Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

04.03.2023 / Orte und Plätze

Sprechende Steine oder stummer Beton

Von Elfie Hartmann. Zwischen dem imposanten DB Tower hindurch geschritten in Richtung des berühmten Ritz Carlton befindet sich, schräg rechts sichtbar, das nicht weniger bekannte Hotel Marriott Berlin. Und genau hier gehts linksseitig schon in Richtung Tiergarten und zwar direkt die „Berliner Freiheit“ genannte Straße entlang. Ein unbestimmtes Gefühl von erlebbarer Freiheit fühlt man denn auch gleich hautnah, schnurstracks in Richtung Park, und damit in die merklich zunehmende Stille eingetaucht.
Im Lärm der Stadt ein Ort der Ruhe. Foto: Elfie Hartmann

Zu Fuß ca. fünf bis zehn Minuten dorthin unterwegs, befindet man sich nämlich im Großen Tiergarten. Und dann sieht man sie auch schon, diese Anzahl von grob bearbeiteten sowie teilweise seidig feingeschliffenen einzelnen Felssteinen und die scheinbar willkürlich dort platzierten Steinformationen.

Stonehenge in Berlin
 
Zuerst fällt sicherlich der Kreis aus mittelgroßen Felssteinen auf. Findlinge? Oder das Stonehenge, ein gefühltes Berliner Stonehenge? Ganz genau so wirkt es nämlich als erste Wahrnehmung. Und schon will man erfahren, was, und wer die Steine dorthin gebracht hat. Vor allen Dingen: Warum? Was haben sie für eine Bedeutung? Und hier bekommt der Leser dann auch umgehend die Geschichte dieser vorerst so merkwürdig und fast befremdlich scheinenden Formationen dazu serviert. Nichts passierte hier nämlich willkürlich.

Da gab es mal einen kleinen Jungen, der in einem oberbayerischen Dorf mit nur drei Bauernhöfen aufwuchs. Geboren wurde er 1932 als Abkömmling eines verarmten Landadels. Fünf Jahre nur besuchte er die Volksschule. Sein Name: Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld. Er lernte erst einmal Keramiker, arbeitete später auch als Kellner. Doch es zog ihn in die Welt hinaus. Mehr und mehr empörten ihn während seiner stets recht unkonventionellen Art zu reisen die katastrophalen Zustände der Welt. Er war schier unfähig, diese einfach abzuhaken, gar zu vergessen. Unerträglich war für ihn die Gier der Menschen anzusehen, oft erlebte lethargische Gleichgültigkeiten und immer wieder auch brutale Gewissenslosigkeit. Er war dermaßen abgestoßen, dass er beschloss, ein Zeichen zu setzen. Und so entstand im Jahr 1997 das Global Stone Projekt im Berliner Tiergarten.

Ein Mann und eine Mission
 
Selbst im Großen Tiergarten an-gekommen, entdeckt man als erstes wohl die fünf größten Felsen, die aus fünf Kontinenten hierher transportiert wurden. Dieses globale Kunstwerk ist als Lebenswerk des Künstlers zu sehen, zu fühlen oder auch zu er-klimmen. Es erzählt die Stationen seines Lebensweges. Und man berichtete, dass er manchmal vorher mit den Steinen gesprochen habe am jeweiligen Fundort, manche Steine in der Savanne selbst gesprochen haben sollen. Ein Stein sollte dem Transport sogar erst selbst zugestimmt haben müssen. Es gab natürlich auch immer wieder Komplikationen mit den Indigenen. Doch der Künstler blieb einfühlsam, empathisch und hartnäckig zugleich.

Die zwei gletscherweißen Felsen aus Quarzkristall liegen hier als Elemente einer interkontinentalen Skulptur. Sie wiegen mehr als 40 Tonnen und allein den Transport zu bewältigen, hatte anfangs eine schier unvorstellbare Dimension erreicht. Die Monolithen aus dem Ural sind explizit platziert und zwar präzise genau in derartiger Position ausgerichtet, dass sie jedes Jahr am 21. Juni durch die Sonnenstrahlen verbunden werden. An diesem faszinierenden Naturschauspiel nimmt die Öffentlichkeit inzwischen zahlreich teil. Die Einheit unserer Erde mit den Planeten soll damit dargestellt werden. Der Künstler lädt die „Steinfreunde“ alljährlich zur Sonnenwende dazu ein.

In Sichtweite liegt ein schwarzer, gleichfalls im entsprechenden Winkel zur Sonne platzierter Felsstein. Die Aufschriften in sieben Sprachen stimmen sofort besinnlich: Esperanza, Hoffnung, darunter Hogenzea hope. Des weiteren sind chinesische und arabische Schriftzeichen zu erkennen. Ganz unten das Datum = 29.1.2002. Durch die Spiegelung jeweils am erwähnten 21. Juni entsteht hier in Berlin ein unsichtbarer Kreis aus Licht. Das Licht des Friedens, das symbolische Licht einer Mission für den Frieden. Und die unterschiedlichen Gestaltungen der bearbeiteten Felsen dabei zu betrachten, müssen einfach jeden Teilnehmer faszinieren und gefangennehmen.
Das Formen und Polieren der Steine passierte übrigens immer vor Ort und freiwillige Helfer, sogar viele Kinder kamen gerne hinzu, um der Entstehung dieses Friedensprojektes damit beiwohnen zu können.

Öffentliche Meditationen

Im August 2020 meditierten und beteten hier mittlerweile über 150 Teilnehmer zusammen unter freiem Himmel. Sie waren gekommen, um für den Frieden und globales Bewusstsein sowie Vergebung zu bitten.

Der rötliche, ebenso vor Ort (an-) fühlbar seidig geschliffene Stein wurde 1999 aus Venezuela hierher geschafft. Er steht für Liebe. Der große schwarze Granit steht für Hoffnung. Der weiße Quarzkristall aus dem Ural für Erwachen. Die kreisförmige Aufstellung der Felssteine steht für Vergebung.
Und diese inzwischen geschichtsträchtigen Felssteine haben ihr endgültiges Zuhause im Großen Tiergarten bei uns in Berlin gefunden. Die gesamte 210 Hektar große Parkanlage ist Teil des zentralen Ortsteils Tiergarten im Bezirk Mitte und angrenzend an Schöneberg.

Aus dem alten Jagdgelände ist heute ein öffentlicher Park geworden. Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld hat dort ein Zeichen für globales Bewusstsein gesetzt. Und der oberste Gartendenkmalpfleger unserer Hauptstadt, sprach damals sogar vom „Berliner Stonehenge“.

Global Stone Project
Großer Tiergarten
10785 Berlin
Öffnungszeiten:
Rund um die Uhr geöffnet

Busse/U+ S- Bahn via Potsdamer Platz (Berliner Freiheit)