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30.09.2018

Reise in die eigene Stadt

Der langjährige Leiter des Amtes für Stadtentwicklung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Siegmund Kroll, hat aus Anlass seines Wechsels in den Ruhestand in seiner Textsammlung „Zwischen City West und Dorfanger“ einen umfassenden Überblick über die baulichen Veränderungen im Bezirk während seiner vierundzwanzigjährigen Amtstätigkeit vorlegt.

Das Buchcover zeigt unter dem Titel das neue Plangebiet „Schöneberger Linse“

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Das glaubten schon unsere Vorfahren. Doch in unserem Zeitalter der Reise-Inflationierung und entsprechender Überflutung mit privaten oder journalistisch aufbereiteten Reise-Berichten fühlt sich so mancher Zeitgenosse mittlerweile eher genervt, wenn er zum tausendsten Mal darüber staunen soll, dass woanders auch mit Wasser gekocht wird. Solcherart Leidenden sei hier ein Reisebericht der besonderen Art ans Herz gelegt, der den Blick nicht in die Ferne, sondern auf das eigene Wohnumfeld richtet, indem er dessen Gestaltänderungen aus dem Blickwinkel der Geburtshelfer unter die Lupe nimmt.

Reiseführer ist der langjährige Leiter des Amtes für Stadtentwicklung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Siegmund Kroll, der aus Anlass seines Wechsels in den Ruhestand in seiner Textsammlung „Zwischen City West und Dorfanger“ einen umfassenden Überblick über die baulichen Veränderungen im Bezirk während seiner vierundzwanzigjährigen Amtstätigkeit vorlegt. Neben ihm selbst kommen auf seine Einladung hin in 40 weiteren Beiträgen zahlreiche Mitwirkende am Werden der Neuerungen zu Wort, es seien nun Quartiere oder Ortsteile betroffen, Straßen oder Häuser. Es geben darin ehemalige Bürgermeister und Baustadträte den Überblick über Gewünschtes und Gescheitertes, Investoren und Architekten schildern die Mühen der Projektverwirklichung, Fachleute aus der Verwaltung benennen das zur Anwendung kommende Genehmigungs-Instrumentarium, und als Beispiel für Bürgerbeteiligung erzählt etwa die BI Breslauer Platz von gelungenen und auch vergeblichen Anstrengungen.
Die einzelnen Beiträge widmen sich auf jeweils wenigen Seiten einem Aspekt der Entwicklung oder einem Projekt, sind wegen der eingesetzten Buchstabengröße gut lesbar, und mithilfe von Fotos und Skizzen auch anschaulich gemacht. In den Überblicks-Artikeln, worin etwa die allgemeine Entwicklung auf dem bezirklichen Immobilienmarkt erläutert wird (Chefstatistiker Ulrich Hopp), fehlen die Zahlenreihen und Verlaufskurven nicht. Farblich unterscheidbare Bauklotzwinkel kennzeichnen zudem jeden einzelnen Beitrag und lassen sich so leicht einem in gleicher Weise farblich akzentuierten Oberbegriff in der Inhaltsangabe zuordnen, wodurch das Blättern zwischen Inhaltsangabe und einzelnen Artikeln sehr erleichtert wird, was auch durch den Flexi-Einband unterstützt wird.

Für den nötigen Überblick auf dieser Reise sorgt Ideengeber Kroll mit einleitenden Schilderungen der Stadtentwicklung. In mehreren Einzelbeiträgen wendet er sich aber auch den Besonderheiten zu. Da gibt es etwa die alte City West mit der Achse Kurfürstendamm-Tauentzienstraße, deren Ende zwischen Breitscheidplatz und Wittenbergplatz zu Schöneberg gehört und mit dem Ausbau des KaDeWe, den Geschäftsbauten Ecke Nürnberger Straße und dem Neubau von Peek & Cloppenburg eine nochmalige Attraktivitätssteigerung erfuhr und mittlerweile zu den deutschlandweit beliebtesten Einkaufsstraßen gehört. Der Autor, der bereits vor seiner Amtsübernahme in Schöneberg  im Jahre 1993 durch seine vorherige Tätigkeit im benachbarten Charlottenburg amtliche Erfahrungen im City-Bereich sammeln konnte, weist in seinem Beitrag nicht nur auf die Besonderheiten der architektonischen Gestaltfindung hin, etwa bei der Integration der denkmalgeschützten Fassade in den Erweiterungsbau von P&C an der Nürnberger Straße, die eine ästhetische Meisterleistung ist.

Wege und Ziele

Denn er schildert auch die Voraussetzungen, die solche Ergebnisse erst möglich gemacht haben. So wurde die große Dachgaube aus Stahl und Glas auf dem historischen Gebäude des KaDeWe erst durch die von der Bundesregierung initiierte Änderung des Baugesetzbuches 1990/1993 möglich. Und beim P&C-Neubau, der die behelfsmäßige Nachkriegssituation bereinigte, wurde für den städtebaulich heiß umstrittenen Dachausbau oberhalb der Berliner Traufhöhe (20-22m) die Kompromissfähigkeit aller Beteiligten auf eine harte Probe gestellt, bis schließlich die Lösung einer zweigeschossigen Gliederung in der Anmutung der Berliner Dachlandschaft gefunden wurde. In weiteren Beiträgen schildert er die städtebaulichen Interventionen in den Sanierungsgebieten Bülowstraße und Kolonnenstraße, die Restaurierung der Königskolonnaden in der Potsdamer Straße und die Entwicklung eines ganz neuen Stadtquartiers vom neuen Bahnhof Südkreuz bis zum S-Bahnhof Schöneberg.

Aber auch andere Beiträger haben ein Auge für das große Ganze und bieten Orientierungshilfen für den erweiterten Blick. So nimmt der Quartiersmanagement-Aktivist Bertram von Boxberg die „Soziale Stadt“ in den Blick, Ex-Stadträtin Sibyll Klotz untersucht das Spannungsverhältnis von Grünflächen und Nachverdichtung, und der amtierende Baustadtrat Oltmann verhandelt das aktuelle Großthema bezahlbares Wohnen. In anderen Beiträgen wird es dagegen ganz anschaulich, denn sie widmen sich bereits abgeschlossenen oder im Ausbau befindlichen Projekten wie dem „Leuchtturm-Projekt“ ehemaliges GASAG-Gelände (Ex-Stadtrat Krömer) oder der Umwandlung des Industrie-Denkmals Schöneberger Schultheiß-Mälzerei (Kunsthistorikerin Bohley vom Denkmalschutz).

So ist den Arbeitern am Endlosprojekt Stadtentwicklung mit diesem „Überblick in Augenblicken“ ein anschaulicher Reisebericht durch 30 Jahre Stadtumbau gelungen. Und natürlich hat es bei manchen Projekten auch Streit gegeben, der nicht am Verhandlungstisch zu lösen war. Einen solchen Fall schildert Christian Knüppel vom bezirklichen Rechtsamt. An der Ecke Kurfürstenstraße/ Potsdamer Straße sollte nach dem Willen eines Investors ein „Laufhaus“ für Sex-Angebote in großem Stil entstehen. Doch da ein solches Bordell dem ohnehin bereits bestehenden Sex-Gewerbe in dieser Gegend ein Übergewicht gegenüber der Wohnnutzung verliehen hätte, entschied sich das Bezirksamt nach Protesten aus der Anwohnerschaft und entsprechenden Aufforderungen aus der Bezirkspolitik, die Baugenehmigung im Wege einer Bauausführungsvorschrift zu versagen, obwohl ein gültiger Bauleitplan für das Gebäude bestand. Das ist natürlich in einem Rechtsstaat eine heikle Sache. Die Folge war ein bis zum Bundesverwaltungsgericht und wieder zurück zum Oberverwaltungsgericht ausgefochtener Rechtsstreit zwischen dem am Ende verhinderten Investor und dem Bezirksamt.

Das interessante Buch „Zwischen City West und Dorfanger“ ist im Stadtentwicklungsamt im Schöneberger Rathaus und im Schöneberg-Museum, Hauptstraße 40/ 42, für 20 Euro zu erhalten.

Ottmar Fischer

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