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3.05.2021

Radio wider den Zeitgeist

Von Ottmar Fischer. Seit Bildung nicht mehr wie im Mittelalter das Privileg von Priestern und Mönchen ist, sondern stadtbürgerliche Gesellschaften Raum für humanistische Wissenschaft schufen, entwickelte sich neben den Märkten für Waren und Dienstleistungen auch ein Ideenwettbewerb auf Märkten aus Papier.

Deutschlandradio © Simon Detel

Doch bestand von Anfang an ein Gegensatz: Während auf den lokalen Warenmärkten die Zünfte die Kontrolle ausübten, wurde auf dem Felde des Geistes die Logik der Argumente zum Maßstab der Preiswürdigkeit. Dieser Gegensatz von wirtschaftlicher Macht und Geist hat bis heute Bestand, wenn auch die Kontrolle über die Warenherstellung inzwischen von den Zunftgenossen auf Kapitalgeber übergegangen ist, und wenn auch die Macht der Kapitalverwerter inzwischen so groß geworden ist, dass sie den Geist käuflich zu machen gelernt hat. Es bleibt jedoch stets noch genügend Geist übrig, um für dessen Freiheit einzutreten, weswegen stets neue Geister aufstehen und dies auch tun.

Um diese Freiheit des Geistes zu stützen und zu schützen, wurde in den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland der Öffentlich Rechtliche Rundfunk (ÖRR) geschaffen. Aber da er inzwischen seine Monopolstellung verloren hat und mit privat finanzierten Sendern konkurrieren muss, sieht er sich zunehmend auch einer Kritik ausgesetzt, die mit betriebswirtschaftlichen Kriterien wie Effizienz und Effektivität argumentiert. Doch da in der Wirtschaft das Ergebnis von Aufwand und Nutzen in Geld gemessen wird, im Geistesleben aber eine Bereicherung mit immateriellen Gütern angestrebt wird, kann ein Vergleich auf betriebswirtschaftlicher Grundlage nur misslingen. Denn freie Geistesbildung erfordert einen Kostenaufwand, der sich nicht unmittelbar in einem geldwerten Nutzen niederschlägt. Daher kann auch die Einschaltquote kein geeignetes Mittel zur vergleichenden Messung von Erfolg sein, misst sie in dem einen Fall doch nur, wie Produktwerbung am besten zu platzieren ist, und in dem anderen Fall, wie groß aktuell gerade das Bildungsinteresse ist.

Doch ausgerechnet damit argumentieren nun gerade einige ÖRR-Sender, um die Niveau-Absenkung ihrer Kulturprogramme zu begründen. In einem zornigen Artikel für die FAZ hat der Musikkritiker Jan Brachmann seiner Enttäuschung über diese Entwicklung treffend Ausdruck verliehen: „Die Menschen, die seit Jahren WDR 3 oder RBB Kultur gehört haben, fühlen sich von der Neuausrichtung der Musikauswahl und des Sprechens über Literatur, Kunst und Musik in ihrer Intelligenz beleidigt, von einer autoritären Infantilität gemobbt und von einer demonstrativen Geringschätzung für traditionelle Bildungsinhalte auch als Hörer verachtet. Dass es so nicht weitergehen kann mit einem medialen Umsturz, der Bildungsbürgertum und Hochkultur als konterrevolutionäre Elemente in den eigenen Sendeanstalten kaltzustellen versucht, spricht sich als Imperativ der Stunde herum.“

Und in der Tat rumort es gewaltig im deutschen Feuilleton. Der Schriftsteller Navid Kermani etwa meldet sich mit den Worten: „Wozu lebt man denn? Doch nicht für das, was zweckmäßig ist. Sondern für das, was darüber hinausgeht, für die Momente, die eben nicht aufgehen in irgendeinem betriebswirtschaftlichen Nutzen.“ Und gerade die Kulturprogramme seien deswegen unverzichtbar, weil sie durch ihre Vermittlung  das Erlebnis von etwas nicht Erwartetem ermöglichten, wozu auch das Schwierige und seine Erläuterung gehöre, denn: „Das, was wir sofort begreifen, haben wir sofort vergessen.“

Die Rettung so nah

Aber Köln und Berlin sind nicht nur die Standorte der beiden hier der Kulturvernichtung angeklagten Sender WDR und RBB, sie sind auch die Horte von Gegenbeispielen. Denn in Köln bearbeitet der Deutschlandfunk das weite Feld der politisch-gesellschaftlichen Aufklärung, und am Schöneberger Stadtpark hat der Sender Deutschlandfunk Kultur das noch weitere Feld der Künste und Ideen unter seine Fittiche genommen. Beide sind unter einem gemeinsamen Dach als Deutschlandradio vereint, denn es sind nationale Sender. Und beide zeigen keinerlei Tendenzen, sich Marktmechanismen zu unterwerfen. Hier wird die Freiheit des Geistes erfolgreich verteidigt, auch indem Sendungen betriebswirtschaftlich sinnvoll  untereinander vermittelt und Ressourcen geteilt werden. Zum Beispiel gibt es auf Deutschlandfunk Kultur jede Woche Freitagnacht von 24 bis 3 Uhr die legendär gewordene „Lange Nacht“ über eine bedeutende Persönlichkeit des Kulturlebens oder ein kulturell relevantes Thema, die dann am Samstag von 23-2 Uhr im Deutschlandfunk wiederholt wird. Und die übrigens im Internet aufgezeichnet und nachgehört werden kann. Oder: Jeweils am letzten Samstag im Monat findet im Literarischen Colloquium am Wannsee ein moderiertes Gespräch zweier Literaturkenner mit einem Schriftsteller zu seinem Werk statt, für dessen Übertragung im Deutschlandfunk nicht eine Mannschaft mit Equipment aus Köln, sondern eine aus Schöneberg anreist. Auf solche kostensparenden Möglichkeiten der Zusammenarbeit scheinen die Intendanten von WDR und RBB trotz ihrer hohen Gehälter noch nicht gekommen zu sein.

Im Schöneberger Funkhaus mit der runden Platzfassade wird dagegen auch sonst auf einen hohen Standard geachtet, auch wenn es nicht um Literatur geht. So gibt es von dort jeden Sonntag von 15-17 Uhr die Sendung „Interpretationen“, in der jeweils ein Gespräch zwischen zwei Musikkennern zu verschiedenen Interpretationen eines Musikstücks oder einer musikalischen Entwicklung im Zentrum steht, wodurch anhand der musikalischen Beispiele sogar das ungeübte Ohr erstaunliche Einzelheiten wahrzunehmen lernt. Und geradezu unerschöpflich scheint dort das Reservoir für Alte Musik zu sein. Denn zu wiederkehrenden Sendeterminen wird Barockmusik in allen Varianten aufgelegt und besprochen. An anderen Tagen gibt es Chormusik, oder aus dem Archiv werden historische Aufnahmen von berühmten Orchestern zu Gehör gebracht, oder es werden Veranstaltungen zu Neuer Musik aufgesucht. Und natürlich werden auch Konzerte direkt übertragen, etwa aus der Philharmonie. Und in einem Journal werden zudem Nachrichten aus dem Musikleben thematisiert.

Ein gleichermaßen reichhaltiges Angebot wird aber auch zur Verfügung gestellt, wenn es um Fragen der Kunst, der Ideengeschichte oder der Kultur ganz allgemein geht. Täglich gibt es Überblickssendungen mit Berichten zu aktuellen Kulturereignissen. Und auch das gute alte Hörspiel wird nicht vergessen. Mal wird ein Klassiker aus dem Archiv präsentiert, mal gibt es in einem Format namens „Freistil“ Experimentelles. Und selbstverständlich fehlt auch der Blick in die gesellschaftliche Gegenwart nicht, wofür das Format „Zeitfragen“ geschaffen wurde. Wer also mit Jan Brachmann der „autoritären Infantilität“ des neuen RBB Kultur entgehen will, der ist beim Schöneberger Deutschlandfunk Kultur bestens aufgehoben.

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