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3.11.2015

Serge Charchoune – Unter dem Radar

In den Kunstsaelen in der Bülowstraße wird erstmals in Berlin eine Einzelausstellung des russischstämmigen Künstlers und Poeten Serge Charchoune (1888-1975) gezeigt.

Foto:Stefan Hähnel

Die Wände sind mit grauem Stoff bespannt und lassen die Bilder im Kontrast leuchten. Während des Abschreitens der beiden Säle mit 46 kleinformatigen Bildern wird schnell klar: Der Künstler Serge Charchoune lässt sich nicht in ein Korsett zwängen.
Ein Versuch, Charchounes Werk in der Ausstellung mit herkömmlichen Mitteln zu klassifizieren: Erste Schublade auf: Farbspielereien, also Informel. Zweite Schublade: Organische abstrakte Formen, also Expressionismus. Dritte Schublade: Linien, Kurven, also Purismus. Und so weiter.

Die Bilder hängen nebeneinander, kommunizieren über das Parkett und zeigen auf: Charchounes Werk lässt sich nicht fassen. Kurator Merlin James nennt ihn einen „nicht vorhersagbaren Individualisten“, der sich an verschiedene Strömungen anlehnt, sich aber immer wieder einer Einordnung entzieht. Trans-Modernismus ist das Schlagwort, das Charchounes Werk erhellen soll, aber weitere Fragen aufwirft.
 
Die Vielfalt seiner künstlerischen Äußerungen verblüfft und lässt Kunsthistoriker und Betrachter ein wenig ratlos zurück. Wie kann der enorme Facettenreichtum von Charchounes Oeuvre auf einen Nenner gebracht werden? In der Ausstellung sind die Bilder nicht thematisch, sondern chronologisch gehängt. Begonnen wird der Rundgang mit einem Bild von 1921, beendet mit einem letzten Werk aus 1973. Dazwischen entfaltet sich eine Retrospektive, die Charchoune als eigenwilligen Künstler zeigt, der zu Unrecht oft übersehen wurde.

1888 in Russland geboren, studierte Charchoune Malerei in Moskau. Er ging 1912 nach Paris und fand Gleichgesinnte. Er kam in Berührung mit der Avantgarde und schloss sich vorübergehend der Dada-Bewegung an. Breton, Picabia und Tzara waren in Paris aktiv und beeinflussten ihn maßgeblich. Charchoune verfasste Texte und Pamphlete. Auch der Kubismus faszinierte ihn und fand den Weg in zahlreiche kubistische Bilder, die an Picassos Studien erinnern. 1913 stellte Charchoune erstmals im Salon des Indépendants aus. Dort lernte er seine spätere Lebensgefährtin, die Bildhauerin Helene Grünhoff kennen, mit der er zehn Jahre zusammen lebte. 1922 wurden ihre Werke in der legendären Galerie „Sturm“ von Herwarth Walden in der Potsdamer Straße zusammen ausgestellt, nicht weit von den heutigen Kunstsaelen entfernt.

Die Ausstellung in der Sturm-Galerie zeigte Bilder, die Charchoune unter dem Begriff „cubisme ornamental“ zusammengefasst hatte: Organische Formen winden sich auf der Leinwand und neigen zur Abstraktion. Seine Naturverbundenheit kommt in zahlreichen dieser Bildern zum Ausdruck. Einige davon sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen.

Von Berlin wollte Charchoune nach Moskau übersiedeln, entschied sich aufgrund der politischen Umstände anders und kehrte nach Paris zurück. Sein Spätwerk zeichnet sich durch eine Wendung zum Abstrakten aus. Die Bilder sind von klassischer Musik, der zweiten Leidenschaft Charchounes, inspiriert.

Seinem Credo blieb er treu: „Ich halte die Latte bewusst niedrig, so erhalte ich mir alle Freiheiten“, kommentiert Charchoune sein Schaffen. So bewegte er sich unter dem Radar einer breiteren wissenschaftlichen Rezeption. Es ist eine ambitionierte Ausstellung, die den drei Kuratoren Merlin James, Charlotte Artus und Michael Müller gelungen ist. Sie gewähren dem Publikum einen tiefen Einblick in das Werk des Künstlers.

Serge Charchoune – Unter dem Radar - bis 21.11.2015
KUNSTSAELE Berlin, Bülowstraße 90, 10783 Berlin
Öffnungszeiten:
Mi bis Sa 11-18 Uhr (und nach Vereinbarung: Tel. 81801868)

Katharina Helwig

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