Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

08.06.2015 / Projekte und Initiativen

Sebastião Salgados „Genesis“-Projekt

Eine Freundin, die kürzlich den Film „Das Salz der Erde“ von Wim Wenders über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado gesehen hatte, schrieb mir beeindruckt: „Danach dachte ich, ich werde nie wieder eine Kamera anrühren, geschweige denn auf den Auslöser drücken.“
The Mursi and the Surma women are the last women in the world to wear lip plates. Mursi village of Dargui in Mago National Park, in the Jinka Region. Ethiopia. 2007.
Iceberg between Paulet Island and the South Shetland Islands on the Weddell Sea. Antarctic Peninsula. 2005.

Noch bis zum 16. August hat man jetzt in der C-O Galerie Gelegenheit, Salgados aktuellstes Projekt unter dem anspielungsreichen Titel „Genesis“ im Original zu sehen, eine aus abertausenden von Aufnahmen entstandene Auswahl von 245 großformatigen Fotografien, bei deren Besichtigung man sich in der Tat nicht des Eindrucks erwehren kann, retrospektiv noch einmal zu den frühen Tagen der Schöpfung zurückzukehren, als alles noch in einem gewaltigen, alles umwälzenden Werden begriffen war. Die durchgängig erstklassigen Schwarzweiß-Prints präsentieren keineswegs beschauliche Idyllen aus dem Garten Eden, vielmehr prägt dramatische Unruhe das Geschehen. Wilde Wolkenformationen lassen wie ein Geflecht sich ausbreitende Licht-Schatten Spiele auf den Tableaus majestätischer Landschaften entstehen. Wie eh und je entpuppt sich Salgado hierbei als Meister des Gegenlichts und der starken Kontraste, was insbesondere den weiträumigen und tiefenscharfen Panoramen eine geradezu spektakuläre Plastizität und Dramatik verleiht. Dem bestechenden Eindruck seiner präzisen Kompositionen kann man sich nur schwer entziehen; zuweilen lösen sich die Gegenstände in ein geradezu abstraktes Muster fein austarierter, mal subtiler, mal starker, Gegensätze auf.

Salgado will uns eine Welt von Menschen weitgehend unberührt gebliebener Regionen zeigen, die, wie er in einem Interview spekuliert, vor 5000 Jahren vermutlich nicht sehr viel anders ausgesehen haben dürfte. Ein Zustand also, bevor die Zivilisationsgeschichte ihr zerstörerisches Werk verrichten konnte, das die Lebensräume zahlloser Menschen, Tiere und Pflanzen auf das Nachhaltigste verändert oder gar vernichtet hat. Dabei spannt sich das Netz von Salgados Reisen weiträumig von den Urwäldern entlang des Amazonas bis nach Alaska und von Papua-Neuguinea bis zu den Wüsten Namibias. Vulkanlandschaften wechseln munter ab mit Gletschern, Urwald, Wüsten und ewigem Eis. Wolkenverhangene Gebirgsmassive und in Nebel getauchte See- und Flußlandschaften finden sich hier nur wenige Meter nebeneinander.

Den in zumeist kleinen Stämmen verstreut lebenden Eingeborenen, ebenso wie der buntscheckigen Vielzahl wild lebender Tiere, darunter manche fast schon ausgerottete Arten, versucht Salgado seine Wertschätzung durch eine entsprechend behutsame und geduldige Kontaktaufnahme zu erweisen, wo immer die Situation dies erlaubt. Die Fotos von in vielerlei Regionen beheimateten Stammesangehörigen wirken bei aller Unaufdringlichkeit gleichwohl direkt. Er beobachtet sie bei alltäglichen Verrichtungen, bei den Wanderungen mit ihren Rindern und Rentieren, beim Jagen und beim Baden, wie auch bei ihren Vorbereitungen für festliche Rituale. Beim Studium ihrer ruhigen, formatfüllenden Portraits, fällt unversehens die völlige Abwesenheit jeder Form von Koketterie, sympathie-heischendem Lächeln, oder auch Verlegenheit auf. Die Blicke der Menschen wirken gefasst und selbstbewusst, ohne mit ihrer wachen Präsenz die gegenseitige Fremdheit zu überspielen. Diese ist freilich auch umgekehrt gegenwärtig, da beispielsweise die Frauen der Mursi und Surma in Äthiopien mit ihren z.T. enormen Lippentellern oder auch die Lippenpflöcke beim Stamm der Zo´é zunächst überaus befremdlich wirken. Unser Blick findet sich mithin auf Menschen gerichtet, die ihrer Verschiedenheit keineswegs abschwören, sondern selbstbewusst der eigenen Kultur die Treue bewahren. (Der Preis dafür ist, wie Claude Levi-Strauss in „Anthropologie in der modernen Welt“ schreibt, „eine gewisse Taubheit gegenüber anderen Werten, für die sie völlig oder teilweise unempfänglich bleiben“. Gerade durch diese Verschiedenheit jedoch, so sagt er, vermag gegenseitige Bereicherung überhaupt erst stattzufinden.)

Die Lebensräume vieler Tierarten schmelzen in rasantem Tempo bedrohlich zusammen; umso eindrucksvoller ist der Anblick hunderttausender Paare von Zügelpinguinen oder riesiger Kolonien von Schwarzbrauenalbatrossen, die auf den Falklandinseln ihre Heimat gefunden haben. Da den Tieren dort keine Gefahr von Menschen droht, sind sie ungewohnt zutraulich, so dass die Vögel auch angesichts des Fotografen völlig gelassen bleiben. Andererseits sehen wir geradezu portraithafte Darstellungen von einzelnen Robben, Seeelefanten, Riesenschildkröten, ja selbst Jaguaren oder Brillenkaimanen.

Im Unterschied zu seinen früheren Langzeitprojekten, in denen er den oft unter mühseligsten Bedingungen stattfindenden Überlebenskampf von Arbeitern rund um den Globus, die durch Krieg, Hungersnöte und Vertreibungen enorm angewachsenen Migrationsbewegungen, den Kampf brasilianischer Feldarbeiter um Landzuteilung u.a. thematisierte, hat sich Salgados Fokus mit „Genesis“ deutlich verändert. Um nicht völlig an den traumatisierenden Erfahrungen zu zerbrechen, die er insbesondere während des Genozids in Ruanda gemacht hatte, schwor er der Fotografie über Jahre hinweg gänzlich ab, um sich zusammen mit seiner Frau Leila dem Projekt einer - überaus erfolgreichen - Wiederaufforstung des abgeholzten und brandgerodeten Dschungels nahe der elterlichen Farm in Brasilien zu widmen. Beseelt von dieser Erfahrung und der damit einhergehenden Überzeugung, trotz aller erlittenen Desillusionierung der fortwährenden Zerstörung unserer aller Lebensgrundlagen etwas entgegensetzen zu können, wurde schließlich das „Genesis“-Projekt geboren. Rückblickend fasst Salgado im Interview mit der Zeitschrift DU zusammen: „Mit Genesis wollte ich die Würde und die Schönheit des Lebens in allen seinen Formen beschreiben und zeigen, wie wir alle uns die gleichen Ursprünge teilen“.

Ausstellungsdauer: bis 16. August
<link http: www.co-berlin.org>www.co-berlin.org
Zu der Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog bei Taschen erschienen. (49 Euro)
Informativ: Zeitschrift „Du“ Nr. 851 „Sebastião Salgado, Salz der Erde“

Hartmut Becker

 

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