Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

03.02.2023 / Menschen in Schöneberg

Sigrid Wiegand (1930 – 2022)

Mit großer Trauer haben wir erfahren müssen, dass unsere Kollegin Sigrid Wiegand am 24.11.2022 verstorben ist. Sigrid hat die Redaktion und die Zeitung seit deren Gründung entscheidend mitgeprägt.
Sigrid Wiegand

„Eine waschechte Friedenauerin“. So beschrieb Sigrid sich selbst. Am 9. August 1930 im Auguste-Viktoria-Krankenhaus zur Welt gekommen, wuchs sie in der Rheinstraße auf, ging in den Kindergarten „Zum Guten Hirten“ und besuchte sowohl die damalige Volksschule Stechlinsee als auch die Königin-Luise-Schule (heute das Paul-Natorp-Gymnasium) und die „Höhere Wirtschaftsschule Schöneberg“ (heute die Realschule am Perelsplatz). Ihr Abitur holte sie auf dem Abendgymnasium nach. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen. Bis zu ihrer Berentung im Jahr 1997 war sie kaufmännische Leiterin einer psychoanalytischen Fachgesellschaft.

Bereits im Gründungsjahr 2003 wurde sie Redakteurin der Stadtteilzeitung. Wie der Bezirk früher war und sich immer wieder veränderte, darüber wollte sie schreiben. Einer ihrer ersten Artikel widmete sich dem Walther-Schreiber-Platz, der in ihrer Kindheit noch das „Rheineck“ hieß. In ihren zeitgeschichtlichen Artikeln über das „alte“ Friedenau wusste sie persönliche Erinnerungen anekdotisch mit einer genauen Darstellung der historischen Fakten zu verbinden. Über die große Politik, den Alltag in der Großstadt und im Bezirk ließ sie ihr Alter Ego „Elfriede Knöttke“ auf berlinernd-berlinerische Art in einer monatlichen Kolumne sinnieren. Sie recherchierte gründlich und bereitete sich akribisch auf die Redaktionssitzungen vor und traf mit ihrer konstruktiven Kritik eigentlich immer ins Schwarze.

Ihre Art zu schreiben wurde geschätzt und war gefragt. Für die historischen Bände des Friedenauer Verlages „Edition Friedenauer Brücke“ schrieb Sigrid ebenso Beiträge wie für ein weiteres Zeitschriftenprojekt - den „Passagen“. Mit achtzig reichte sie einen Text beim Erzählwettbewerb des Tagesspiegels ein und gewann prompt den zweiten Platz mit einer Geschichte über den Besuch eines Rock-Konzerts: „Rock around the clock – mit 75“. Da ging sie auf selbstironische Weise der Frage nach, wie sich wohl Altersweisheit und Alzheimer unterscheiden lassen, was in den Satz mündete: „Aber wenn mich eines Tages eine anständige Rockmusik nicht mehr auf die Beine bringt – das ist bestimmt Alzheimer!“

An Talent und Ideen mangelte es ihr wahrlich nicht. Ihre persönlichen und journalistischen Interessen waren vielfältig und insbesondere der kulturelle Bereich begeisterte sie. Für die Stadtteilzeitung berichtete sie über Literatur, Theater, Musik, Kino. Die Berlinale stellte jedes Jahr einen Höhepunkt ihrer Berichterstattung dar und sie scheute sich nicht, stundenlang in der Schlange an der Ticketkasse zu warten, um die Filme ihrer Wahl zu schauen und ihren Eindruck in einer ausführlichen Rezension wiederzugeben.

„Geistig jung geblieben“ – „forever young“ - fällt allen, die Sigrid kannten, als Erstes ein, wenn sie nach ihrem Eindruck gefragt werden. Interessiert an allem, befreundet mit höchst unterschiedlichen Menschen, egal welchen Alters, egal welchen Hintergrunds. Sie fuhr mit achtzig noch auf Rock-Festivals wie Roskilde, übernachtete im Zelt und auf der der Isomatte, war Fan von Patti Smith und Frank Zappa. Sie hörte sowieso viel lieber Rock und Metal, als Oper oder – Gott bewahre! - Schlager. Darüber hinaus war sie aber auch ein ausgeprägter Familienmensch, Mutter dreier Kinder, zweifache Oma und schließlich auch Uroma. Dank ihrer beiden Enkelsöhne blieb sie technisch auf dem Laufenden und arbeitete sich auch mit neunzig mühelos noch in die Welt des Smartphones und der Whatsapp-Nachrichten ein.

Überhaupt das Alter! Es war ihr im Grunde schnuppe, manchmal kokettierte sie damit, aber an sich wunderte sie sich, warum das immer so eine große Rolle spiele, wie alt sie sei. Das Alter habe sie nicht weise gemacht, behauptete Sigrid, nicht erleuchteter, nicht klüger, das sei reine Projektion der Anderen, die das gerne so sehen wollten. Das mit dem Altwerden habe sie mal in einem Gedicht beschrieben, erzählte sie, und zwar so: „Das Alter ist wie ein schlecht sitzendes Kleid. Es hängt hier und knittert dort und überhaupt es steht mir gar nicht.“ Dieses schlecht sitzende Kleid hätte sie gerne im Schrank hängen lassen, aber weil das nicht ging, zog sie es an, ignorierte das Knittrige so gut es ging, und wo das nicht möglich war, gewöhnte sie sich daran.

Ein bisschen ruhiger war sie in den letzten Jahren geworden. Einen Krieg ja, aber eine Pandemie in diesem Ausmaß hatte sie auch noch nicht erlebt. Als eine der ersten Geimpften in der Stadt schrieb sie sofort über diese Erfahrung einen Artikel für die Stadtteilzeitung, wie der Arzt ihr „Keine Angst, junge Frau“ im Impfzentrum entgegenkrähte, wo sie doch nun wirklich keine Angst vor dem Piks hatte. Viel schlimmer fand sie, dass in dem Pappbecher, den man ihr überreichte, Wasser statt Kaffee war.

Bis zuletzt lebte sie allein in ihrer Wohnung in der Nähe des Walther-Schreiber-Platzes, vierter Stock, Altbau ohne Aufzug. Es war nicht weit von dort, wo sie aufgewachsen war. Ging man mit ihr durch die Straßen Friedenaus, konnte sie viel darüber erzählen, wie es hier mal früher ausgesehen und was sich in welchem Gebäude befunden hatte, wie sie als Kind mit Roller durch die Straßen peeste und zum Blockflötenunterricht ging, wie damals die Straßenbahn noch fuhr und nach Kriegsende eine russische Soldatin den Verkehr am Rheineck geregelt hatte. Ihr Blick auf die Vergangenheit war nicht nostalgisch verklärend, ihr Interesse galt dem Hier und Jetzt und wie sich alles verändert. Sie ist viel in der Welt herumgekommen, hat aber immer rund um Friedenau gelebt. Auch der Friedhof mit dem Familiengrab ist in der Nähe gelegen. Im Sommer eilte sie oft noch schnell dorthin, um die Rose zu gießen, die sie gepflanzt hatte. Nun ist sie dort beerdigt.

Alle hätten wir ihr zugetraut und gewünscht, mindestens hundert zu werden, aber es wurden zweiundneunzig Jahre. Es wäre ihr mehr Zeit zu gönnen gewesen, besonders auch um ihre Urenkelin aufwachsen zu sehen. Wir werden Sigrid Wiegand sehr vermissen und ihre Geschichten, ihre Weisheit, ihre große Lebensfreude in Erinnerung behalten. Am Ende ihrer Emails stand immer ein Zitat von Voltaire, das deshalb auch hier erwähnt werden soll, weil er Sigrid besonders gut widerspiegelt: „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“

Isolde Peter
(im Namen der Redaktion)

Danke an alle, die ihre Erinnerungen an Sigrid mitteilten.

Sigrids Artikel und Texte sind auf  http://www.sigrid-wiegand.de und im Archiv der Stadtteilzeitung abrufbar: https://stadtteilzeitung.nbhs.de/archiv