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22.09.2022 / Orte und Plätze

Schnell oder langsam durch die Handjerystraße

Von Ottmar Fischer. In dem dreibändigen Sammelwerk „Friedenau erzählt“ des Verlags edition friedenauer brücke ist auch ein Erinnerungstext von Charlotte Lüttge aus dem Jahre 1979 enthalten.
Handjerystraße in Friedenau. Foto: Elfie Hartmann

Darin heißt es: „Im Frühjahr 1905 zogen meine Eltern von der ruhigen Gegend am Barbarossaplatz in die lebhafte Friedenauer Straße, und zwar in das Haus Nr 63, das später die Nummer 88 erhielt, als die Straße in Hauptstraße umbenannt wurde. Es standen damals nur sehr wenige Häuser, es war also ein kleiner Bezirk, der vom Lauterplatz (jetzt Breslauer Platz) bis zur Holbeinstraße (später umbenannt in Rubensstraße) reichte. Rings um unser Wohnhaus war freies Bauland, so auch die gegenüberliegende Seite, von uns Kindern als Wiese okkupiert, wuchsen ja dort wilde Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht, Kamille, gelbe Dotterblumen usw. Es war ein idealer Spielplatz für uns, und im Herbst ließen die Knaben dann dort ihre selbst gebastelten Drachen steigen. Von unserer Wohnung konnten wir bis zum Birkenwäldchen sehen, so nannte man im Volksmunde damals liebevoll den mit Birken bestandenen Maybachplatz (jetzt Perelsplatz).

Doch langsam wuchsen nun auch die Häuser auf der gegenüber liegenden Seite empor, und die Aussicht zum Birkenwäldchen wurde verbaut. Jetzt sah man dorthin die Spreewälder Ammen mit ihren Kinderwagen kutschieren und die Kammerdiener in ihren gestreiften Jacken die großen Hunde ausführen, vorwiegend Jagdhunde, vereinzelt auch mal einen Dobermann, unser deutscher Schäferhund war damals noch nicht vertreten, er sollte ja erst später zu Ehren kommen. Die Nebenstraßen entstanden, wie auch die Hähnelstraße, mit einem herrlichen Asphaltpflaster, eine vorzügliche Rollschuhbahn für uns abgebend. Die Rollschuhe mußten wir beim Nachhausekommen aber immer vor der Haustür abschnallen, durften damit den Hausflur nicht betreten, so wie uns ja auch der Hof-Garten zum Spielen verboten war, in dem ein Lebensbaum und zwei Fliederbäume wuchsen.“
In dieser Darstellung wird deutlich, welch große Bedeutung freie Flächen im Wohnumfeld besonders für die spielende Entfaltungsfreude der Kinder haben. Und es wird daran ebenfalls deutlich, wie sehr solche Freiflächen heute infolge der dichten Bebauung und der Beherrschung der Straßen durch den fließenden und parkenden Autoverkehr fehlen. Zwar wurden seither mit den Kindertagesstätten betreute Aufenthaltsorte und mit den in unserem Bezirk besonders fantasievoll gestalteten Spielplätzen etwa am Schöneberger Stadtbad oder eben in der Handjerystraße auch Spielmöglichkeiten im Freien geschaffen. Doch bleiben solche Oasen aufgrund der Stadtentwicklung nur Inseln. Und umso sorgfältiger muss daher auf eine gefährdungsfreie Wegeverbindung zwischen ihnen und den Wohnhäusern geachtet werden.

Schon vor dem Jahre 1900 griff die Bebauungsgeschichte des 1871 begonnenen Unterfangens Landhauskolonie Friedenau vom erhöhten Bereich der heutigen Dickhardtstraße über die Berlin-Potsdamer Chaussee hinweg in das jenseitige Gelände über und erreichte schließlich auch das Birkenwäldchen. Die Handjerystraße durchläuft also genau jenes Gebiet, das die Autorin zur Entstehungszeit im Blickfeld hatte und dessen Nebenstraßen noch heute die architekturgeschichtliche Entwicklung des lokalen Häuserbaus erkennbar machen. Und ihren Namen erhielt diese Straße übrigens zum Gedenken an jenen Landrat des Kreises Teltow, der sich seinerzeit bei allen Regierungsstellen für die Entstehung der selbständigen Landhauskolonie eingesetzt hatte.

Verkehrsberuhigung oder Fahrradschnellweg
In dieser lokalhistorisch bedeutsamen Straße soll nun erneut Neues entstehen, und zwar soll hier eine mustergültige Fahrradstraße eingerichtet werden. Nun formuliert die Landespolitik zwar im Rahmen ihrer seit Jahren ausgerufenen Mobilitätswende als allgemeines Ziel eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raumes zwischen Fußgängern, Fahrradfahrenden und Fahrzeugen. Doch entstehen durch die Befriedigung eines vermeintlich erhöhten Förderungsbedarfs für Radfahrende mithilfe von Fahrradstraßen in bereits verkehrsberuhigten Zonen und in Straßen, deren Querschnitt die dafür vorgesehene Fahrspurbreite ohne Eingriffe nicht hergeben, auch neue Gefahren, und zwar wegen der Ermöglichung von mehr Tempo für den radelnden Durchgangsverkehr. Dabei hatten einst die Holländer als Erfinder der Durchmischung aller Verkehrsformen in einem gemeinsamen Raum ohne Trennung von Fußgängern, Radfahrenden und Autos gerade dadurch gesunkene Unfallzahlen gemeldet, weil in einem gemeinsamen Verkehrsraum alle Nutzer sich zu besonderer Umsicht und Rücksichtnahme veranlasst sehen. Und dieses rücksichtsvolle Verhalten ist auch in der Handjerystraße unter den jetzigen verkehrsberuhigten Bedingungen durchweg anzutreffen, wäre aber durch die Einladung zur Beschleunigung durch gesonderte Fahrradspuren gefährdet.

Auf diesen bedenkenswerten Umstand hat bei der im Juli auf Einladung des Bezirksamts erfolgten Ortsbegehung im weit auseinandergezogenen Zug der etwa 70 Interessierten ein junger Erzieher aus einer der fünf umliegenden Kindertagesstätten gegenüber Stadträtin Ellenbeck (Grüne) hingewiesen. Nach seinen Worten läuft die Beschleunigung des Fahrradverkehrs durch die vorgesehene Form der Fahrradstraße sogar dem städtebaulichen Ziel der Herstellung und Sicherung von Aufenthaltsqualität im Quartier zuwider. Denn durch die in der Vergangenheit erfolgten Einzelmaßnahmen zur Verkehrsberuhigung sei die zuvor vermisste Aufenthaltsqualität trefflich wiederhergestellt worden und gewährleiste für Fußgänger und besonders für die Kinder der hiesigen Kitas und Schulen durch die Überschaubarkeit der Verkehrsverhältnisse ein sicheres Queren der Fahrbahn. Zwar sind laut Planung zusätzliche Querungshilfen an den Kreuzungen und Verbesserungen der Sichtbeziehungen durch neue Fahrradstellplätze vorgesehen. Doch gleichzeitig sollen auf einer Straßenseite die Parkplätze entfallen, damit für den markierten Fahrradweg in der Fahrbahn eine Breite von durchgängig 5,50m gewonnen werden kann, was sich zusammensetzt aus jeweils 2x1m Fahrspur für jede Richtung und 0,75cm Sicherheitsabstand zum parkenden Verkehr auf jeder Seite.

Neben dem Erzieher meldeten sich zum Teil auch erboste Anwohner zu Wort, die sich über die ausgebliebene Bürgerbeteiligung in der Planungsphase beschwerten und eine stärkere Berücksichtigung der Anwohnerbelange einforderten. Unter ihnen befand sich auch jene Gruppe von Betroffenen, die über die BVV eine von ihr zu organisierende Einwohnerversammlung erreichen will und zu diesem Zweck in der Bürgerschaft mehr als die dafür erforderlichen 1.000 Unterschriften gesammelt hat. Auf die Tagesordnung schafft es dieser Einwohnerantrag aber erst nach der Sommerpause der Bezirksverordneten. Und weil die erst nach dem Redaktionsschluss für diese Ausgabe der Stadtteilzeitung endet, kann der Bericht dazu erst in unserer nächsten Ausgabe erscheinen.

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