corona-Maßnahmen vermissen wir im PFH eine Reflexion der Lebensbedürfnisse von Kindern. Bei künftigen Entscheidungsprozessen müssen die Interessen von Kindern verstärkt berücksichtigt werden.

Seit dem 17. März sind Kitas, Schulen, Spielplätze und andere Räume für Kinder in Berlin geschlossen, gleichzeitig gilt seitdem ein weitgehendes Kontaktverbot zwischen Personen, die nicht zum selben Haushalt zählen. Seit bald fünf Wochen sind die meisten Kinder mit ihren Familien isoliert, soweit sie nicht eine Notbetreuung in Anspruch nehmen dürfen. Als Träger von Kinder- und Jugendeinrichtungen möchten wir mit dieser Stellungnahme auf die Problematik dieses Zustandes hinweisen und die eigenen Rechte der Kinder als wichtiges Kriterium in die weiteren Überlegungen und Entscheidungsprozesse einbringen. Wir verstehen dies als einen Beitrag, der die notwendige Generationengerechtigkeit nicht infrage stellt. Wir möchten stattdessen beitragen zu einem solidarischen Miteinander in der Gesellschaft sowie einem Dialog darüber.

Kinder brauchen Kinder! Sie sind gerne mit anderen Kindern zusammen, wollen dazugehören und von anderen Kindern lernen. Das Recht auf Förderung, das neben kognitiven auch soziale und emotionale Aspekte umfasst, schließt notwendig den Kontakt von Kindern untereinander ein. Obwohl für die meisten Kinder eine starke Bindung an die Eltern wichtig bleibt, rücken mit zunehmendem Alter die Gleichaltrigen in den Mittelpunkt der Lebensgestaltung. Bedeutsam werden deshalb vor allem die Beziehungen der Kinder untereinander. Was Kinder miteinander tun, kann aufgrund der prinzipiell positionellen Gleichheit nur innerhalb der Kindergemeinschaft geschehen. Kinder untereinander sind laufend mit Aushandlungsprozessen beschäftigt, in denen es um Fairness, einleuchtende Argumente und die Regulation von Beziehungen geht - also um moralische, kommunikative, kognitive und emotionale Entwicklungen. Nicht zufällig werden um das Einschulungsalter herum oft erstmals bedeutsame und langanhaltende Freundschaften geschlossen. Kinder dieses Alters beginnen zu ahnen, dass ihr späteres Leben zunehmend nicht mehr von den Eltern verbürgt werden wird, sondern zusammen mit den Gleichaltrigen gestaltet werden muss. Durch Freundschaften entsteht das Gefühl dafür, was ein anderer Mensch wirklich braucht. Den Freund, die Freundin verstehen heißt lernen, die Welt bewusst mit den Augen eines Gegenübers zu sehen. Diese Prozesse verlaufen oft nicht spannungsfrei. Deshalb ist es gut, wenn in Kitas und Schulen Kinder auf Erwachsene treffen, die ihnen auch in kritischen Verläufen individuell wie gemeinschaftsbezogen zur Seite stehen.

Eine umfassende Isolation sowie der monatelange Entzug von Bildung und Betreuung stellen aber einen massiven Eingriff in die Grundrechte der Kinder dar. Sie können nur gerechtfertigt werden durch die besondere Gefährdung der individuellen wie gemeinschaftlichen Gesundheit. In der Empfehlung des Leopoldina-Gremiums vom 14. April 2020, dass "die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben" sollen, vermissen wir eine Reflexion der aktuellen Lebenssituation und der Lebensbedürfnisse von Kindern. Die Stellungnahme lässt die benannten Bedürfnisse von Kindern völlig außer Acht und verfehlt dabei die selbst formulierte Forderung, Zielkonflikte zu identifizieren und bei der Entscheidungsfindung abzuwägen. In der von der Bundesrepublik ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention wird schon im Art. 3 den Kindern zugesichert, dass "das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt [ist], der vorrangig zu berücksichtigen ist". In den kommenden Entscheidungsprozessen sind deshalb auf übergreifenden wie lokalen Ebenen die Lebens- und Entwicklungsinteressen der Kinder deutlicher als bisher zu berücksichtigen.
Prof. Ludger Pesch
Direktor des Pestalozzi-Fröbel-Hauses
https://www.pfh-berlin.de/de/prof.ludgerpesch

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