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26.05.2022 / Gewerbe im Kiez

Sergej Makarenko, Ukrainer

Von Sigrid Wiegand. Das Akkordeon oder umgangssprachlich Schifferklavier, despektierlich auch Quetschkommode genannt, ist ein Instrument, das zur Ordnung der Ziehharmonikas gehört und mit einem Balg durch Zudrücken und Aufziehen Töne erzeugt. Das Bandoneon und die Konzertina sind Spielarten der Ziehharmonika.
Sergej Makarenko. Foto: Thomas Thieme

Woher weiß ich das alles? Es war Astor Piazzolla, der große Bandoneonkomponist und Bandoneonspieler, der mein Interesse sowohl an dieser Musik als auch am Tango geweckt hat und mich bewog, ein wenig nachzuforschen. Wer auch interessiert ist, kann es wie ich machen und im Internet nachlesen.

Im Herbst 2006 hatte in der Peschkestraße in einem ehemaligen Kinderladen ein Akkordeongeschäft eröffnet, wir hatten darüber in der Stadtteilzeitung berichtet. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass eine derartig exklusive Branche in unserem eher kleinbürgerlichen Friedenau (genau genommen ist es Steglitz, die Grenze zwischen den beiden Bezirken verläuft an der Holsteinischen Straße) Furore machen könnte und musste mich eines Besseren belehren lassen: nach 10 Jahren feierte das renommierte Hamburger Akkordeon-Centrum Brusch, das hier bei uns eine Filiale eröffnet hatte, im Herbst 2016 für die Kunden und Freunde und die Anwohner und jeden, den es hierher verschlug, ein rauschendes Fest zum Jubiläum. Auch darüber hatten wir berichtet.

Sergej Makarenko, ein junger ukrainischer Musiker und Akkordeonist, der seine musikalische Ausbildung in Kiew begonnen hatte, ehe er nach Deutschland kam, zunächst nach Kassel, wo Familienmitglieder wohnten, dann nach Hamburg zum Akkordeon-Centrum Brusch, dessen Besitzer ihn als Leiter der neu eröffneten Filiale nach Berlin schickte, der er auch heute noch ist, erzählte mir damals, dass sich alle Erwartungen erfüllt hätten. Es ist schließlich keine Laufkundschaft, die Musikinstrumente kauft, man folgt bekannten Namen auch in Gegenden, die nicht unbedingt als „hip“ verschrien sind.

Das nächste Jubiläum, das hier gefeiert wird, das 20., wird erst in vier Jahren fällig. Es ist ein anderer Grund, der mich bewog, mich noch einmal mit Sergej Makarenko zu unterhalten. War es zum 10. Jubiläum eher ein interessanter Nebeneffekt, dass der Leiter des Geschäfts gebürtiger Ukrainer ist, so hat sich diese Tatsache jetzt in den Vordergrund geschoben.

Das Geschäft hat sich geändert, sagt Sergej Makarenko, die Instrumente sind gleich geblieben. Die Jugendlichen interessieren sich heute für andere Dinge, machen nicht mehr selbst Musik, sondern hören lieber zu, gehen auf Festivals. Die Produktion eines Instruments ist Handarbeit und aufwendig und teuer. Die Materialien – Holzgehäuse, überzogen mit Celluloid, das lackiert wird, halten ca. achtzig Jahre, dann verschleißen sie. Von Schulen werden sie aus Kostengründen nicht mehr angeschafft.

Viele Ukrainer haben sich auf Grund der politischen Lage auf die Flucht aus ihrem Heimatland begeben, wir spenden und nehmen sie auf, wenn möglich, wir interessieren uns für die Ukraine und die politische Situation in dem von Putin drangsalierten Land. Wenn man einen Ukrainer persönlich kennt, ist es lehrreich, seine Meinung zu hören. Galina, die mir hilft, meine Wohnung in Ordnung zu bringen und zu halten, erzählt mir von ihrer Mutter, die noch dort lebt und freut sich, bald ihre Tochter und das Enkelkind in London zu besuchen, wohin sich dieser Teil der Familie geflüchtet hat, und Sergej Makarenko berichtet von seiner Mutter in der Westukraine, die noch dort lebt und die er vor drei Jahren besucht hatte.

Manchmal muss ich daran denken, wie wir 1943 vor den Bomben nach Masuren flüchteten, wo noch Verwandte von uns lebten und 1945 wieder zurück kamen auf der Flucht vor den russischen Truppen. Woran liegt es, dass das nie aufhört?

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