Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

11.10.2017

Schichtwechsel

Manche nennen es Notaufnahme, manche Erste Hilfe oder Rettungsstelle. Aber eigentlich ist es doch so: erste Hilfe erhält man in der Notaufnahme der Rettungsstelle.

Foto: Thomas Protz

Diesmal hat es mich in eigener Sache in eine Rettungsstelle verschlagen, und zwar in die Rettungsstelle der Charité Mitte, fern der Heimat sozusagen. Da hatte ich auch hingewollt, in die Charité, nicht unbedingt in die Rettungsstelle. Herumliegende Kabel auf dem immer noch nicht richtig ausgebauten Gelände um den Hauptbahnhof herum hatten mich zu Fall gebracht, zugegeben, ich hatte auch wieder nicht darauf geachtet, wo ich hintrete, und da lag ich nun. Ein junger Mann, der da in einem SUV saß, half mir auf die Beine und wollte einen Rettungswagen rufen, was ich weit von mir wies; das hatte mir gerade noch gefehlt! Eine schmerzvolle Viertelstunde später, in der ich mich in die Charité geschleppt hatte, um dort meinen Krankenbesuch abzustatten, bereute ich das. Ich war auf einen Stuhl gesunken und kam nicht mehr hoch, das rechte Knie brüllte und schwoll an, ich konnte nicht mehr aufstehen. Es wurde ein – na, was wohl? jawohl, Krankenwagen gerufen, der mich in die Rettungsstelle fuhr. Ich haderte mit mir und meinem Schicksal, war aber trotzdem neugierig auf diese noch unbekannte Rettungsstelle. Wie es hier wohl zuging?

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, das jedoch nicht. Die Rettungsstelle der Charité Mitte besteht zum größten Teil aus engen Gängen und kleinen Räumen, die Patienten sitzen vor den ihnen zugewiesenen Räumen und warten, bis sie hineingerufen werden. Ich fühle mich stark an die Bunker der Kriegszeit erinnert, in die man sich bei Fliegeralarm flüchtete, ungemütlich, kahl, und man ist in Panik. Die Gänge sind so eng, dass gerademal zwei Betten aneinander vorbeikommen (Vorsicht, Ellbogen einziehen!), der Helfer, der die Betten schiebt, tut unfreundlich seine Meinung kund über das, was hier zusammengebaut wurde: „Sehn se sich dit an, da muss ick immer um die Ecken rum, den janzen Tach lang! Sch... ham die jebaut!“ Ich kann das gut nachvollziehen, denn ich liege auf einer fahrbaren Untersuchungsliege und werde in die Röntgenstelle gekarrt. Man röntgt mein Knie und gleich auch noch das angeschlagene Handgelenk, dann gehts wieder zurück in einen freien Raum. Da werde ich abgestellt, ein Arzt kommt vorbei und tastet das Bein und sonstige Extremitäten ab, gebrochen scheint nichts zu sein. Er gibt den Sachverhalt in den Computer ein, dann geht er wieder. Ich kenne mich ja aus mit Rettungsstellen und denke mir erst einmal nichts dabei. Hier muss man warten. Man hat mir eine Decke übergelegt, ich versuche mich zu entspannen.

Unerfreuliche Gedanken gehen mir durch den Kopf: muss ich womöglich ins Krankenhaus, ich habe viel zu erledigen, wie soll das weitergehen? Die Tür zum Gang steht offen, draußen gehen immermal wieder Gestalten in weißen oder blauen Kitteln vorbei, niemand sieht mich da liegen. Als ich auf die Toilette muss, dauert es eine ganze Weile, ehe eine vorbeihuschende junge Schwester mein Rufen aus der Gruft hört, mich in einen Rollstuhl verfrachtet und mich dort hinfährt, wo ich hin muss. Nachdem sie mich zurückgefahren hat, bringt sie mir freundlicherweise noch eine Flasche Wasser, der ich vorsichtshalber nicht zu sehr zuspreche: wer weiß, wann mich wieder jemand hört.

Ich döse vor mich hin, nicke vielleicht sogar ein bisschen ein, und schon sind vier Stunden vergangen. Der Betrieb draußen auf dem Gang scheint ruhiger geworden zu sein. Ich komme ins Grübeln – soll ich mich bemerkbar machen? Bei wem bloß? Es lässt sich niemand mehr blicken. Selbsthilfe ist angesagt. Mit viel Mühe und Ächzen und Krächzen – das Knie tut verdammt weh, wenn ich mich bewege – angle ich meine Jeans vom Stuhl und würge mich hinein, dann muss ich auf die Beine kommen. Der Schweiß bricht mir aus, aber ich schaffe es tatsächlich in Strümpfe und Schuhe. Die Schnürsenkel müssen offen bleiben. Ich humpele auf den Gang und schaue in den nächsten Raum, in dem ein Arzt am Computer sitzt. Ich sitze seit vier Stunden hier nebenan, sage ich, passiert da heute noch was? Er sieht mich erstaunt an: Wer sind Sie denn? Ähm – Ich nenne meinen Namen, und er ruft meinen Fall im Computer auf, liest ihn durch, sieht mich an, sieht wieder in den Computer und sagt schließlich: Sie können ja laufen, da können sie doch nach Hause gehen!
WIE BITTE?? Konnte man mir das nicht vor vier Stunden sagen, frage ich ihn. Wo ist denn der Arzt, der mich untersucht hatte? Er murmelt etwas von Feierabend. Was soll man sagen, wenn man entdeckt, dass der Kollege von der Tagesschicht eine Patientin beim Schichtwechsel vergessen hat? Entschuldigen hätte er sich wenigstens können, finde ich. Ich hätte bis zum Morgen dort liegen können, ohne bemerkt zu werden! Immerhin bestellt man mir ein Taxi, das ich am Hauptbahnhof entlasse. Bis nach Friedenau zu fahren, kommt mir übertrieben vor, es gibt überall Rolltreppen, und mein Heimatbahnhof Feuerbachstraße hat einen Fahrstuhl, den ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal benutze.
Bin ich froh, wieder in der Freiheit zu sein und heute Nacht im eigenen Bett schlafen zu können!

Sigrid Wiegand

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