Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.03.2020

Raus aus dem Korsett!

Von Maria Schinnen. Das Kaiserreich war ein Männerreich. Man(n) reüssierte selbstbewusst, geschwellt, mit aufstrebend gezwirbeltem Schnurrbart. ER besaß die familiäre Vorherrschaft, SIE war schmuckes Beiwerk.

Joan Crawford

Von Beruf war sie Gattin, hatte für ein heimeliges Zuhause und die Annehmlichkeiten ihres Gatten zu sorgen. Ohne seine Zustimmung durfte sie weder einem Beruf nachgehen, noch über ihr Geld entscheiden. Der Gatte verfügte über ihr Vermögen und ihren Körper.

Doch eine kleine, elitäre Gruppe intellektueller Frauen, Akademikerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, opponierte gegen die männliche Dominanz und die eigene Rolle, die nur Repräsentation und sinnleere Konventionen vorsah. Sie verlangte nach Befreiung, forderte Gleichberechtigung, organisierte sich in Frauengruppen. Raus aus dem Korsett des Körpers und des Geistes!

In Romanen wurde der Typus der „Neuen Frau“ zuerst vorgestellt. Die Protagonistinnen entsprachen der Idealvorstellung einer eigenständigen Frau, die ihr Leben selbstbewusst in die Hand nahm. Illustrierte Mode-Zeitschriften wie „Elegante Welt“ oder „Die Dame“ präsentierten die moderne Frau mit Bubikopf und „Flapper-Look“.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches war es endlich so weit: Die erste demokratische Verfassung Deutschlands brachte auch das lang ersehnte Wahlrecht für Frauen und garantierte ihnen die Gleichberechtigung. „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ (Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung). „Die Ehe steht als Grundlage des Familienlebens und der Erhaltung und Vermehrung der Nation unter dem besonderen Schutze der Verfassung. Sie beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter“ (Artikel 119 der WRV). Die Frauenrechtlerinnen hatten das wichtigste Ziel erreicht!

Brachen nun die „Goldenen Zwanziger“ der Emanzipation an? Hatte die „Neue Frau“ endlich eine Chance, sich aus ihrem einengenden Korsett zu befreien, ihren bisherigen Lebensradius „Kinder, Küche, Kirche“ zu erweitern? Verzichteten die Männer auf ihre sorgsam gehüteten Vorrechte?
Beim Stöbern in den Blättern des Friedenauer Lokalanzeigers von 1919/1920 stieß ich auf unerwartete Antworten:
„Am 7. Oktober versammelte sich der Hausfrauenverein im kleinen Rathaussaal. Die Vorsitzende, Frau Geheimrat Palzow, ermahnte die Hausfrauen, wie schön öfter, zum Zusammenschluss, um ebenso wie andere Gruppen, die eigenen Rechte zu wahren: Auf der Hausfrau ruhen, nach wie vor, vorwiegend Pflichten, an die Rechte derselben werde selten gedacht. Danach hielt Herr Rektor Kaul einen überaus fesselnden Vortrag über die neu eröffnete  Pflichtfortbildungsschule für Hausangestellte und Mädchen: ‚… Hausangestellte und Mädchen müssen ebenso Lehrjahre durchmachen wie Kaufleute und Handwerker. Nur durch gute Verbindung (mit praktischen Lehrstellen in den Haushalten) kann das Mädchen, später die Frau, dem Mann das Heim lieb machen. Wissen ist Macht, darum muss auch das Mädchen wirtschaftliche und politische Verhältnisse klar erkennen lernen. Deshalb muss der Hauswirtschaftsunterricht auf klarer Grundlage aufgebaut sein. Gelehrt wird: Hauswirtschaft, Weißnähen, Schneidern, Waschen, Plätten, Kochen und Nahrungsmittellehre. Dazu gesellen sich Rechnen, Buchführung, Spar- und Geldanlage, Berufskunde, Pflichten der Frau als Tochter, Gattin, im politischen Leben, in der Kranken- und Kinderpflege. Auch Schönes in Lektüre und Kunst und in der heimischen Natur sollen die Teilnehmerinnen kennen lernen.’ An den Vortrag, der einen weit größeren Hörerkreis verdient hätte, schloss sich eine lebhafte Auseinandersetzung der Hörerinnen, die viel Anerkennenswertes hervorbrachte ...“

Im März 1920 hielt Kammergerichtsrat Dr. Caspari einen Vortrag vor dem Frauenausschuss der Deutschen Volkspartei der Ortsgruppe Friedenau mit der Frage:
Eignet sich die Frau für den Richterberuf?  
„Die Frage lässt sich nicht verstandesgemäß beantworten, da die Richtertätigkeit nicht nur logisch zu erfassen ist. Rechtsprechung ist Kunst, denn es gehört Phantasie hinzu, den Tatbestand festzustellen und ihn dann dem Gesetz unterzuordnen. Den Frauen wirft man ein Überwiegen des Gefühls, bei Mangel an Objektivität vor. Letzterer ist bedingt durch die Konstitution der Frau. Die zeitweisen körperlichen Verfassungen erzeugen Reizungen und Stimmungen, die Objektivität unmöglich machen. Eine weitere Schwierigkeit für die Ausübung des Richterberufes durch die Frau bietet die Entschlussunfähigkeit. Weiterhin fehlt dem Richter jede Einwirkung auf das preußische Leben. Er muss sich mit der Freude an seinem Beruf begnügen. Die Frau aber nimmt ungern von der Beobachtung der Wirkung ihrer Tätigkeit Abstand. Frauen sind bisher zum Richteramt nicht zugelassen worden, nur in bestimmten Grenzen zu den Laiengerichten. Eine vermehrte Zulassung von weiblichen Beisitzern zu den Laiengerichten ist notwendig und wünschenswert.“

1921 wurde durch den Referenten des Deutschen Richtertages in Leipzig ausgeführt: „Die Frau ist als Richterin ungeeignet. Durch zu viele Gefühlseinflüsse wird ihr sachliches Urteilsvermögen beeinträchtigt. Objektiv und frei von allen unsachlichen Gefühlseinflüssen entscheiden, kann immer nur der Mann.“

1924 argumentierte der Reichsrat der Länder: Der Mann hat „überwiegend eine Abneigung dagegen, sich von Frauen aburteilen zu lassen und sich ihrem Urteil zu unterwerfen.“

Wir konstatieren: Recht und Praxis der Emanzipation klafften 1920 noch weit auseinander. Zu tief waren tradierte Lehrsätze wie „Männer und Frauen sind grundsätzlich verschieden.“ „Der Mann ist das Haupt, die Frau das Herz der Familie!“ im Bewusstsein verankert. Die Männerwelt ließ sich seine Privilegien so einfach nicht nehmen und belächelte Emanzipationsdiskussionen als „Weiberkram“. Man errichtete zwar Pflichtfortbildungsschulen für Mädchen, doch nur, um nun professioneller „dem Mann das Heim lieb zu machen“. Noch bis 1977 waren Frauen gesetzlich zur Führung des Haushaltes verpflichtet, Erwerbstätigkeiten konnten vom Ehemann untersagt werden. Und wenn er sie erlaubte, so blieben nur Dienstleistungs- und Helferberufe, für die man den Frauen ein entsprechendes „Gemüt“ zuschrieb, z.B. Ordnungssinn und Aufopferungsbereitschaft. Berufe mit Entscheidungsbefugnissen behielten die Männer sich vor. So wundert’s nicht, dass Idyllenfilme wie „Kohlhiesels Töchter“ (1920) von Ernst Lubitsch noch immer die klassischen Rollenmuster inszenierten und Kassenschlager blieben.

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