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22.09.2022 / Projekte und Initiativen

„Ruhlose Wege“

Von Eva Schenk. „Ruhlose Wege“ nennt Hannelore Teutsch ihre neue Ausstellung in „diekleinegalerie“ in Friedenau.
Ruhelose Wege, Hannelore Teutsch

Auf dem Einladungsplakat fährt ein Verkündigungsengel, der Fra Angelico nachempfunden ist, auf einem blauen Motorrad in der Kurve durch eine Schneelandschaft am Westhafen in Berlin. Ein Arbeiter im gelben Overall fegt die Straße, ein großer, roter LKW parkt am Straßenrand. Je länger ich das Bild betrachte, um so rätselhafter erscheint es mir. Ich entdecke mehr und mehr Details, die eine Geschichte erzählen. Die Gebäude sind fast realistisch gemalt, man hat den Eindruck, den Schnee zu Schneebällen formen zu können und bekommt Lust, sie an die unfertige Hallenwand zu werfen. Fast bleiben Winterstiefel im Straßenmatsch stecken.

Was bedeuten „ruhlose Wege“? Aus einer Zeile der 5. Duineser Elegie (1923) stammt der Begriff. Bei Rilke lautet der ganze Vers so:

„Plätze, o Platz in Paris, unendlicher Schauplatz,
wo die Modistin, Madame Lamort,
die ruhlosen Wege der Erde, endlose Bänder,
schlingt und windet und neue aus ihren
Schleifen erfindet, Rüschen, Blumen, Kokarden, künstliche Früchte -,
 alle
unwahr gefärbt, für die billigen
Winterhüte des Schicksals.“

Wo Leben gelingt, da ist der Tod nicht fern und begehrt Einlass. Madame Lamort ist Frau Tod. Sie räumt mit der Unwahrheit und mit den Halbwahrheiten auf. Rilke stellt in seinen Duineser Elegien die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach dem Sinn des Lebens als Künstler/Dichter. Hannelore Teutsch stellt in ihren Bildern auch die Frage nach dem Sinn des Lebens und ihrer Kunst. Ihre Bilder sind geprägt von einer leichten Melancholie und ironischen Einsprengseln. Insgesamt geben sie mir Rätsel auf. Die Figuren stehen in unterschiedlichen Alltagsräumen, sprengen diese mal, mal ergänzen sie sie, manchmal sind sie surrealistisch. Es ist wohltuend, diese Malerei zu sehen in einer Zeit, in der die Farbe, das Politische oder die Provokation die Malerei prägen und das Erzählerische an den Rand gedrängt scheint oder im Comic zurückkommt. Schöne Alltagsfrauen, liebevolle Stillleben, sorgsam arrangierte Räume, die wir zu kennen glauben, sind leicht verfremdet durch die Figuren und ihre Beziehungen zueinander und zu uns als Betrachter.
Die Bilder von Hannelore Teutsch zeigen Ruhe ohne modischen Zeitgeist oder stilistische Eskapaden, sie scheinen ein wenig aus der Zeit gefallen und treffen doch meine Stimmung.

Zu DDR-Zeiten hat die in Prieros bei Königs Wusterhausen aufgewachsene Malerin vorwiegend Zeichnungen zu Einbandgestaltungen und Typografien gemacht. Nach der Ausbildung zur Gebrauchswerberin begann sie 1961 an der Fachschule für Angewandte Kunst Berlin-Schöneweide ein Studium. Seit 1977 ist sie freiberuflich als Malerin tätig und arbeitet mit ihrem Mann Reinhard Jacob in Zepernick. Mal malt sie kleine Bilder, mal große Formate, mal Buchillustrationen, oft wechselt sie die Themen und malt gleichzeitig an unterschiedlichen Bildern.
Maler gab es in der Familie der Künstlerin väterlicherseits. Ihr Großonkel Walter Teutsch studierte in München und gehörte zum Malerkreis um Gabriele Münter. Später hatte er eine Professur. Im Grunde steht Hannelore Teutsch in seiner Tradition. Früh erhielt sie Anregungen und Unterstützung durch ihren Vater, der auch Künstler war.

Die Malerin meint, dass die jungen Leute heute anders kommunizieren, also ändert sich auch die Kunst, sie wird nicht besser oder schlechter, nur anders. Neue Strömungen, unabhängig vom Zeitgeist und den Medien, wird es immer geben. Melancholie entspringt unserem Grundgefühl von Einsamkeit, euphorische Phasen sind eher selten. Die Malerei von Hannelore ist bestimmt sehenswert.

Ruhlose Wege,
Bilder von Hannelore Teutsch,
26. August bis 23. September 2022 in
„diekleinegalerie“, Goßlerstraße 21,
12161 Berlin-Friedenau,
Mittwoch und Freitag, 15 bis 18 Uhr, Samstag, 11 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung unter 0171178221.

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