Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.07.2015

Revolutionsbasteln mit Spezialisten

Nach seiner Flucht in den Westen verfasste Wolfgang Leonhard sein sensationelles Erinnerungsbuch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, das erstmals 1955 erschien und seitdem immer wieder neu aufgelegt wurde.

Inv. Nr. des Schöneberg-Museums: Hau 367 | Schöneberg: Hauptstraße 19, Schöneberger „Bürgermeisterei“. Datierung: Vor dem 3. Juli 1945. © Gerhard Keiderling: Berlin 1945-1986. Geschichte der Hauptstadt der DDR, Berlin 1986.

Es schildert den erstaunlichen Lebenslauf des Autors, beginnend mit seiner Flucht aus Nazi-Deutschland an der Seite seiner Mutter in die Sowjet-Union und seiner dortigen Ausbildung zum kommunistischen Funktionär. Dann folgt die Erzählung seines Einsatzes als dreiundzwanzigjähriges Mitglied der zehnköpfigen „Gruppe Ulbricht“, die unabhängig von zwei weiteren Gruppen, bestimmt für Mecklenburg und Sachsen, den Aufbau des Sowjet-Systems im russisch besetzten Nachkriegsberlin vorbereiten sollte.

Die vorrangige Aufgabe bestand darin, die komplett zusammengebrochenen Strukturen wieder instandzusetzen. Es fehlten Wasser, Strom und Kohle; die medizinische Versorgung und vor allem die Lebensmittelbereitstellung mussten organisiert werden; für die kriegsbedingt Obdachlosen mussten Unterkünfte beschafft werden.  Doch für die Ulbricht-Gruppe lautete die in den Schulungen immer wieder geübte Direktive: Schaffung eines antifaschistischen Blocks zur Vorbereitung der Machtübernahme. Dabei kam es insbesondere auf die „richtige“ Zusammensetzung an. Wer in den Schulungsaufgaben etwa einen Rechtsanwalt oder einen Geistlichen vergessen hatte, war wegen Unterschätzung der Bedeutung von Verbündeten als „Sektierer“ gerügt worden. Wer aber zu viel Bürgertum für seinen Volksausschuss vorgesehen hatte, war wegen Unterschätzung der Rolle der Arbeiterklasse als „Opportunist“ getadelt worden. Es galt also, das Gelernte „richtig“ umzusetzen.

Plan und Wirklichkeit

Noch während in den Kellergewölben des Reichstags gekämpft wurde, fuhr Leonhard am Breitenbachplatz vorbei, und als er in der Ferne die Künstlerkolonie sah, bat er den Chauffeur um einen kurzen Abstecher. Und seine Schilderung dieses Augenblicks des Wiedersehens mit dem Ort seiner Kindheit, wo er 1931-32 mit seiner Mutter gelebt hatte, verdeutlicht den Unterschied zwischen einem Parteisoldaten und dem Normalbürger: „Ich fühlte mich fast schuldig: Schließlich war ich nicht hier her gekommen, um Erinnerungen aufzufrischen.“ Er blickte auf den 3. Stock rechts in der Binger Straße 12, stellte fest, dass das Haus nur wenig beschädigt war, lehnte aber das Angebot des Chauffeurs zu einer kleinen Pause für einen kurzen Besuch in der Wohnung pflichtbewusst ab. Sein Auftrag war die Fortführung der russischen Oktoberrevolution auf deutschem Nachkriegsboden durch die vorbereitende Schaffung von Antifa-Bündnissen „unter der Führung der Arbeiterklasse“ und deren Einsetzung in die Leitung der Bezirksverwaltungen. In Arbeiterbezirken waren möglichst viele Sozialdemokraten heranzuziehen, in bürgerlichen Bezirken war ein bürgerliches Aushängeschild zu finden. Ulbricht hatte in seinem klassischen Sächsisch die Direktive ausgegeben: „Es ist doch ganz klar: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

In der Aufteilung der Bezirke unter die Genossen der Gruppe erhielt Leonhard das bürgerliche Wilmersdorf zugewiesen. In jedem Bezirk waren sowjetische Bezirkskommandanten eingesetzt worden, die ebenfalls mit der Aufgabe befasst waren, das zivile Leben zu reorganisieren. Der in der Berliner Straße residierende Kommandant für Wilmersdorf war heilfroh, dass ihm Leonhard die Bürgermeistersuche abnahm und in Dr. Willenbücher durch einen glücklichen Zufall auch den wie aus dem Lehrbuch geschnittenen Kandidaten fand: Bürgerliches Milieu, Mitglied einer bürgerlichen Partei, Doktortitel, als ehemaliger Oberregierungsrat erfahren in Verwaltungsfragen, Antifaschist. Ein Glücksfall. Und auch die übrigen Dezernenten wurden getreu den Anweisungen gefunden: Stellvertreter und Dezernent für Volksbildung waren Kommunisten, ebenfalls der Leiter der Polizei. Die übrigen waren Parteilose, Sozialdemokraten oder Bürgerliche. Auf diese Weise wurden in allen zwanzig Bezirken die Leitungsebenen eingesetzt. „Bei den Kommandanten gab es nicht die geringsten Schwierigkeiten“, schreibt Leonhard, so dass es schon nach wenigen Tagen Grund zu feiern gab. Ein Scherzwort der Gruppe Ulbricht lautete daher: „Einen Bürgermeister einzusetzen ist ja noch leicht, aber wie schafft man es, sich vor Trinkgelagen der Kommandanten zu schützen?“

Vorhut in Schöneberg

In der Deutung der kommunistischen Führungskader hat naturgemäß die eigene Aktion bei der Einsetzung der Bezirksämter den Ausschlag gegeben. Doch die Wirklichkeit spielte dem Plan auch Streiche. So waren in Schöneberg bereits vor dem Eintreffen der Gruppe Ulbricht die in den kommunistischen Planspielen so heiß begehrten Volksausschüsse spontan entstanden und hatten etwa die Lebensmittelversorgung zu organisieren versucht. Die 1944 untergetauchte Kommunistin Hilde Radusch, die ohne Lebensmittelkarte bei ihrer Freundin in einer Laubenkolonie in der Nähe Berlins das Kriegsende erlebte und am 10. Mai zurückkehrte, erinnert sich an zuverlässige Berichte zur Einsetzung des Bürgermeisters, die ein von der Vorstellungswelt der Gruppe Ulbricht abweichendes Bild zeichnen:
„Hier in der Hauptstraße sind doch die drei weißen Häuser, die von den Millionenbauern, von früher. Und das vorderste Haus, da standen alle möglichen Leute zusammen, die gerade aus den Gefängnissen, Zuchthäusern und KZs gekommen waren, jedenfalls eine ganze Gruppe, und die unterhielten sich da. Da kam ein russischer Offizier mit furchtbar vielen Orden und fragte, worüber sie sich denn da unterhalten. Ja, sagten sie, wir brauchen für Schöneberg einen Bürgermeister. Und da hat der russische Offizier gesagt: „Nun ja, das ist doch ganz einfach: Wie viel Jahre hast Du gehabt (also Gefängnis, Zuchthaus oder KZ, das war egal)? 4 Jahre. Und Du? 5 Jahre.“ Und so ging das weiter und so weiter. „Und wer hat am meisten? Grändorf, 15 Jahre“

Und nun war folgendes: Das stimmte nämlich gar nicht. Das war ein Sportler und der hatte irgendwelchen Ärger mit den Nazis so in der mittleren Zeit gehabt, und war erst bestraft worden mit den 15 Jahren Zuchthaus etwa 1 Jahr vor Schluss und hatte nun 1 oder 1 ½ Jahre abgesessen, und nun kam er und sagte; „Jawohl, ich bin zu 15 Jahren verurteilt.“ Stimmte ja auch. Und auf diese Weise sagte der: „Aha, der hat 15 Jahre, also wird er Bürgermeister.“
Otto Winzer als Abgesandtem der Gruppe Ulbricht gelang es zwar, die spontanen Volksausschüsse aufzulösen, doch die Zusammensetzung der Bezirksregierung mit dem programmwidrigen kommunistischen Bürgermeister in einem bürgerlichen Bezirk an der Spitze war nicht mehr dem Leitbild anzupassen. Deswegen bestand die erste Bezirksregierung in Schöneberg mit der einzigen bürgerlichen Ausnahme, der Liberalen Dr. Ella Barowsky, ausschließlich aus Kommunisten und Sozialdemokraten. Aber wie wir Nachgeborenen wissen, hat es nicht an dieser „sektiererischen“ Abweichung von der Parteilinie gelegen, dass es mit der Weltrevolution in Schöneberg nicht geklappt hat: Schuld daran sind die Amerikaner, die im Rahmen der alliierten Vereinbarungen zur Aufteilung Berlins in Besatzungszonen am 3. Juli 1945 den Bezirk Schöneberg in ihre Verantwortung übernahmen.

Ottmar Fischer

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