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10.07.2016

Schildbürgerstreich Wasserturm Steglitz damals,

oder wie man aus Erfahrungen lernen kann!

Wasserturm im Rohbau 1916. Foto: Archiv Wolfgang Holtz

Wasserturm heute. Foto: Thomas Protz

Ruhig und gelassen steht er da, ein Monument der Schönheit des Backsteinbaus inmitten der Ruhe des Friedhofs an der Bergstraße in Steglitz, ein Musterbeispiel für den Ziegelexpressionismus der damaligen Zeit, entworfen vom berühmten Architekten Hans Heinrich Müller (1879-1951), im Rohbau im Juli 1916 fertig und vollendet im Jahre 1919.
Ein scharfkantiger und mit vielen Ecken ausgestatteter Industriezweckbau passte nicht zum Friedhofsgelände; also wählte Müller  die Form eines klassischen Rundtempels (Monopteros) als Aufbewahrungsort für den riesigen Wasserbehälter. Und mit diesem  Turmbau auf dem Friedhof liegen wahrscheinlich nirgendwo in Berlin Architekturgeschichte, Schildbürgerstreich, Transitfragen, Behördenquerelen und schließlich das gute Ende so dicht beieinander, wie hier.

Prolog: Steglitz erhielt sein Wasser seit 1885 von den „Charlottenburger Wasserwerken“, die am Verkauf des Wassers kräftig verdienten. Nur 5% der Bruttoerlöse und bei Bedarf kostenloses Löschwasser standen auf der Steglitzer Habenseite. In der stark wachsenden Gemeinde wuchs der Wasserbedarf allerdings enorm, und so musste neben dem Wasserturm am Fichtenberg ein neuer her. Als damals größte preußische Landgemeinde mit ca. 80.000 Einwohnern wollte man dazu auch noch ein gemeindeeigenes Wasserwerk bauen und kündigte vorzeitig und vielleicht zu vorwitzig  die bestehenden langfristig angelegten Verträge mit Charlottenburg. Aber der Wunsch war der Vater der schildbürgerischen Steglitzer Gedanken; kurzum, die Planungen erwiesen sich als unrealistisch, und so schloss man 1914 mit der Stadt Lichtenberg einen neuen Versorgungsvertrag. Wasser sollte über eine 22 km lange Rohrleitung von Kaulsdorf nach Steglitz zu dem neuen Wasserturm auf den Rauen Bergen geleitet werden.

Am 14. Juli 1916 stand dieser neue Wasserturm auf dem Friedhof Steglitz im Rohbau da; aber ihm fehlte das Wasser, denn man hatte nicht bedacht, die von der notwendigen „Wasser-Transitleitung“ unterquerten Gemeinden um Genehmigung zu ersuchen. Eigensinn einiger Gemeinden und Querelen mit deren Verwaltungen führten zur Transitverweigerung und damit zum Baustopp. Teil-weise mussten schon verlegte Rohre wieder ausgegraben und verkauft werden, um den finanziellen Schaden zu mindern. Und doch baute man den eigenen Wasserturm weiter und weiter. Am 4. April 1919 war er schließlich fertig und stand nun da als wunderbares Denkmal des damaligen „Ziegelexpressionismus“, aber auch als Mahnmal hybrider Gemeindevertreter unter dem blauen Himmel Steglitzens.

1920 keimte Hoffnung; Steglitz wurde der 12. Stadtbezirk des neuen Berlins. Der Turm erhielt mit den „Berliner Städtischen Wasserwerken“ nun einen neuen Hausherrn, aber auch weiterhin kein Wasser, denn die bestehenden Rohrnetze reichten vorerst zur Wasserversorgung von Steglitz hinreichend aus.
Dafür konnte unser Wasserturm nun beim Abbau der sandreichen Rauen Berge im Umfeld des Friedhofs die merkwürdigsten Aktivitäten beobachten: Häuser wurden für die wachsende Gemeinde gebaut. Otto Lilienthal veranstaltete von den Rändern der Kiesgruben seine Flugversuche. 1921 wurde aus Steglitz Ägypten mit einem Pharao und einer Sphinx; es entstand eine große ägyptische Filmkulisse für den berühmte Film „Das Weib des Pharao“ von Ernst Lubitsch mit einem 28m hohen und 54m breiten Palast mit Freitreppe und Widderstatuen. Die 28m hohe Sphinx bewachte das Schatzhaus des Pharao. Hunderte von Statisten wurden als ägyptisches Volk rekrutiert. Dank seiner begehrten neuartigen publikumswirksamen Lichttechniken wurde der Film von der Paramount aus den USA finanziert und auch nach dort verkauft, und aus diesem Geldtopf konnten auch die vielen sonst arbeitslosen Statisten bezahlt werden; schon damals eine Art von Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in der deutschen Inflationszeit nach dem 1. Weltkrieg.

Von der Pacht für das Filmgelände gönnte man dem Turm und den Steglitzern 1923 ein Kolumbarium, eine schöne Urnenhalle, passend zum Friedhof. Dafür musste natürlich der Wasserbehälter ausgebaut werden. – Pause – Erst 1925 erinnerten sich die „Städtischen Wasserwerke“ an den Steglitzer Turm und wünschten sich nunmehr einen funktionierenden Wasserturm, dessen Ausbau vom Bezirk am 25. Januar 1926 genehmigt wurde. Der dazu notwendige Wasserbehälter wurde nach Querelen um dessen Bauweise dann als „Hängebodenbehälter vom Typ Barkhausen“ im November 1926 fertig gebaut. Nun wollte der stolze Bezirk im Januar 1927  aber auch noch ein schönes Krematorium für den Friedhof dazu bauen. Aus unerfindlichen Gründen wurde dieser Ausbau aber nicht völlig umgesetzt.  1928 schlug schließlich  die große Stunde des Wasserturms, und er erhielt nun endlich Wasser und konnte damit Steglitz und die Hochstadt von Schöneberg einschließlich Friedenaus mit Wasser versorgen.

Im Nationalsozialismus er-hielt der Turm noch eine Ehrenhalle, und im Innern des Monopteros diente der Reichsadler der Verehrung der neuen Götter. Der 2. Weltkrieg verpasste ihm dann einige Wunden, aber er überlebte. Die geldarme Behörde verschaffte ihm zum Überleben ein mehr oder weniger regendichtes Dach aus geteerter Dachpappe. Und die Friedhofsverwaltung konnte im Innern des Turmes ihre gartenpflegerischen Utensilien lagern.

Epilog: 1962 wurden beide Steglitzer Wassertürme stillgelegt; der „Fichtenberg`sche wurde zur Wetterstation der Freien Universität umgebaut, und der Bergfriedhof’sche wurde 1992 zum Denkmal erklärt und begann allmählich zu verrotten, weil kein Geld zur Denkmalspflege vorhanden war.

Aber unser guter Turm hatte als Denkmal nunmehr einen Erhaltungsanspruch, weshalb ein schnöder Abriss ausschied. Es musste etwas geschehen, und so beschloss man wieder eine neue Nutzung. Wegen der Friedhofslage und baurechtlich als Hochhaus eingestuft, musste die Quadratur des Kreises geschaffen werden. Presseaufrufe sollten helfen, eine angemessene Nutzung zu finden. Nach einigen – z.T. abenteuerlichen – Nutzungsvorschlägen reichte 1996 schließlich der A.T.I.-Verlag über seinen Geschäftsführer, den Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, ein tragfähiges Lösungskonzept ein. Die diesmal sehr kluge Bezirksverwaltung folgte nach zwei Jahren Verhandlung und Prüfung dem Vorschlag, den Turm im Rahmen eines PPP-Projekts (Public-
private-partnership) kostenhälftig,  aufwändig und denkmalsgerecht zu restaurieren und als Großraumbüro für seine Firma zu nutzen.

Seit 2000 arbeiten hier 16 Personen am „arznei – telegramm“, einer von der Pharmaindustrie und Werbung unabhängigen Monatszeitschrift mit Informationen über Arzneimittel für Ärzte und Apotheker. Dazu zählt auch die Auswertung der Rückmeldungen von Ärzten und Kliniken zur Verträglichkeit von Medikamenten. Für die Büroarbeit war kein Publikumsverkehr nötig, und so war damit eine wichtige Bedingung erfüllt, nämlich die Einhaltung der Friedhofsruhe. Die Finanzierung der sehr aufwendigen Restaurierung (Vier Millionen DM teilten sich Verlag und Behörde, zwanzig Jahre ist der Verlag mietfrei) darf als mustergültiges und wegweisendes Konzept für ein Zusammenspiel privater und denkmalspflegerischer öffentlicher Interessen gelten und zur Nachahmung anregen.

Weiterführende Literatur:  
Wolfgang Becker-Brüser / Stephan Lepiorz
Der Wasserturm auf dem Friedhof Bergstraße in Steglitz.
AVI Arzneimittel-Verlags GmbH
Berlin 2005.

Hartmut Ulrich

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