Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.08.2016

Seniorenpolitik oder die „Teilhabe“

Betutteln oder verehren? Besser: Dialog in Augenhöhe!

Foto: Thomas Protz

Berlin wählt: bezahlbarer Wohnraum, kostenlose Bildung, modernisierte Schulen, mehr Arbeitsplätze, Mindestlohn, Sicherheit, Sicherheit, mehr Personal überall, sozialverträglich, familienfreundlich, frauengerecht – und so weiter und so weiter. Quer durch die großen Parteien die gleichen Versprechen, wen soll man da wählen? Dass die Aussagen auf den Wahlplakaten ein Witz sind, hat schon Ottmar Fischer (Seite 3) unter die Lupe genommen – wie sieht's in den Wahlprogrammen aus, zum Beispiel mit der Seniorenpolitik, meine Belange also?

Bei den PIRATEN kommen alte Menschen gar nicht vor. Von ihnen erwarte ich das auch nicht, das ist eine Partei von Jungen für Junge, auf die Zukunft gerichtet, die haben andere Sorgen.

Da schmeißen sich andere Parteien mehr ins Zeug, allen voran DIE LINKE mit ihrem Plan für ein soziales und ökologisches Berlin. Sie fordert höhere Renten, Ausbau von wohnortnaher sozialer Infrastruktur wie Pflegestützpunkte, Seniorenfreizeitstätten, demenzfreundliche Kieze (?), Teilhabe an der Gestaltung des Gemeinwesens. Das ist überhaupt der große Schlager in dieser Wahl: die sogenannte Teilhabe. Ich verstehe das so, dass man uns wieder ernst nimmt und uns ernsthafte Arbeit noch zutraut, nicht bloß Enkel betreuen oder Bettlägrigen vorlesen. Und an allem teilnehmen können, was in der Stadt so geboten wird. (Dann heißt es in den Medien wieder: alles mit Rentnern verstopft ...)

Auch die GRÜNEN haben es mit der Teilhabe: Ältere Menschen (man schreibt gern „ältere“; die „Alten“ werden dann eher im Zusammenhang mit Pflege und Demenz genannt) sollen selbstbestimmt ihre Möglichkeiten nutzen, ihre Potenziale zur Geltung bringen können. Auch sie fordern Stadtteilzentren, barrierefreies Wohnen und eine gute Pflegequalität.

In den Wahlaussagen von Michael Müller, die ich in TV-Spots höre oder im gedruckten Kurzprogramm lese, ist keine Rede von Senioren, sondern vom lebendigen Nachtleben Berlins und seinem vielfältigen Kulturangebot, Bildung und Kinderbetreuung. Berlin, die Stadt der Zukunft. Mit der Zukunft von uns Alten ist ja nicht mehr so viel Staat zu machen – dafür aber mit Betreuungsangeboten und Pflegestützpunkten und so weiter, und die hat die SPD natürlich auch in ihrem Wahlangebot.

Die CDU hat mächtig aufgerüstet, um die ältere Wählerschaft zu mobilisieren, sie wartet mit einem „direkten Schwerpunkt Seniorenpolitik“ auf. Auch sie wollen die Ressourcen der Älteren „stärker aktivieren“, hier allerdings mit Kinderbeaufsichtigung, Vorlesen, Kurse geben – da sind die LINKEN fortschrittlicher und nicht so dem Rollenklischee verhaftet. Aber es ist eben die CDU, die alles an seinem Platz haben will, wo es hingehört. Allerdings macht sie sich für ein Seniorenamt stark, das nur für die Belange der Älteren zuständig sein soll. Auch mit dem jetzigen Seniorenmitwirkungsgesetz ist sie nicht einverstanden, es soll ein „echtes Seniorenmitbestimmungsgesetz“ werden. Na denn …

Die FDP, die es ja auch noch gibt, plädiert für ein flexibles Renteneintrittsalter und will alle Gesetze und Verordnungen im Land Berlin auf nicht sachgerechte Altersbeschränkungen untersuchen, was immer man darunter verstehen mag. Und natürlich die Teilhabe – hier ist sie wieder (Erfahrungsschatz älterer Menschen nutzen). Auch plädiert sie für Mobilitätshilfedienste, was wohl der gute, alte Telebus sein soll, oder? Die Attraktivität des Pflegeberufs soll gesteigert werden, was ja dringend notwendig ist; und sie setzt sich für die Ausweitung der Palliativversorgung ein. Gut.

Sieht man sich die immer wiederkehrenden Wünsche und Versprechungen zur Seniorenpolitik bei allen Parteien an, so weiß man, wo es knirscht, wo dringend Verbesserungen nötig sind. Bis auf die vielbeschworene Teilhabe werden die Älteren und Alten aber vorwiegend als hilfsbedürftig angesehen. Ich als nicht behinderte, (noch?) nicht demente muntere Alte finde mich in den Programmen nicht so recht berücksichtigt. Was ich mir vor allem wünsche, ist meine Ruhe. Ich will weder betuttelt noch verehrt, sondern in Augenhöhe als Mensch unter anderen Menschen angesehen werden. Aber das passt wohl nicht so recht in ein Wahlprogramm.

Sigrid Wiegand

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