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22.12.2019

Schöneberger Vergnügen (1880 bis 1930)

Um die Jahrhundertwende hatte sich Schöneberg rasant vergrößert, während es 1880 noch rund 11.000 Einwohner hatte, waren es 1919 bereits etwa 175.000. Die zugewanderten Bürger kamen überwiegend aus Westpreußen, Pommern und Brandenburg. Die Freizeitgestaltung und das Vergnügen waren in der Stadt anders als in ländlichen Gebieten. Die urbane Vergnügungskultur war wirtschaftlich ausgerichtet.

Filiale des "Eldorado" Motz- Ecke Kalckreuthstraße. (1932). Bundesarchiv, Bild 183-1983-0121-500 / CC-BY-SA 3.0

Frau Dr. Johanna Niedbalski war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berliner Humboldt-Universität in Forschungsprojekten zur Vergnügungskultur und hat dort auch ihre geschichtswissenschaftliche Doktorarbeit zu diesem Thema geschrieben. Daraus hat sie anschließend ein Buch über die Berliner Vergnügungsparks um 1900 veröffentlicht. Für das Schöneberger Museum jedoch hatte Frau Dr. Niedbalski, die in Schöneberg geboren wurde und auch hier aufgewachsen ist, speziell einen Vortrag ausgearbeitet, der sich mit den Freizeitmöglichkeiten und der Vergnügungskultur in Schöneberg in der Zeit von 1880-1930 beschäftigte.

Die großen Vergnügungsparks waren im Allgemeinen an Ausstellungen angegliedert. Wie zum Beispiel die „Deutsche Armee und Marine- und Kolonial-Ausstellung“ 1907 an der Rubensstraße in Schöneberg, wo das Leben in den deutschen Kolonien gezeigt wurde. Dafür wurde ein Dorf mit Menschen und Tieren aus Südafrika aufgebaut. Aber es gab auch einen Tanzsaal und eine Reithalle, in der die Besucher erste Reitversuche unternehmen konnten. Daneben fand man auch eine Maschinenhalle, eine Halle für Kriegsspiele und natürlich ein kleines Theater und ein großes Restaurant. Man wollte damit die einfachen Leute, die arbeitenden Kreise für die großen Themen interessieren. Allerdings wurde dieser Park 1920 wieder aufgelöst.
Außerdem gab es kleine Rummelplätze, deren Buden auf leeren Plätzen in der Stadt zusammengestellt wurden, meist neben Gasthäusern, z.B. neben dem „Schwarzen Adler“ in der Hauptstraße. Auf einem Rummel gab es Schieß- und Würfelbuden, Karussells, aber auch einen Tanzboden. Allerdings standen Polizei und Kirche diesem Treiben sehr ablehnend gegenüber, denn sie befürchteten, durch die losen Sitten auf dem Platz eine Verwahrlosung der Gesellschaft  und sahen hier ein Sammelbecken für Gesindel.

Die Gartenrestaurants waren aber auch deshalb so beliebt, weil sie ein ideales Ziel waren für die ganze Familie am Sonntagnachmittag. In den meisten Lokalen hieß es sogar „hier können Familien Kaffee kochen“. Da konnten die Leute ihr eigenes Essen und Trinken mitbringen. Sie mussten nur ein paar Pfennige für heißes Wasser zahlen und um Geschirr auszuleihen. Und abends öffnete der Kellner gegen ein Korkgeld auch die mitgebrachte Wein- oder Schnapsflasche.

Es gab jedoch in Schöneberg auch über 90 Bars und Tanzsäle. Schöneberg war schon damals als Regenbogen-Kiez bekannt. So trafen sich im „Eldorado“ an der Luther-Straße auch Transvestiten und Homosexuelle. Das „Eldorado“ war deshalb über Berlin hinaus bekannt. So dass bald viele Touristen kamen und im Publikum wurde oft gewettet, wer von den Tanzpartnern auf der Tanzfläche männlich oder weiblich war.
Der Damenclub „Violetta“ in der Bülowstraße war dagegen keineswegs so offen. Er hatte ca. 400 feste Mitglieder und Männer waren in den Räumen des Clubs überhaupt nicht gerne gesehen.

Etwa seit 1910 setzten sich immer mehr die bewegten Bilder durch. Die Zeit der Kinos begann. 1919 gab es in Schöneberg 26 Kinos. Erst waren es nur kleine Kiezkinos, die beispielsweise in leeren  Ladenlokalen entstanden. In der Kolonnenstraße baute ein Wirt seine Kneipe zum Vorführraum um.
Es wurden aber auch große Kinobauten errichtet. 1913 wurde am Nollendorfplatz ein riesiger fensterloser Bau errichtet, das Cines. Es war der erste Kinoneubau in Berlin. Und wenn auch die Wände nicht ein Fenster hatten, so ließ sich das Dach auffahren und das Publikum saß dann in einem Freilicht-Kino. Das Cines hatte 850 Plätze und der Eintritt kostete zwischen 1 und 3 Mark.
Gelegentlich wurden die Filme auch in Wohnzimmern vorgeführt, sehr zur Freude der Nachbarn, die hier keinen weiten Weg hatten. So ein Wohnzimmerkino hat es in einer Hinterhof-Wohnung in der Goltzstraße gegeben.
Später wurde hier das deutsch-russische Theater „Der blaue Vogel“ eingerichtet, mit 200 Parkettplätzen und 2 Rängen.

Insgesamt gab es in Schöneberg zu der Zeit über 30 Theater.

1906 wurde das „Neue Schauspielhaus“ am Nollendorfplatz eröffnet. Es hatte einen Theatersaal mit über 11.000 Plätzen und einen Konzertsaal, der komplett mit Mahagoniholz ausgekleidet war. Dieser „Mozartsaal“ war für den kaiserlichen Hof eingerichtet worden und sollte die reichen Bürger ansprechen. Der Bau wurde später immer wieder unterschiedlich genutzt und oft umbenannt, heute heißt er wieder „Metropol“.

1908 eröffnete in der heutigen Martin-Luther-Straße 14-18 ein Eispalast, in dem die Berliner zu jeder Jahreszeit Schlittschuhlaufen konnten. Die Halle war 18 Meter hoch und hatte eine Eisfläche von 1.900 qm. Der Eintritt kostete nur 0,75 – 1 Mark. Bei Vorstellungen einer Eisrevue hatten 3.000 Zuschauer Platz. Leider ging das Unternehmen schon nach ein paar Jahren in Konkurs. Während des Krieges wurden dann Fleischreserven in der Eishalle gekühlt. 1920 eröffnete in den Räumen des Eispalastes das Revue-Theater „Scala“, das schnell weltberühmt wurde, weil hier internationale Künstler auftraten. An den Wochenenden wurden die Shows zu sehr günstigen Preisen angeboten.

1910 wurde dann an der Potsdamer Straße der „Sportpalast“ eröffnet. Es war die größte Halle in Berlin, sie bot Platz für 10.000 Zuschauer und hatte  die größte Kunsteisbahn der Welt. Sportveranstaltungen wie Eishockey und Boxen waren stets ausverkauft. Und das obwohl die Preise für die Eintrittskarten zwischen 5 und 75 Mark lagen.

Aber diese umfangreiche Vergnügungskultur im alten Berlin ist heute nur noch Geschichte, denn auch sie änderte sich wieder.

Christine Bitterwolf

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