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28.11.2012 / Menschen in Schöneberg

Schauspieler - Menschen wie Du und ich - und doch ganz anders

Man stelle sich eine Durchschnittsfamilie vor. Vater ist Beamter, Mutter ist Hausfrau, die Tochter geht zur Schule. Und dann ist da noch die Tante, eine Schauspielerin, die natürlich, wenn sie in Berlin zu tun hat, bei ihrer Schwester wohnt. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kommt, wirbelt sie den kleinen Beamtenhaushalt durcheinander und lässt die Familie 100% an ihrem Leben teilnehmen.

Die Tante war Schauspielerin mit Leib und Seele. Sie war großartig, aber sie war zu ihrem Leidwesen nie so richtig berühmt geworden. Sie war fleißig. Überall wo sie zu tun hatte, ging sie auch zu den Sendern, und machte die Produzenten und Regisseure auf sich aufmerksam. Es kam auch immer irgendetwas, meistens waren es mehr oder weniger große Nebenrollen. Film, Fernsehen, Theater, Tournee, Engagements für ein paar Monate oder auch nur für ein paar Tage. Wenn das Geschäft gut lief, machte sie großzügige Geschenke, aber wenn „saure Gurken Zeit“ war, konnte es schon mal ein Problem sein, die Fahrkarte zum nächsten Auftritt zu bezahlen.

Schon wenn sie bei der Familie an-kam, mit einem riesigen Koffer, einem Kleidersack voller Kostüme, den Kosmetikkoffer in der Hand und die beutelartige Handtasche über der Schulter, war das Chaos vorprogrammiert. Sie bezog das Kinderzimmer, die Tochter schlief im Arbeitszimmer. Der Koffer blieb halb offen, die Schuhe standen unter dem Bücherregal, die Kostüme wurden im Schlafzimmer ausgehängt, im Kühlschrank deponierte sie kräftigen Käse, Knoblauch und Sauerkraut, im Bad roch es alsbald nach Baldrian und Franzbrandwein. Soviel Unordnung durfte die Tochter nie machen.

Auch das tägliche Leben wurde durch das Künstlerleben ziemlich auf den Kopf gestellt. Mal wurde sie morgens schon um 6.00 Uhr abgeholt zu Filmaufnahmen und mal kam sie abends erst um 23.00 Uhr aus dem Theater nach Hause. Die Mutter sorgte für sie wie für jeden in ihrer Familie. Sie bereitete morgens ein Frühstück und panierte nachts noch schnell ein Schnitzel, wenn die Tante mit „Hunger für tausend Mann“ heimkam, und schluckte den Ärger runter, wenn diese nach drei Bissen nichts mehr essen konnte weil, sie  jetzt „Knoten im Bauch“ hatte.

Diese Tante steckte voller Geschichten. So erzählte sie z.B. voller Empörung von der Fehlbesetzung einer Hauptdarstellerin, die eine Figur wie ein Nilpferd und eine Stimme wie eine Elfantentrompete hätte, und wenn sie engelsgleich über die Bühne schweben sollte, würde der Boden beben. Allerdings schwärmte sie am nächsten Tag von der selben Kollegin, dass sie eine warmherzige Ausstrahlung hätte, ein ganz wunderbarer Mensch wäre und mit ihrer großartigen Stimme das ganze Theater füllen könnte. Es war irritierend, beide Ausführungen kamen so überzeugend und glaubhaft rüber. Die Tante war eben auch im echten Leben eine gute Schauspielerin.

Die Tochter genoss diesen Blick in eine andere Welt. Nachmittags fragte sie Texte ab und abends im Bett las sie statt der üblichen Mädchenromane die Drehbücher einer TV-Serie. Manchmal durfte sie zu den Filmaufnahmen mitgehen. Fürs Schminken und Frisieren gab es da einen Wohnwagen. Kameraleute und Kabelträger liefen scheinbar ziellos durcheinander. Während der Regisseur einzelne Szenen mehrfach wiederholen ließ, mussten alle anderen Darsteller warten. Die meiste Zeit beim Film vergeht überhaupt mit Warten. Die Schauspieler sind darauf vorbereitet, sie haben Bücher, Laptops oder Strickzeug immer griffbereit.

In einer Szene musste die Tante unbedingt Fahrrad fahren, wobei sie prompt stürzte und sich das Knie aufschlug. Weitere Versuche lehnte sie strikt ab. Das ganze Team war in heller Aufregung, weil die Oma auf dem Fahrrad für den Film unabdinglich war. Zum Glück sah die Mutter ihrer Schwester etwas ähnlich, wenigstens von links, im Halbprofil. Sie wurde das Double. Die ganze Familie fand sich am Drehort ein, und verfolgte die Verwandlung der beiden Frauen in ein und dieselbe Maske. Die Aufnahmen waren spannend, mal die eine auf dem Fahrrad halb von hinten und gleich darauf die andere strahlend von vorn.

Ein anderes Mal übte die Tante tagelang auf dem alten Klavier ihren Gesangspart für eine Operettenvorstellung, mit donnernden Tasten die Chorgesänge und mit spitzer Stimme die Koloratur-Arie. Die ganze Familie konnte bald mitsingen. Aber als eines der Lieder morgens im Radio lief und Tochter spaßeshalber ihr kleines Radio am Bett der noch schlafenden Tante laut aufdrehte, hing der Haussegen schief für den Rest des Tages.

Am Tag vor der Premiere, nach wochenlangen Proben, lagen die Nerven aller Beteiligten blank. Die Tante behauptete, sie sei die Einzige, die noch einigermaßen klar denken könnte, aber alle anderen ... Die Hauptdarstellerin war heiser. Ihrem Partner war der Stress auf den Magen geschlagen, er kam gar nicht mehr von der Toilette runter. Die Requisiteurin änderte immer noch an den Kostümen. Die Altstimme jammerte und prophezeite nur Unheil, weil ihr eine schwarze Katze über den Weg gelaufen war. Und der Pianist, der die Soli begleiten sollte, stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Aber am Premierenabend waren doch alle auf der Bühne, und steht ein Künstler erst mal im Rampenlicht, ist wie durch ein Wunder alles andere vergessen, er lebt nur noch für die Rolle. Am Ende zählte jeder die Dauer des Applaus’ und wie viele Vorhänge geklatscht wurden. Dann bekamen die großen Stars einen Blumenstrauß, dafür sorgte die Theaterdirektion. Aber auch der Tante wurden Blumen überreicht, dafür sorgte die Mutter, die zu jeder Premiere Blumen schicken ließ mit dem ausdrücklichen Auftrag, diese auf der Bühne zu überreichen. Applaus ist eben doch des Künstlers Brot.

Auf den großen Erfolg wartet jeder kleine Schauspieler ein Leben lang.
Noch im Alter, als die Engagements immer häufiger ausblieben, hoffte die Tante auf die große Rolle ihres Lebens. Nie verließ sie die Wohnung ungeschminkt, immer war die Frisur perfekt. Sie konnte ja nie wissen, wem sie unterwegs begegnet. Jedes Mal, wenn sie in den Bus stieg, blieb sie erst einmal kurz stehen und blickte sich erwartungsvoll um, ob sie von jemandem erkannt wird. Die Hoffnung bleibt bis zuletzt.

Christine Bitterwolf

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