Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

26.11.2013

Speed

Die heiligen drei Könige sind schon weg – jetzt gehe ich auch. Ich packe, solange der Weg zur Haustür noch frei ist.

Foto: Hartmut Becker

Alles hatte begonnen, als der freundliche Versandbote mir ein riesiges graues Paket in die Hände legte und mich so merkwürdig ansah. Ich hielt es für sein vorweihnachtliches Kundenlächeln. Heute weiß ich: Es war Mitleid. Ich hätte gleich mit ihm durchbrennen sollen, weit weg, mindestens in den Wedding. Stattdessen gab ich ihm ein großzügiges Trinkgeld und schloß die Tür. Die zweite Chance für einen glücklichen Ausgang verspielte ich beim Weihnachtsbaumkauf, als ich dem charmanten Augenaufschlag des Verkäufers aus dem Sauerland widerstand. Das wäre noch weiter weg gewesen, und ohne Fahrtkosten!

Mein wundervolles Geschenk – „Ich erfülle dir einen Kindertraum, Liebling!“ – machte sich bis zum Weihnachtsabend in meinem Arbeitszimmer breit und verschlang eine ganze Rolle Geschenkpapier. Auch das war mir keine Warnung ...
Männer verfügen ja über eine ausgeklügelte Tarnung, was ihre Passionen außerhalb der primitiv-körperlichen Leidenschaft betrifft. Thomas hatte seine zitternden Hände gerade noch unter Kontrolle, als er das Geschenkpapier herunterriss und die erste Schiene aus dem Karton hob. Eisenbahn? Pah! Er hat ein anderes Kaliber. Thomas’ Herz schmachtet seit drei Jahren nach einer Carrerabahn. „Wow, ist die schnell!“ seufzte er mit leuchtenden Augen, als er vor einem bescheidenen Zwei-Meter-Parcours unter dem Weihnachtsbaum kniete. Er riss sich gerade noch los, um mit mir anzustoßen, und versank dann endgültig im Spiel.

Als wir uns kennenlernten, damals, als sich noch Teile seines Haupthaares auf Thomas’ Kopf fanden, nahm er mich mit in ein Eiscafé, wo er binnen einer halben Stunde einen Freundschaftsbecher mit 24 Kugeln Sahneeis verschlang. Seither hatte ich ein gewaltiges Machtmittel in der Hand. Dem Lockruf der Eiscrème folgte er immer. Doch an jenem Weihnachtsabend schmolz seine Riesenportion Trüffelsahneeis mit flambierten Himbeeren in der Küche dahin. Da ahnte ich zum ersten Mal, wie ernst die Lage war.

Anstelle von geistreichen Gesprächen über unsere neuen Bücher erfüllte sirrendes Motorengeräusch die Luft, und als die ersten Nachbarkinder dazustießen, wurde das Rundenzählwerk in Betrieb genommen und untermalte monoton klickend die Fachsimpeleien. Den Kontakt säubern? Abnehmerbürstchen gecheckt? Magnete tiefer legen? Thomas suchte sein Werkzeug zusammen. Mit längst vergessenen Onkeln und Freunden verhandelte er telefonisch stundenlang  über Rennbahnteile in fremden Kellern. Ich zog mein Negligé aus und den Jogginganzug an. Das Wohnzimmer war inzwischen nicht mehr betretbar. Das Sofa war zur Werkstatt geworden, der Couchtisch zum Ersatzteillager. Essensreste auf den Sesseln. „Ich brauche mehr Platz“, brummte Thomas in seinen inzwischen gesprossenen Bart. Meine Rede! Seit Monaten wollte ich eine größere Wohnung, aber bisher... „Runter da“, schnauzte mich Thomas an, als ich versehentlich etwas mit dem Fuß berührte, was aussah wie Bonbonpapier. „Das ist die Starterflagge!“ Sein Blick war hasserfüllt.

Nun ja. Wie gesagt, ich gehe. Die ersten schwarzen Schienen lecken schon über die Schlafzimmerschwelle. Ich fahre zu Kusine Evi, wo sich in ländlicher Idylle dreizehn Familien eine Steckdose teilen. Thomas? Thomas wird wohl verhungern, denke ich. Er hat nie gelernt einzukaufen oder etwas anderes als Kaffee zu kochen. Doch ich tröste mich mit dem Gedanken, dass er glücklich sterben wird ...

Sanna von Zedlitz

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden