Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.05.2021

Rauchzeichen aus ferner Zeit

Von Ottmar Fischer. Erst vor wenigen Wochen wurde der neue Geschichtsparcours Yorckstraße der Öffentlichkeit übergeben.

Hans Baluschek: Schwarzes Land (1922), Repro von Malte Nies für das Museum Schöneberg

Wie schon sein Vorgänger Papestraße am Südkreuz, der sich an markanten Orientierungspunkten auf Hinweisschildern mit der ursprünglich militärischen Nutzung des kaiserzeitlichen Kasernenquartiers und seiner zivilen Geschichte nach dem 1. Weltkrieg auseinandersetzt, soll auch an der Yorckstraße an die Entwicklungsgeschichte eines historischen Ortes erinnert werden, nämlich an den Werdegang des einst mit über 40 Brücken bedeutendsten Kreuzungspunktes von Eisenbahn und innerstädtischer Nord-Süd-Achse.

In der Entstehungszeit dieses „Brückenschlags“ von der Pferdestärken-Zeit in das Zeitalter der Dampfmaschine endete Berlin noch am Landwehrkanal, und die drei privat betriebenen Eisenbahngesellschaften der Dresdner, Anhalter und Potsdamer Bahn verknüpften ihre Linien noch auf offenem Feld, um sie dann in ihren riesigen Kopfbahnhöfen enden zu lassen. Der Name Gleisdreieck für das nach dem 2. Weltkrieg lange Zeit brachliegende Gelände hinter den Brücken erinnert noch heute an die Bedeutung dieser Eisenbahnlinien für die Versorgung der wachsenden Riesenstadt und den zugleich in rasendem Tempo ansteigenden Reiseverkehr. Eine ausführliche Darstellung dieser Entwicklung ist auf der Internetseite der Museen Tempelhof-Schöneberg zu finden.

Wer heute unter den Yorckbrücken entlanggeht, spürt unwillkürlich den Hauch dieser vergangenen Zeit, obwohl außer den Brücken und der vertrauten S-Bahn nichts mehr von der rußgeschwärzten Zeit der Dampflokomotiven übriggeblieben ist: Kein gemeinschaftliches Rattern der Räder und kein liedhaftes Pfeifen ist noch zu hören – stattdessen tönt in der langgestreckten Unterführung das Dauerecho von Gummireifen unter Verbrennungsmotoren und gelegentlich ein drohendes Hupen als Signal für individuellen Durchsetzungswillen. Aber es gibt neben dem Spaziergang am historischen Ort noch einen weiteren Zugang zum Dampfzeitalter, und den bietet die Kunst.

Im Jahre 1922 schuf der mitten im rußenden Geschehen auf der Roten Insel ansässige Hans Baluschek mit Ölkreide auf Papier sein eindrucksvolles „Schwarzes Land“, das dem heutigen Betrachter anschaulich vor Augen führt, wie überwältigend der ununterbrochene Eisenbahnverkehr auf die Zeitgenossen gewirkt haben muss. Zu sehen ist neben der dampfenden Zugüberfahrt auf einer der stolzen Brückenkonstruktionen in der Höhe eine direkt ins Bild schießende Lokomotive am unteren Rand. Und diese leibhaftig anwesende Dampfkraft taucht auch den heutigen Betrachter unwiderstehlich in den Geruch dieser Zeit.

Bilder einer Ausstellung

Dieses Bild ist Teil einer aktuellen Ausstellung im Schöneberg-Museum, die aus Anlass des 101-jährigen Bestehens jener Kunstsammlung der einst kunststolzen Stadt Schöneberg stattfindet, deren Grundstock mit 33 Stücken aus der damaligen Schenkung von Vater und Sohn Levinstein besteht. und die mittlerweile durch Ankäufe und Schenkungen auf 600 Stücke angewachsen ist. Im vergangenen Jahr konnte endlich auch ein Katalog dieser in verborgenen Depots aufbewahrten Schätze erstellt werden, der für 20 Euro in der Ausstellung erhältlich ist. Die Ausstellung trägt sinnvollerweise den Titel „Enthüllte Schätze“ und ist aus 24 sorgfältig ausgewählten Stücken zusammengestellt. Sie ist über drei Ausstellungsräume thematisch gegliedert, ist mit Hintergrundinformationen zu Leben und Werk der Künstler versehen und erläutert auch Einzelaspekte anhand der Kunstwerke. So gelingt es wie von selbst, auch dem kunstgeschichtlichen Laien über die sinnliche Erfahrung der Bildwelt hinaus einen weiterführenden Einblick in die Entwicklung der darstellerischen Möglichkeiten zu vermitteln.

Das beginnt im ersten Raum mit Schöneberger Stadtansichten, wozu auch der eingangs geschilderte Baluschek gehört, und es verwundert nicht, dass daneben der inzwischen zum Industriedenkmal gewordene Gasometer gleich mehrfach vertreten ist. Im zweiten Raum geht es dann um Schöneberger Persönlichkeiten. Als Skulpturen verewigt erblickt der Besucher hier Marlene Dietrich und Albert Einstein.  Doch geht es hier auch um andere Persönlichkeiten, nämlich um Künstler, deren Entwicklung anhand der ausgestellten Bildwerke dargestellt wird, und die in der Entstehungszeit der Moderne sich in immer neuen „Secessionen“ voneinander abzugrenzen nicht müde wurden. Dazu gehört Moriz (ohne t !) Melzer, der mit seinem Werk „Blüthen“ von 1925 vertreten ist und der mit der Gründung der „Novembergruppe“ des Revolutionsjahres 1919 Geschichte schreiben wollte. Dabei richtete sich  die Rebellion dieser Gruppe in den auch künstlerisch umstürzlerischen Zeiten gegen die bereits selbst grundstürzende „Berliner Sezession“ des Kaiserreichs, die ihrerseits wiederum die „Münchener Sezession“ zum Vorbild hatte, an der schon sein Lehrer Ludwig von Hofmann beteiligt war. Der allerdings hängt von Rücken zu Rücken an der Wand des nachfolgenden Raums, denn es stammt bereits aus dem Jahre 1896 und gehört zu den Gründungsstücken der Sammlung, ein zwischen Jugendstil und Symbolismus changierendes Meisterwerk mit dem Titel „Blütenzauber“.

Der dritte Raum schließlich ist der ursprünglichen Sammlung Levinstein und ihrer Entstehungsgeschichte gewidmet. Und diesen Raum hat die Kuratorin Jasmin Bianca Hartmann mit Bedacht den Stiftern vorbehalten. Denn wie sie selbst sagt, wollte sie diese „mit dem atmosphärisch schönsten Raum“ ehren, der es für ihren kunstsinnigen Blick deswegen ist, weil in ihm als einzigem der schmückende Stuck erhalten ist. Und wer dann immer noch aufnahmefähig ist, kann in dem kleinen Archivraum dahinter auch noch vertiefende Erläuterungen zu einzelnen Persönlichkeiten der Ausstellung erhalten, wozu natürlich ein ernstes Foto von Hans Baluschek gehört.

Schöneberg-Museum, Hauptstraße 40/42,
läuft bis 6.8., Mo-Do 14-18 Uhr, Fr 9-14 Uhr, Sa und So 14-18 Uhr
Besuch coronabedingt nur mit FFP2-Maske und tagesaktuell negativem Testergebnis sowie nach Anmeldung möglich unter 90277 6163.

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