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4.03.2015

Slowenen auf der Schöneberger Insel

Die slowenische katholische Mission in Berlin wurde 1969 gegründet und hat nach ihren Anfängen in Charlottenburg und Kreuzberg seit 1989 ihren Sitz in der Kolonnenstraße.

Fotos: Thomas Protz

Ich wohne unmittelbar angrenzend zur Kolonnenstraße. Bei einem Spaziergang fiel mein Blick neulich auf eine dort gelegene Kirche, die trotz ihres eindrücklichen Baus nicht recht auffällt. Da sie sich wie ein normales Wohnhaus nahtlos in die Hausnummern 89-90 einfügt und man den Blick selten so weit nach oben richtet, nimmt man die Ausmaße der Kirche kaum wahr. Rechts vom Kirchengebäude schließt sich ein Wohnhaus an, links von der Kirche steht ein mit Glas überdachter Neubau, in dem u.a. der Kindergarten der Gemeinde untergebracht ist. Vor dem Krieg befand sich hier ein ähnliches Gebäude, das aber durch einen Bombeneinschlag komplett zerstört wurde. Das Interessante an dieser Kirche ist ihre Brückenschlagfunktion, da sie seit 1989 das Domizil der slowenischen Gemeinde ist. Der jetzige Gemeindepfarrer heißt Isidor Petronic Dori. Er feiert am 1. November 2015 sein 20jähriges Dienstjubiläum.

Petronic Dori ist mit Leib und Seele Pfarrer. Herr Dori ist etwas untersetzt und kahlköpfig, dabei ein gutmütiger, verschmitzt wirkender, auskunftsfreudiger Mensch. Neben seiner Pfarrtätigkeit in St. Elisabeth ist er für drei Kitas und ein Altenheim verantwortlich und aufgrund diverser Probleme im Berliner Erzbistum ebenfalls Gemeindepfarrer der in Schöneberg befindlichen St. Norbert Gemein-de. Als leidenschaftlichen Fußballspieler verschlägt es ihn jeden Freitag nach Siemensstadt, um im „Slowenisch-katholischen Fußballverein Berlin“ zu kicken.

Die slowenische katholische Mission in Berlin wurde 1969 gegründet und hat nach ihren Anfängen in Charlottenburg und Kreuzberg seit 1989 ihren Sitz in der Kolonnenstraße. Sie organisiert u.a. Austausche mit den anderen 10 slowenischen katholischen Missionen in Deutschland und mit Slowenien selbst.

St. Elisabeth
Die katholische St.-Elisabeth-Gemeinde war ursprünglich eine Tochtergemeinde der mittlerweile am Winterfeldtplatz gelegenen Kirchengemeinde St. Matthias, die vielen Schönebergern durch ihre Besuche auf dem Winterfeldtmarkt ein Begriff ist. Zu Zeiten ihrer Gründung vor etwa 150 Jahren, damals noch in der Potsdamer Straße ansässig, war sie die einzige katholische Kirche zwischen der von Knobelsdorff errichteten St. Hedwigskathedrale in Berlin und St. Peter und Paul in Potsdam. Auch in baulicher Hinsicht stellt sie eine Ausnahme dar, da die Katholiken im protestantischen Berlin keine alleinstehenden Kirchen errichten durften, so dass viele Gebäude in Baulücken und Hinterhöfe eingefügt wurden. Schöneberg gehörte damals zum Kreis Teltow und wurde erst mit der Bezirksreform 1920 zu Berlin eingemeindet. In dieser Phase der Industrialisierung strömten insbesondere aus den preußischen Provinzen Schlesien und Westfalen viele arbeitsuchende Katholiken nach Berlin, so dass die Zahl der Gemeindemitglieder rasch von 80 auf 8.000 anwuchs. Um des Ansturms Herr zu werden, entschied man sich Anfang vorigen Jahrhunderts für einen Erweiterungsbau auf dem Gebiet der „Schöneberger Insel“. Zu diesem Zweck wurde ein auf dem Grundstück befindliches Wohnhaus zu einem Beetsaal umgestaltet und 1907 als provisorische Kapelle eröffnet. Das heutige, neogotische Kirchengebäude vom Kölner Dombaumeister Bernhard Hertel entworfen (1862-1927) wurde am 19. November 1911 - dem Festtag der Heiligen Elisabeth - eingeweiht. Es stellt ein interessantes Kleinod unter den Kirchen Berlins dar. Man betritt die Kirche durch eine kleine Seitentür und steigt über einen schlichten Treppenaufgang in den ersten Stock, wo sich hinter dunklen Holzdoppeltüren das zweistöckige Kirchenschiff öffnet. Hier fällt die prunkvoll gearbeitete, mit Schnitzereien und Bildern verzierte Holzverkleidung auf. Über der Galerie und einem bunten Bleiglasfenster mit Bildnis des slowenischen Seligen Anton Martin Slomsek spannt sich ein Netzgewölbe, die Altarwand ist mit einer Kreuzigungsgruppe aus Holz und einem farbenfrohen Wandbild der Dreifaltigkeit geschmückt: „Man fühlt sich wie im Urlaub in Bayern.“ Der Innenraum ist groß und fasst etwa 150 Menschen. Bei meinem Besuch am Samstagabend sind immerhin um die 35 Leute unterschiedlichen Alters da. Von der Predigt auf Slowenisch verstehe ich natürlich kein Wort, doch Pfarrer Dori in seinem prächtigen grünen Ornat erweist sich als guter Sänger. Neben dem ständigen Aufstehen, Hinknien und Hinsetzen überrascht mich ein Teil des Gottesdienstes, bei dem die Anwesenden allen in ihrer Nähe befindlichen Personen die Hände reichen und sich freudig begrüßen.

In Trägerschaft der Gemeinde befinden sich ein deutscher, ein slowenischer Kindergarten sowie eine Schule, die Unterricht in slowenischer Kultur und Sprache sowie im Katechismus erteilt. Die hier lebenden „Slowenen“ verstehen sich als Deutsche mit slowenischen Wurzeln. Es gibt ca. 80 aktive Gemeindemitglieder von ungefähr 1300 in Berlin lebenden eingewanderten Slowenen. Jeden Samstag um 19 Uhr findet eine Messe auf Slowenisch statt, die Besuchern ausdrücklich offen steht. Im Anschluss an den Gottesdienst trifft man sich im Gemeindehaus bei einem Fläschchen Wein und einer Kleinigkeit zu essen. Zum Gemeindesaal geht man über den Hof zu einem Quergebäude, wo im Erdgeschoss der Gemeindesaal der deutschen Gemeinde ist. Das Domizil der slowenischen Gemeinde im 1. Stock mutet wie ein Vereinsheim an, an einer Theke werden diverse alkoholische Getränke ausgeschenkt. In den Etagen darüber werden derzeit über 50 syrische Flüchtlinge mit christlichem Hintergrund (syrisch-orthodox, Aramäer) betreut.

Anlässlich der Grünen Woche war der slowenische Landwirtschaftsminister zu Besuch, ein persönlicher Freund von Herrn Dori. Zur Feier des Tages wurde ein Spanferkel gegrillt. Die Mutter des Ministers ließ es sich nicht nehmen, die Kuchen für die Gemeinde selbst zu backen.

Am 6. Juni 2015 soll aufgrund der dann hoffentlich abgeschlossenen umfangreichen Renovierungsarbeiten anlässlich des 45jährigen Bestehens der SKM und von 25 Jahren Standort Kolonnenstraße der slowenischen Gemeinde ein großes Fest gefeiert werden, zu dem herzlich eingeladen wird.

Kathrin Vogel

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