Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

9.09.2017

Rette sich wer kann!

Meine Rolle als Begleitung eines erkrankten Familienangehörigen hat mich in letzter Zeit öfter in die Rettungsstelle eines Krankenhauses geführt, in diesem Fall die unseres Schöneberger Auguste-Viktoria-Krankenhauses in der Rubensstraße, oder wie es jetzt korrekt heißt: Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum.

Foto: Elfie Hartmann

Im Gegensatz zu den Rettungsstellen in einigen anderen Krankenhäusern, die mir untergekommen sind, ist die Wartezone im AVK, wie wir Schöneberger und Friedenauer unser Krankenhaus zu nennen pflegen, ein großzügiger, hallenartiger Raum, in dem man sich nicht unbedingt dicht auf die Pelle rücken muss. Erfahrene Kranke bzw. ihre Begleiter rüsten sich für einen derartigen Aufenthalt wie für einen Tagesausflug mit Lesestoff und Verpflegung aus, zumindest mit viel Kleingeld für den Kaffeeautomaten oder die Tiefkühlschränke mit Sandwiches und Knabberzeugs.

Ist man von dem Jungarzt oder der jungen Ärztin, die unter den Wartenden die Spreu vom Weizen trennen und Schnupfen- oder Rückenschmerzpatienten aussortieren, die hier auf einen schnellen Behandlungsplatz hoffen, für der Rettungsstelle würdig befunden worden, zieht man eine Nummer, die sich im allgemeinen im dreistelligen Bereich befindet. Man fiebert dem Moment entgegen, in dem man endlich die Anmeldezone betreten darf. Dort trägt man dann sein Anliegen vor, zeigt sich krankenversorgungsberechtigt, indem man seine Versicherungskarte vorlegt und wird dann wieder in die Halle geschickt.

Für den „normalen“ Kranken kann es schon mal einige Stunden dauern, ehe er oder sie in den eigentlichen Behandlungsbereich beordert wird; Schlaganfälle oder Herzinfarkte werden vorgezogen, um das Schlimmste zu verhüten. Nur Anfänger glauben, dass die Warterei, sind sie einmal dort angekommen, nun ein Ende hat. Hier haben sie erst einmal hinreichend Gelegenheit, Pfleger, Ärzte und Hilfspersonal bei der Arbeit zu beobachten. Und die arbeiten! An ihnen liegt es gewiss nicht, dass die Patienten so lange warten müssen. Unermüdlich werden die Neuzugänge begutachtet, notfalls Fachärzte herbeigerufen, die auch nicht immer gleich kommen können, weil sie auf ihren Stationen im Einsatz sind. Pflegekräfte versorgen Wunden, nehmen Blut ab, setzen Spritzen, messen Blutdruck, reden gut zu. Betten und Liegen werden frisch bezogen, denn der Strom der Kranken nimmt nicht ab, gebrauchte Bettwäsche wird in Container verfrachtet und abgefahren. Es ist ein Kommen und Gehen, stundenlang, in zügigem Tempo.

Im Juni war ich das letztemal dort mit einer erkrankten Familienangehörigen mit unklarer Diagnose, was bedrohlich nach langen Wartezeiten roch. Um acht Uhr früh waren wir vor Ort, inzwischen ist es fünf Uhr nachmittags geworden. Das Bett, auf dem meine Tochter liegt, ist in eines der durch Vorhänge abgetrennten Käfterchen geschoben worden, ich habe den Vorhang zum Behandlungsbereich beiseitegeschoben, damit wir nicht so eingesperrt sind und vor allem, damit wir nicht vergessen werden, was mir auch schon passiert ist. Unter Umständen muss man sich gelegentlich bemerkbar machen, sonst wird man im Drange der Ereignisse übersehen. Ich hole uns Kaffee und Sandwiches, wir waren morgens ohne Frühstück aufgebrochen, ohne zu ahnen, was auf uns zukommen würde. Fast der gesamte große Raum ist voller belegter Betten, weil es nicht genügend Helfer gibt, um die abgefertigten Kranken schnell zu ihren Stationen zu bringen. Entsprechend ist „schwer was los“, anders kann man es nicht bezeichnen.

Die Betten in der Mitte des Raumes stehen dicht an dicht, was nicht allen Kranken gefällt, es gibt Beschwerden oder Gemecker, je nach Temperament, und immer wieder: was dauert das denn solange? Die Pfleger beschwichtigen im Vorbeigehen, spenden Trost. In einem Rollstuhl sitzt eine offenbar verwirrte Frau und heult „Ich will nach Hause! Was soll ich hier, ich bin nicht krank!“ Das entscheidet der Doktor, sagt ein Pfleger. „Ja, wo isser denn, der Doktor, soll er doch mal kommen. Ich will nach Hause!“ Der Pfleger schiebt den Rollstuhl etwas außer Hörweite, sie randaliert im Hintergrund weiter. In einem anderen Raum sitzt ein Mann mit Kopfverband, der auch nicht bleiben will. „Sie sind überfallen worden, Sie müssen auf die Polizei warten,“ sagt der Pfleger. Dazu hat er nun gar keine Lust und macht sich immer wieder auf den Weg Richtung Ausgang. Im Vorbeigehen zwinkert er mir zu. „Passt auf, der Typ geht wieder stiften“ ruft jemand.

Wenn man die Polizei holt, kommen offenbar sämtliche im Rufbereich befindlichen Streifenwagen, plötzlich ist der Raum voll von Polizisten und Polizistinnen, die sich mit Kaffee versorgen und angeregt unterhalten. Das Ende der Invasion bekomme ich nicht mehr mit, denn plötzlich ist der Arzt da, auf den wir so lange warten mussten und der entscheidet, meine Tochter im Krankenhaus zu behalten. Die Warterei geht weiter, auf ein freies Bett in der zuständigen Station, auf einen Helfer, der sie mit dem Bett dorthin schiebt. „Wir sind total unterbesetzt“, erzählt der uns auf dem Weg zur Station.

Als ich das Krankenhausgelände verlasse, ist es inzwischen dunkel geworden.

Sigrid Wiegand

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