Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

7.04.2020

Stellungnahme zur Diskussion über die Zwangsisolation für Ältere über 70 Jahre

Mit großer Sorge sieht die Seniorenvertretung Tempelhof-Schöneberg wie eine eilfertige Diskussion über eine Isolation oder gar eine Zwangsquarantäne für ältere Menschen über 70 stattfindet (etwa im Tagesspiegel vom 26.März unter dem Titel „Alt und alleine “)

Bring Corona nicht zur Oma - die Berliner Kreativwirtschaft mit ganz neuen Aufgabenfeldern © Oliver Feldhaus

Ja, es ist richtig und die Wucht der Zahlen besagteindeutig, dass die über 70-Jährigen und noch mehr die Hochbetagten und über 80-Jährigen zu den Hochrisikogruppen gehören. Besonders wenn sie Vorerkrankungen haben und erhöht, wenn es sich um Männer handelt. Undja,deshalb ist es auch richtig, schon aus Selbstschutz, aber auch zum Schutz anderer, die sozialen Kontakte zu reduzieren.
Daraus eilfertig, unbedacht und pauschaleine soziale Isolation der Älteren und deren Verbannung aus der Öffentlichkeit zu konstruieren, ist dem Problem aber nicht angemessen.
Schon die undifferenzierte Betrachtung der heterogenen Gruppenstruktur der älteren Menschen wird ihnen nicht gerecht. Oder wie die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Ein trainierter 60-Jähriger kann besser mit Covid-19 fertig werden als ein schlapper 40-Jähriger “.
Wenn aus sozialer (körperlicher) Distanz unversehens soziale Isolierung und Zwangsquarantäne (Tagesspiegel 26.3.) wird, wirft das mehr Fragen auf als das es zur Lösung beitragen kann. Etwa: Wer wollte denn die isolierten Älteren versorgen und auch dafür sorgen, dass die Versorger nicht positiv sind. Oder: Viele Ältere in der häuslichen Pflege werden von ihren Partner*innen versorgt und gepflegt. Wer übernimmt den gesellschaftlich notwendigen Pflegeaufwand.
Oder: Soziale Isolation macht krank und fördert Demenz. Dabei sind schon heute die Folgen der Reduktion der sozialen Kontakte durch die Schließung der Seniorenfreizeitstätten oder anderer betreuender Einrichtungennicht absehbar. Oder: Undurchdachtist der Vorschlag auch für ältere Migrant*innen, von denen es mehr und mehr gibt und die längst nicht mehr im Familienverbund leben, aber auf Kontakt zur Community angewiesensind.
Das sind nur einige der Fragen,die sich für die Betroffenen auftun. Welche Alternativen gibt es? Was könnte auch diskutiert werden? Liest man die Wucht der Zahlen anders, so könnte die Kombination hochaltrig und Vorerkrankung auf die Situation in den Seniorenheimen und Pflegeinrichtungen hinweisen. Und dann müsste man die unzureichenden Verhältnisse dort diskutieren, statt sie durch Isolation zu verdrängen. Schon seit Jahren wird der „Pflegenotstand“ beklagt. Jetzt klagen die Beschäftigten darüber, dass sie nicht hinreichend mit schützenden Masken und Kitteln versorgt werden. Die Situation in der Pflege müsste ganz anders als bisher gewichtet werden.
Eine noch einmal intensivierte Information über das Risiko älterer Menschen und die Einforderung gesellschaftlicher Rücksichtnahme für Ältere würde die Ausbildung lokaler Versorgungsstrukturen und das Bilden sozialer Netze fördern.
Was ist mit einem kostenlosen Lieferservice für Ältere oder — unter Präventionsgesichtspunkten — gesonderte Einkaufszeiten für Ältere. Wo sind die hilfreichen Hände, die in den Pflegeheimen und Seniorenheimen jetzt für funktionierendes Internet, Geräte und den elektronischen Kontakt zu den Kindern und Enkeln sorgen? Denn gerade die Hochbetagten sind es doch, die den Schritt in die elektronische Welt noch nicht gemacht heben.
Das sind nur einige Fragen, weswegen wir die aktuelle Diskussion zur Zwangsisolation der Menschen mit 70-Plus mit großer Sorge betrachten. Eine differenzierte und wertschätzende gesellschaftliche Debatte sieht anders aus!

Berlin, 27.März 2020
seniorenvertretung@ba-ts.berlin.de
www.seniorenvertretung-tempelhof-schoeneberg.de

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