Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.05.2020

Rund um den Rotbart

von Ottmar Fischer Mit der Reichsgründung 1871 wurde Berlin zur Hauptstadt und damit zum Anziehungspunkt für Menschen aus allen Landesteilen, die hier auf ein besseres Leben hofften. Die neu entstehende Elektroindustrie und der prosperierende Eisenbahnbau boten Arbeitsplätze für Hunderttausende.

Bildpostkarte aus der Zeit der öffentlichen Schöneberger Schmuckfürsorge. Archiv Museen Tempelhof-Schöneberg

Der Kinderbrunnen auf dem Barbarossaplatz. Foto: Thomas Thieme

Und alle mussten mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgt werden. Die sich beschleunigende Entwicklung entfesselte bislang unbekannte Kräfte und veränderte nicht nur die alte Königsstadt rund um die Spreeinsel, sondern riss auch die Nachbargemeinden mit in den Strudel. Im Westen waren das Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg, wo die Umwandlung von Ackerland zu Baugrund manchem Spekula-ten bislang unbekannten Reichtum bescherte, manchen Bauherrn allerdings auch in die Pleite stürzte, denn die Preise für Baustoffe und die Löhne für Bauhandwerker stiegen in atemberaubendem Tempo. In dieser Zeit wurde das Dorf Schöneberg zur am schnellsten wachsenden Stadt Europas.

Der bedeutendste Akteur in diesem Geschehen war Georg Haberland, der überall in den Berliner Umlandgemeinden tätig wurde und seine Spuren auch in unserer Gegend hinterlassen hat, etwa im Bayerischen Viertel. Er war der Entwicklung immer um einen entscheidenden Schritt voraus und war um die Jahrhundertwende in Reaktion auf den Mangel an weitsichtiger Stadtentwicklungsplanung in den überrollten Kommunen dazu übergegangen, ganze Stadtlandschaften als Bauherr individuell zu gestalten und so einem Wohnquartier ein besonderes Gepräge zu geben. Das Haberlandviertel in Wilmersdorf mit der mittelalterlichen Anmutung seiner Gebäude wurde auf diese Weise nicht nur zu einer ersten Adresse für zahlungskräftige Kundschaft, sondern auch zu einem Besuchsmagnet für Neugierige aus dem Großraum Berlin.

Und zu den neugierig Gewordenen gehörte in Schöneberg der neue Bürgermeister Dominicus, der mitsamt seinem Magistrat in dieser neuen Form der Stadtgestaltung eine gute Chance sah, ein gehobenes Bürgertum in die aufstrebende Kommune zu ziehen und ihr dadurch über das höhere Steueraufkommen auch zu einem größeren Aktionsradius zu verhelfen. Als kommunale Beigabe zur gewünschten Entwicklung entstanden daher in einer geschwisterlichen Kette die Schmuckplätze Viktoria-Luise-Platz, Bayerischer Platz und Barbarossaplatz. Sie sind bis heute Zeugen einer Stadtentwicklungspolitik, die den Namen auch verdient, weil sie die Ortsansässigkeit nicht als bloßes Unterkommen unter einem Dach, sondern als Identifikationsmöglichkeit mit einem individuellen Viertel versteht.

Inzwischen ist die stolze Stadt Schöneberg Geschichte. Und so wie an das namengebende Dorf nur noch der Ersatzbau Schinkels für die alte Dorfkirche an der ehemaligen Dorfstraße erinnert, so gemahnt heute der goldene Hirsch auf dem Brunnen im Stadtpark die Besucher nur noch von ferne an die goldene Zeit einer selbstbestimmten Stadtpolitik.

Doch nun regt sich Sehnsucht nach Wiederauferstehung des alten Glanzes. Unter Anwohnern des Barbarossaplatzes ist Unruhe aufgekommen, weil ein Vorhaben des Bezirksamts die Verkehrsführung am Platz ändern will, ohne zugleich auch die alte Funktion als Schmuckplatz wieder zu beleben. Wortführer der Anklage ist Professor Wenzel, der seit über 50 Jahren dort wohnt und mit wachsendem Unmut den stetigen Verfall der Schmuckfunktion beobachtet. Fachlich ist er dazu gut gerüstet, denn er hat über 30 Jahre lang an der TU Stadt- und Landschaftsplanung unterrichtet. Er hat sich im Zuge vieler Unterstützungsersuchen auch an die bezirkliche SPD gewandt und darauf hingewiesen, dass er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit nicht müde geworden sei, seinen Studenten zu vermitteln, dass gerade die Sozialdemokratie in den zwanziger Jahren in beispielhaften Projekten tätig geworden sei, um auch mit städtebaulichen Mitteln die Lage der Bevölkerung konkret zu verbessern. Doch hat ihm und seinen Unterstützern bislang aller Protest nichts genützt. Das Vorhaben soll ungeachtet aller Einwendungen demnächst zur Umsetzung gelangen.

Was anliegt

Vorgesehen ist eine Änderung des Kreisverkehrs um den Kinderbrunnen auf der  Mittelinsel  in der Weise, dass vor dem Gebäude der Volkshochschule die Straße stillgelegt und der übrige Kreisverkehr als Zweirichtungsverkehr gestaltet wird. Vor der VHS entsteht somit ein den Fußgängern und Radfahrern vorbehaltener Bereich, der einen gesicherten Zugang zur Mittelinsel ermöglicht. Eine weitere Verbesserung der Verkehrssicherheit für Fußgänger soll erreicht werden, indem an den einmündenden Straßen Gehwegvorstreckungen ausgeführt werden.

Die Einrichtung des Zweirichtungsverkehrs hält Professor Wenzel allerdings für Verkehrsgefährdung, denn dadurch würde wohl in der Tat die Übersichtlichkeit an den Straßeneinmündungen abnehmen. Doch hat das Bezirksamt sich in einem Verkehrsgutachten bestätigen lassen, dass die erhöhten Anforderungen an die Aufmerksamkeitspflicht der Verkehrsteilnehmer zumutbar seien, zumal sich die Sicherheit für Fußgänger dadurch erhöhe.

Auf einer Info-Veranstaltung des Bezirksamts im September haben Anwohner darüber hinaus bemängelt, dass durch das Vorhaben Parkplätze entfallen würden, was in einem Gebiet ohne Parkraumbewirtschaftung besonders schwer wiege. Doch mussten sie sich dahingehend aufklären lassen, dass zwar im entfallenden Straßenland einige „legale“ Parkplätze wegfallen würden, doch entfielen vor allem die „illegalen“ Parkplätze im Innenkreis. Als weiterer Schwerpunkt der Kontroverse erwies sich die Schutzwürdigkeit des Platzes als Denkmal. Wie bereits ausgeführt, hat der Barbarossaplatz im Verbund mit seinen beiden Geschwisterplätzen tatsächlich eine bedeutende Rolle in der Stadtentwicklung gespielt. Die Denkmalwürdigkeit steht also außer Frage. Aber gilt das auch für die Verkehrsführung? Die beiden zuständigen Denkmalschutzbehörden haben das verneint und kommen in ihrer Stellungnahme zu dem Ergebnis, dass kein Eingriff in die Schutzwürdigkeit vorliege, weil nur minimale Veränderungen vorgesehen seien.

So wird vor allem wohl die Gestaltung des Innenbereichs in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken und damit die Frage, ob die vorgesehene Sanierung den Ansprüchen an ein Denkmal genügen kann. Der Platz ist in Folge jahrzehntelanger Sparpolitik inzwischen in einem erbärmlichen Zustand, der am besten als eine von Trampelpfaden durchzogene Graswüste zu beschreiben ist. Professor Wenzel hat seine Sicht auf die städtebauliche Bedeutung des einstigen Schmuckplatzes nur wenige Tage nach der Info-Veranstaltung in einem Schreiben an das Bezirksamt deutlich gemacht. In dieser der Stadtteilzeitung vorliegenden Stellungnahme erinnert er daran, dass die Bedeutung der Schmuckfunktion von den Erbauern auch durch die Anlage von aufwändigen Blumenrabatten und schmückendem Mosaikpflaster unterstrichen wurde. Und er nennt als Vorbild für Angemessenheit das Geschehen um den verschwisterten Viktoria-Luise-Platz: „Seine denkmalpflegerische Rekonstruktion ist die wesentliche Ursache für die wachsende Aufmerksamkeit, die Eigentümer und Bewohner seither wieder ihren Altbauten, Treppenhäusern, Fassaden und Vorgärten widmen.“

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