Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

4.09.2014

Schulanfang 1914

Vor hundert Jahren – im August 1914 – begann der 1. Weltkrieg, der in Europa (aber nicht nur dort) Spuren der Verwüstung, Millionen von Toten, Umbrüche in Staaten und Gesellschaften sowie eine massenhafte Verelendung in großen Teilen der Zivilbevölkerung hinterließ.

Beckerstraße 6 und 6a um 1915. Foto: Landesbildstelle Berlin

Wir wollen am Beispiel Schönebergs in einigen Beiträgen darin erinnern, wie die deutsche Bevölkerung  einerseits auf einen möglicherweise kommenden Krieg und damit verbundene Einschränkungen des normalen Lebens vorbereitet wurde, aber auch, wie der anfängliche „Hurra – Patriotismus“ die Massen ergriff, sich aber bald ins Gegenteil verwandelte, weil die Bevölkerung nach den vielen menschlichen und familiären Tragödien und dem Erlebnis der materiellen Not den Glauben an den Sinn des Krieges verlor. Hierbei wollen wir aber auch „scheinbar Nebensächliches“ und auch aus heutiger Sicht Kurioses nicht vergessen.

Wir berichteten bereits über die Werbemethoden der Firma C. Weck, die hier in Friedenau im Jahr 1914 das Einwecken zur Haltbarmachung von Lebensmitteln propagierte (Juni 2014). In der Juli/August-Ausgabe 2014 waren die Themen „Brieftauben werden zu Heeresbrieftauben“ und die „Verwundung unseres damaligen Oberbürgermeisters Dominikus vor Lagarde an der Westfront im August 1914“. In der jetzigen September-Ausgabe sollen – pünktlich zum Beginn des neuen Schuljahrs 2014 - die Quellen des „Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin“ zum Schulanfang 1914 für sich sprechen !

Hurra! SCHULANFANG 1914 – Für die Kinder

Der erste Weltkrieg hatte gerade erst begonnen, da zeigten sich schon die ersten Auswirkungen im damals noch teilweise ländlichen Berlin und seiner Umgebung: „Um unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen die Viehhaltung durch tunlichst umfangreiche Nutzung der Weidegelegenheiten zu erleichtern und zu fördern, genehmige ich, dass für die Dauer des jetzigen Ausnahmezustandes Schulkinder im Bedürfnisfalle auch zum Viehhüten beurlaubt werden können. Hierbei ist jedoch darauf Bedacht zu nehmen, dass die zu beurlaubenden Kinder, soweit es irgend angeht, täglich 2 bis 3 Stunden am Unterricht teilnehmen.
Berlin, den 19. August 1914
Der Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten

Quelle: Amtsblatt der Kaiserlichen Regierung zu Potsdam und Berlin 1914 – Seite 483

Hurra! SCHULANFANG 1914 – Für die Lehrer und Geistlichen

„Für die Kriegsführung ist es von großer Wichtigkeit, dass der Automobilverkehr … ungehindert vonstatten geht. Wie mir der Kommandeur des Kaiserlichen Freiwilligen Automobilkorps mitteilt, erkennen die Mitglieder des Korps zwar an, dass die Polizeiorgane bemüht sind, den Wagen-verkehr möglichst günstig zu regeln, die Kraft der an sich geringen Polizeikräfte versage aber manchmal und vor allem gegenüber Kindern. Nach den Bekundungen der Automobilisten suchen die Kinder wie früher in automobilfeindlichen Zeiten, gleichgültig ob die Insassen der Wagen Offiziere oder Zivilpersonen sind, die Fahrer zu belästigen. Fast in jedem Dorfe stellten sich Kinder mitten in den Weg, sprängen im letzten Moment zur Seite und beirrten so den Fahrer. Dieser könne natürlich nicht vorher wissen, nach welcher Seite die Kinder forteilen, ebenso wenig wie er berechnen könne, ob die absichtlich über die Straße laufenden Kinder die andere Seite erreichen oder im Laufe stürzen würden. Der Fahrer ist daher genötigt, abzustoppen, wodurch Zeit verloren gehe, der Wagen in die Gefahr der Schleuderung gerate und unnütz Benzin, Gummi und nicht zuletzt Nervenkraft, deren sparsamer Gebrauch in der jetzigen Zeit von größter Bedeutung ist, verschwendet werde. Andere Kinder suchten …. durch Haltezeichen, falsche Richtungsanweisung und durch sichtbar gemachte Absicht, mit Gegen-ständen zu werfen, die Automobilisten irre zu führen, wieder andere schrien beim Vorbeifahren so laut, dass der Fahrer, um nach dem Grunde zu forschen, den Wagen zu Halten bringe. Daß durch Steinwürfe nach Autos schon sehr viel Unheil angerichtet worden ist, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, aber auch das Zuwerfen oder Bewerfen mit Blumen und Obst kann gleich schwere Folgen haben … Da die Polizeiorgane, namentlich auf dem Lande, nicht rechtzeitig und überall solche Unarten verhindern können, ersuchen wir Eure Hochgeborenen (Hochwohlgeborenen) ergebenst, die Geistlichen und Lehrer schleunigst anzuweisen, die Kinder von einem derartigen schändlichen Treiben nachdrücklichst zu warnen und im Uebertretungsfalle unnachsichtliche exemplarische Schulstrafen gegen die Missetäter zu verhängen.
Berlin, den 24. August 1914
Der Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten, Der Minister des Innern
An die sämmtlichen Herren Regierungspräsidenten

Quelle:  ebenda 1914  – Seite 486

Anmerkung: Die Anrede „Hochgeborene (Hochwohlgeborene)“ bezieht sich auf die „sämmtlichen Herren Regierungspräsidenten (!) der damaligen Kaiserlichen Regierung.

Hartmut Ulrich

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