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28.06.2014

Sind wir David Bowie?

Mein Bowie - dein Bowie - unser Bowie

Fotocollage mit bearbeiteten Film Stills aus "The Man Who Fell to Earth", 1975-1976, Film Stills von David James Courtesy: The David Bowie Archive, Film Stills © STUDIOCANAL Films Ltd. Image

Schlüssel zur Hauptstraße 155 in Berlin Schöneberg. Foto © The David Bowie Archive

Mein Bowie

Sigrid: Als David Bowie Ende der 1970er in Berlin lebte, wusste ich nichts von ihm. Mein Mann war 1975 gestorben, und ich musste mich mit drei halberwachsenen Kindern neu im Leben einrichten. Das Nachtleben gehörte nicht dazu. Es war mir aber nicht entgangen, dass da jenseits des  Schlagerwahnsinns etwas Neues im Anzug war. Für den Rock'n Roll fand ich mich zu alt, da tobte schon die nächste Generation. Mich interessierten eher die Beatles und die Stones, und dann vor allem Pink Floyd – Atom Heart Mother war eine Offenbarung für mich.

Es war damals ja nicht so, dass man diese Art Musik jederzeit überall hören konnte. In den deutschen Medien wurde sie zuerst ignoriert, ehe hier und dort verschämt die ersten Beat-Sendungen auftauchten – ich erinnere nur an den biederen Beat-Club im Fernsehen. Ein anderes Format hatte schon die legendäre S-F-Beat-Sendung im Rundfunk. Das waren die ersten kleinen Zeitfenster, durch die englische und amerikanische Beatmusik hereinwehte; ansonsten war man auf AFN und BFBS oder Radio Luxemburg angewiesen, wenn man einigermaßen auf dem Laufenden sein wollte. Für mich konnte das nach Lage der Dinge immer nur eine Nebenbeschäftigung sein, ich kannte das, was mir zufällig unterkam. David Bowie kam in meinem Kosmos noch nicht vor.

Bowie lernte ich zuerst als Schauspieler kennen, als den Mann, der vom Himmel fiel: rothaarig, androgyn und toll! Als ich erfuhr, dass er eigentlich Rockmusiker war, begann ich gezielt nach ihm zu suchen – und war enttäuscht. Einige Titel kannte ich, sozusagen ohne es zu wissen. Seine Stimme gefiel mir nicht – zu dünn in den Höhen – und rothaarig war er auch nicht mehr. Mein Interesse ließ nach. Eine letzte Chance, ihn näher kennenzulernen, verpasste ich 1996 auf dem Roskilde-Festival, das wir seit Anfang der 1980er regelmäßig besuchten, zwanzig Jahre lang  – der Höhe-punkt eines jeden Sommers! Bowie war da, wir nicht. Es war das einzige Jahr, in dem wir das Festival geschwänzt hatten. Es blieb also bei gelegentlichen Begegnungen mit seiner Musik; Space Oddity, Little Chinagirl, Heroes, das waren Titel, die hängenblieben. Bowies Ruf, seine Ausstrahlung faszinierten mich immer mal wieder; richtig warm wurde ich mit ihm nie.

Isolde: Anfang der 80er Jahre war ich vierzehn und las „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Dort hörte ich zum ersten Mal von David Bowie und wurde neugierig. Ich kaufte mir eine Platte von ihm, „Pinups“. Auf dem Cover hat Bowie noch seine rötliche Ziggy Stardust-Frisur. Eigentlich war David Bowie damals gerade „out“, erst einige Jahre später feierte er – wieder mal – ein Comeback mit „Let’s dance“. Als Jugendliche war ich davon überzeugt, dass Bowie und ich uns wunderbar verstehen würden, sollten wir uns jemals kennenlernen. Für mich war er der schönste Mann der Welt – trotz seiner furchtbaren Zähne. 1990 ging ein Traum von mir in Erfüllung: Ich lebte bereits ein Jahr in Berlin und David Bowie gab ein Konzert in der Deutschlandhalle. Oh mein Gott! Leider zog er mich dann nicht, wie ich es in meinen Teenagerträumen immer vor Augen gehabt hatte, auf die Bühne, um mit mir im Duett „(...) dann sind wir Helden für einen Tag!“ zu singen. Im Gegenteil. Er konnte den deutschen Text von „Heroes“ gar nicht mehr. Zwei Jahre später heiratete er das Model Iman und seitdem hatte meine Beziehung zu Bowie sowieso einen leichten Knacks. Ein Popstar, der ein Model heiratet: das war mir zu klischeehaft. Da hätte ich ja auch gleich Stones-Fan werden können, dachte ich damals.

Dein Bowie

Sigrid: Viel David Bowie plötzlich in der Luft: die Ausstellung ist da - von London nach Berlin gekommen! Alles über David Bowie, der mit Berlin eng verbunden sein, angeblich seine kreativsten Jahre hier in Berlin verbracht haben soll. Ausgerechnet diese 2,3 Jahre im Leben eines derart kreativen Künstlers! Macht alles die Berliner Luft, Luft, Luft; wir sind die Größten! Berlin schmückt sich mit fremden Federn, die allenfalls zum alten, bunten West-Berlin gehören (über das man sich sonst so gern lustig macht) und das mit der heutigen Möchtegern-Hochglanz-Metropole aber auch gar nichts zu tun hat.

Schon in den Siebzigern hat man Bowie hier erlebt – wer eigentlich wirklich? In der Schöneberger Lokalpresse finde ich kein Wort über ihn. Die Studenten haben ihn damals alle gekannt, sagen heute die Studenten von gestern. Aber haben sie ihn auch getroffen, wussten sie überhaupt, dass er in Berlin war? Es heißt doch, er sei so froh gewesen, dass ihn hier niemand kannte und anstarrte. Was denn nun? Er hat viel gearbeitet, schreibt Tobias Rüther in seinem Buch „Helden. David Bowie und Berlin“, war in den Hansa-Studios, in Museen, Galerien, Bars, im SO36. In manchen Kreisen ist man ihm begegnet, Musikerkollegen trafen ihn in den Studios; es konnte vorkommen, dass man bei Freunden im Antiquitätengeschäft am Südwestkorso saß und er hereinkam und sich umsah, wie meine Freundin Hilke berichtet, und die Portierfrau in der Hauptstraße 155 hat ihn vielleicht auch im Treppenflur getroffen. Aber der große Hit war er offenbar nicht in West-Berlin. Ich habe den Verdacht, dass da posthum viel aufgeblasen wird.

Isolde: Ich kannte einen Engländer, der nach Berlin gezogen war, um hier eine Musikkarriere zu starten. Er fand es in Schöneberg überhaupt nicht schön. Irgendwann erzählte ich ihm, Bowie hätte auch mal hier gelebt. Das fand er spannend. Wenig später sagte er, er sei durch die Hauptstraße gelaufen und habe sich gefragt: „Was hat Bowie hier nur gesehen, was ich nicht sehe?“. Das war in den 90ern. Im Vergleich zu London war Berlin damals richtig provinziell. Das ist heute natürlich anders. Den „David-Bowie-hat-mal-in-Berlin-Schöneberg-gelebt-Hype“, der letztes Jahr wegen des neuen Albums und dieses Jahr wegen der Ausstellung einsetzte, finde ich übertrieben. Vor kurzem, als ich auf dem Weg zum Kleistpark war, stand ich vor dem Haus, in dem Iggy Pop und David Bowie gelebt haben. Ein ganz normaler Altbau, der dadurch auffällt, dass er unscheinbar und unsaniert ist. Am auffälligsten fand ich das alte Berliner Durchsteckschloss in der Eingangstür. Die sieht man nicht mehr so oft. Umso rührender fand ich es, dass der Schlüssel dazu dann tatsächlich in der Ausstellung zu sehen ist.

Unser Bowie

Sigrid: Und dann fällt Bowie plötzlich in der Ausstellung über mich her, springt mich von den Wänden an, dröhnt mir in den Ohren. Gut, dass man aus dem Einflussbereich der Radiowellen gerät, wenn man genug von einem Titel hat und weitergeht; die Kopfhörer verhindern, dass man alles auf einmal hört. Manches gefällt mir schon gut.
Die Exponate, naja, die Kostüme stehen tot herum, gewinnen erst Leben auf den Videos, als er sie trug, sich in ihnen bewegte, auf Mitschnitten alter Konzerte, die einen ganzen Raum füllen – Bowie in allen Altersklassen. Andächtig stehen die Besucher herum, eher ältere als junge, lauschen ihrer eigenen Vergangenheit. War ja auch schön.
Mir beginnt er nach einer Stunde auf die Nerven zu gehen.

Isolde: Auf die Nerven ging mir  alles, was vor der Ausstellung war. Die Hitze, die umständliche Kartenbestellung per Internet, die stickige Luft im Museum und sogar dieser Audio Guide, den man unbedingt haben musste. Aber gerade der war dann ein Schlüssel zum Glück. Kaum hatte ich die Kopfhörer aufgesetzt und hörte Bowies Stimme, war es als ob sich ein Schalter in meinem Kopf umlegte: „Ground Control to Major Tom...“ Die Musik ist einfach gut und die Songs, die ich seit dem 14. Lebensjahr im Kopf habe, waren sofort wieder da. Genau wie das Konzert in der Deutschlandhalle. Das war er wieder: mein David Bowie, der „Helden“ sang und „Look Back in Anger“ und viele andere Songs, die ich fast schon vergessen hatte. Mitten in der Ausstellung begann eine Zeitreise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Livemitschnitte von Bowies Konzerten und Videoprojektionen seiner Auftritte weckten den Eindruck, man wäre tatsächlich auf einem Bowie Konzert. Es war ein bisschen wie in einer anderen Realität, in der ich noch stundenlang hätte bleiben mögen. Und wenn ich mich umsah, ging es vielen anderen Menschen ebenso. Er war eben nicht nur mein David Bowie, sondern auch der David Bowie von vielen anderen. Und in dem Moment war das für mich auch völlig in Ordnung.

Sigrid Wiegand
Isolde Peter

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