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2.03.2021

Rosa Luxemburg zur Rolle der Frauen

von Maria Schinnen. „Die Luft in Friedenau ist sehr gut, vor den Fenstern Bäume, Felder und Wälder nah gelegen, Ruhe, ein ausgesprochenes Villenquartier“, schrieb Rosa Luxemburg am 16. August 1899 an ihren Geliebten Leo Jongiches.

Rosa Luxemburg 1907. Bildautor unbekannt. Quelle: commons.wikimedia.org

Zwölf Jahre lebte sie in diesem bürgerlichen Idyll, zwei sonnige Zimmer, große Fenster, Balkon und Dienstmädchen. „Ich bin wählerisch und nehme nicht das erstbeste“, schrieb sie während ihrer Wohnungssuche in Berlin. Sie bevorzugte eine ruhige Nachbarschaft, suchte nur in gut bürgerlichen Gegenden wie Charlottenburg, Hansaviertel, Friedenau. Dass genau dort die konservative Bürgerschicht wohnte, gegen die sie massiv zu Felde zog, störte die Revolutionärin keineswegs.

Rosa Luxemburg wurde am 5. März 1871 als jüngste Tochter einer wohlhabenden, gebildeten jüdischen Familie in Polen geboren. Anlässlich ihres diesjährigen 150igsten Geburtstages will die Stadtteilzeitung Schöneberg der berühmten Friedenauerin gedenken. Dazu erscheint eine dreiteilige Artikelserie, die unterschiedliche Aspekte ihres Lebens in den Fokus rückt. In der jetzigen Märzausgabe geht es um ihre Ansichten zur Rolle der Frauen, zur Gleichberechtigung und zum Frauenwahlrecht. Als Quelle dient ihre Propagandaschrift zum 2. Internationalen Frauentag am 12. Mai 1912.

„Die Damen der Bourgeoisie“, so schrieb sie, hätten „keinen Anteil an der Produktion von materiellen Gütern“. Sie seien „Parasiten im Volkskörper“, „bloße Mitverzehrerinnen des Mehrwerts, den ihre Männer aus dem Proletariat herauspressen“. Sie profitierten vom herrschenden System. Besäßen sie das Wahlrecht, würden sie lediglich als „fromme Lämmlein dem konservativen und klerikalen Tross folgen“, würden „ihr Rechts- und Parasitendasein verteidigen“ und wären „noch um ein Beträchtliches  reaktionärer als der männliche Teil ihrer Klasse“. „Die bürgerliche Frau hat kein wirkliches Interesse an politischen Rechten, weil sie keine wirtschaftliche Funktion in der Gesellschaft ausübt, weil sie die fertigen Früchte der Klassenherrschaft genießt.“ Wenn sie nach Gleichberechtigung und Wahlrecht riefe, so seien dies „Schrullen“, „reine Ideologie einzelner schwacher Gruppen“. Die Suffragettenbewegung Englands sei eine „Posse“.

Einzig die Arbeiterinnen der proletarischen Klasse seien, ähnlich wie die Männer, wirtschaftlich produktiv tätig. Sie brauchten politische Rechte, weil sie ebenso für das Kapital rackerten, ebenso den Staat erhielten, ebenso von diesem ausgesogen würden wie die männlichen Proletarier. Für sie sei das Wahlrecht gut und richtig. Allerdings reiche es allein nicht aus. Schulbildung und geistige Intelligenz der Frauen seien notwendig, um sie „aus der Stickluft ihres engen Daseins, aus der kümmerlichen Geistlosigkeit und Kleinlichkeit des häuslichen Waltens empor zu heben.“ Der kapitalistische Staat habe die Schulung ihres Geistes bisher vernachlässigt. Die Frauen sollten nicht länger darauf warten, bis die herrschende Klasse ihnen die rechtliche Gleichstellung gewähre. Sie sollten sich vielmehr selbst darum kümmern, sich aktiv politisch betätigen und zwar auf möglichst vielen Gebieten. Die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften hätten bisher „das meiste und beste für die geistige und moralische Erweckung und Schulung der Frauen getan“. Hier fänden sie „ein unübersehbares Feld politischer Arbeit und politischer Macht“. Im gemeinsamen Klassenkampf erlebten sie tatsächliche Gleichberechtigung. Das Wahlrecht sei daher Nebensache. Oberstes Ziel sei die Abschaffung des Kapitalismus durch die Revolution. Dann liege die Macht in ihren Händen.

Rosa Luxemburg gehörte selbst zur privilegierten Klasse, genoss diese Vorteile und machte keinen Hehl daraus. Die SPD ermöglichte ihre materielle Existenz. Sie schrieb gegen Bezahlung für Parteizeitungen, hielt bezahlte Vorträge, unterrichtete gegen Bezahlung an der Parteischule. Nur so konnte sie ihren bürgerlichen Lebensstil in Friedenau und später in Südende in Steglitz finanzieren. Durch und durch aber war sie auch Marxistin, die die  bürgerliche Klasse als „Träger der Klassenherrschaft und der Ausbeutung“ mit allen Mitteln, am besten durch Revolution, notfalls auch durch einen Bürgerkrieg abschaffen wollte. Sie hatte eine tiefe Abneigung gegen die parlamentarische Demokratie, war für Argumente und Kompromisse nicht zugänglich. Damit entfernte sie sich mehr und mehr vom gemäßigten Standpunkt der SPD, die nach der Abschaffung der Sozialistengesetze 1890 den Sozialismus lieber auf legalem, also parlamentarischem Weg und durch Reformen realisieren wollte. Rosa Luxemburg blieb bei ihrer Meinung: „Nicht ein parlamentarischer Mehrheitsbeschluss, sondern einzig der Hammerschlag der Revolution werde einer sozialistischen Gesellschaft den Weg bahnen“. Holzhammerartig wiederholte sie ihre marxistischen Thesen und Begrifflichkeiten. Wir verdrehen heute die Augen, wenn wir das lesen.

Doch müssen wir ihr eins zugute halten: Sie war das Kind einer Zeit, in der Ungleichheit und Benachteiligung bestimmter Gesellschaftsgruppen selbstverständlich waren. Als jüdisches Mädchen erlebte sie im russisch besetzten Polen oft Diskriminierungen, Ungerechtigkeiten, Gewalt gegen Juden und politische Minderheiten. Das förderte schon früh ihren kritischen, rebellischen Geist und den unbändigen Drang, sich zu wehren und gesetzte Regeln, die sie nicht einsah, zu ignorieren. Seit ihrer Kindheit durchzog die Rebellion ihr Leben.

Was fasziniert uns heute noch an dieser Frau?

  • Rosa Luxemburg kämpfte mit beispielloser Energie für ihre Überzeugungen in einer Zeit, in der man nicht ungestraft alles sagen durfte. Für ihren Mut, für ihre unbequeme, aber konsequente Haltung wurde sie oft genug inhaftiert. Aber sie ließ sich auch dann nicht mundtot machen,  kämpfte weiter mit ihren „Briefen aus dem Gefängnis“.
  • Rosa Luxemburg wollte die Lebensbedingungen für Menschen verbessern, zu deren Schicht sie selbst gar nicht gehörte. Statt sich in einem bequemen bürgerlichen Leben einzurichten, wollte sie Sprachrohr einer unterdrückten Arbeiterschicht sein und sie aufrütteln, sich zu wehren. Das ist durchaus beispielhaft! Meist herrscht Egoismus vor, heute mehr denn je.
  • Rosa Luxemburg hielt Schulbildung und geistige Entwicklung für erforderlich, um Kompetenz und tatsächliche Gleichberechtigung zu erreichen. Ist das nicht immer noch unser Credo?  
  • Rosa Luxemburg scheiterte, weil sie der Arbeiterschicht ein Klassenbewusstsein unterstellte, was die Mehrheit gar nicht hatte. Die "Diktatur des Proletariats" war vom Proletariat selbst gar nicht gewollt. Lernen können wir daraus, dass ein dogmatisches Festhalten an Überzeugungen und die Weigerung, eigene Grundsätze immer wieder einem selbstkritischen Realitätscheck zu unterwerfen, letztlich zur Verblendung führt und zum Scheitern verurteilt ist.

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