Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.03.2017

Retrospektive der Filme von Helke Sander

Die Studentenbewegung der 1968er als Phase der bundesrepublikanischen Geschichte kenne ich als 1968 Geborene nur aus Bildern, die ich in Zeitschriften, im Fernsehen und – ja – auch im Kino gesehen habe.

Foto: Thomas Protz

In diesen Bildern dominieren oft Männer. Aber es gibt auch andere Bilder, zum Beispiel die Tomate, mit der Sigrid Damm-Rüger im September 1968 den SDS-Aktivisten Hans-Jürgen Krahl beworfen hat. Sie soll dabei den Satz „Genosse Krahl! Du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!“ gerufen haben. Das gehört jedenfalls zu den berühmten und uns Nachgeborenen kolportierten Geschichten der 68er. Bilder oder Tonzeugnisse gibt es meines Wissens nach dafür nicht. Der Aktion ging eine Rede von Helke Sander im Namen des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen voraus. Sie sprach über die Situation von Frauen und die Gründe, warum sie bislang im Hintergrund der gesellschaftlichen Bewegung blieben.

Am Ende der Rede entwarf Sander eine Art Punkte-Programm, wie die Politisierung von Frauen erreicht werden könnte. Die Rede endete mit den Sätzen: „Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“ Eine Genossin zog die Konsequenz daraus, dass eine Diskussion über die Rede vom männlichen Hefeteig abgewürgt wurde, und warf die Tomate. Das war eine Aktion, die als Auftakt der Zweiten Frauenbewegung gilt.

Helke Sander studierte damals bereits seit 1966 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin und drehte 1967 ihren ersten Film „Subjektitüde“, der die unterschiedlichen Sichtweisen von Männern und Frauen anhand deren Gedanken darstellt. In ihren Filmen hat sich Sander vieler feministischer Themen angenommen: der Mütterpolitik, dem Selbstverständnis von Männern und Frauen, dem § 218 und seinen Folgen. In den 90er Jahren brachte sie den Film „Befreier und Befreite: Krieg – Vergewaltigungen – Kinder“ heraus, der sich – damals ein noch eher tabuisiertes Thema – mit den Folgen der sexuellen Gewalt an Frauen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren beschäftigte.
Das Bundesplatz-Kino bringt im Februar und März 2017 immer sonntags einen Film von Helke Sander. Eine gute Gelegenheit, ihr Werk wieder oder neu zu entdecken. Die Retrospektive erfolgt anlässlich des achtzigsten Geburtstages von Sander und als Hommage an den Filmausstatter Jürgen Rieger. Es wird eine Auswahl von Sanders Filmen aus allen Jahrzehnten gezeigt. Im März sind es z. B. „Redupers – die allseits reduzierte Persönlichkeit“ zusammen mit „Nr. 1 Aus Berichten der Wach- und Patrouillendienste“, „Der Subjektive Faktor“ und „Befreier und Befreite“. Alle Filme werden mit einer Einführung gezeigt. Beim letzten Termin ist die Regisseurin auch anwesend.

5.3., 15.30 Uhr
REDUPERS — DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT

12.03., 15.30 Uhr
DER SUBJEKTIVE FAKTOR

19.03., 11.00 Uhr
BEFREIER UND BEFREITE. KRIEG — VERGEWALTIGUNGEN — KINDER. TEIL 1+2
Die Regisseurin ist anwesend.

Näheres zu den Filmen und Terminen:
http://www.bundesplatz-kino.de/
http://www.helke-sander.de/category/termine
Ein Flyer mit allen Terminen liegt im Bundesplatz-Kino aus.

Isolde Peter