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02.04.2022 / Projekte und Initiativen

Put_in put out

Von Ottmar Fischer. Runter von der Liege, raus auf die Demo gegen Putins Krieg in der Ukraine. Das sagten sich neben dem Berichterstatter am 14. März zum zweiten Mal an die hunderttausend Friedensbewegte und zogen auf einer Großdemonstration unter blaugelb geschmückten Antikriegslosungen vom Alexanderplatz zum Großen Stern.
Großdemonstration am 13. März vom Alexanderplatz zur Siegessäule. Foto: Mandy Hafemann
Foto: Mandy Hafemann

Die Empörung über den Kriegsverbrecher im Kreml ist groß, und angesichts der gefühlten Ohnmacht gegenüber dem Brutalisten auf dem selbst gezimmerten Zarenthron suchte und fand die gemeinsame Wut in der gemeinsamen Bewegung ein Ventil unter flatternden Regenbogenfahnen mit den Beschriftungen Pace oder Peace. Und die vielen individuellen Ideen bei der Gestaltung der Schilder und Transparente machten den Unterschied zwischen einer freiheitlichen Grundordnung und jener Gewaltherrschaft deutlich, gegen die nur einen Tag nach dieser Demo im russischen Staatsfernsehen die tapfere Journalistin Marina Owsjannikowa in einer Protestaktion für wenige Sekunden ein Plakat mit der Aufschrift hochhalten konnte: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen.“

Muss die russische Friedensdemonstrantin mit schweren Folgen für ihr weiteres Schicksal rechnen, auch wenn sie zunächst mit einer Geldstrafe von umgerechnet 250 Euro wegen „Rowdytums“ davongekommen ist, konnten die Berliner Gleichgesinnten ganz unbesorgt an die Ausgestaltung ihrer Statements für die Demo gehen. Das zeigte sich schon auf dem Weg zum Startplatz in der U-Bahn Richtung Zoo, wo Kinder ihre selbst gebastelten Friedensengel-Schilder beim Halt in den Bahnhöfen in erwartungsvoller Vorfreude an die Fensterscheiben hielten, ohne dass die Eltern sich irgendwie besorgt gezeigt hätten. Und ähnlich unbeschwert gab sich anschließend in der S-Bahn zum Alexanderplatz ein Teeny-Mädchen mit ihrem ebenfalls selbst gebastelten Pappschild, auf dem mit dickem Filzer aufgetragen war: „Hey Putin -stop war – go to therapy“.

Am Treppenabgang des Zielbahnhofs ging es dann ebenso selbstverständlich und unbesorgt weiter, denn hier wurden die Ankommenden von einem Aktivisten mit umgehängter Flüstertüte bereits erwartet und mithilfe seines wortlos ausgestreckten Arms zur Zugaufstellung geleitet. Und auf dem Platz, der trotz des bereits begonnenen Abmarsches der Zugspitze immer noch gut gefüllt war, wurden die Nachrücker von einem Helden-Tenor über einen gut hörbaren Lautsprecher wie alte Freunde begrüßt: „Schön dass Sie gekommen sind. Bitte gehen Sie langsam weiter. Sie versäumen nichts. Auch der Zug geht sehr langsam vorwärts.“ Und in der Tat ging es dann ziemlich geruhsam hinter dem Roten Rathaus die Leipziger Straße entlang und über den Knick am Brandenburger Tor bis zur Siegessäule, wo der lockere Spaziergang schließlich mit Musik und friedensbewegten Reden endete.

Was alles zu sehen war

Das langsame Tempo des kilometerlangen Zuges bot währenddessen ausreichend Gelegenheit, den blau-gelben Lindwurm vom Zugende bis zur Spitze zu durchwandern, denn auch die Aufstellung war recht locker. Nur wenige Gruppen waren in größerer Anzahl gemeinschaftlich aktiv, wie etwa die der GEW oder die der Jusos aus Spandau. Oder wie die Linke aus dem Wedding unter der traditionellen Losung ihres Transparentes „Hoch die internationale Solidarität.“

Meistens hatten zwei oder drei Demonstranten zueinander gefunden und nutzten die Gelegenheit zu freundschaftlichen Gesprächen, oder wie die unter der Verdi-Fahne zum Fachsimpeln über die Losung auf ihrem Transparent: „Ja zu 100 Milliarden für Pflegepersonal“, was sicher auch als Stichelei gegen die regierungsseitig beschlossenen Milliarden für die Bundeswehr gedeutet werden kann.

Allerdings gab es auch ein paar Forderungen nach mehr militärischer Gegenwehr. So forderte ein Einzelgänger auf seinem blau-gelb geschmückten Schild „Wake up Nato before it‘s too late“, und ein anderer mahnte Close the sky – save the children.“ Und ein ganz Entschlossener forderte auf einem hochgehaltenen weißen Hemd in schwarzer Tinten-Zeichnung die Entsorgung Putins in einen Papierkorb. Doch blieben dies Farbtupfer eines überwältigend friedfertigen Meinungschores. Zwei Demonstranten konstruierten sogar höchst kunstvoll unter Verwendung des Namens ihres Wohnorts Friedenau ihre Botschaft an die Welt, indem sie in eine obere Zeile ihres Schildes  das Wort Friede- schrieben, und die beiden restlichen Buchstaben au darunter setzten, so dass ein gewitzter Leser auch „Friede now“ nachsprechen konnte. Und so wie hier außerdem das „u“ blau-gelb ausgefüllt wurde und das Friedenszeichen der Ostermarsch-Bewegung angefügt worden war, so waren beide Merkmale des solidarischen Friedenswunsches für die gequälte Ukraine auch sonst auf dem Zug allgegenwärtig. Zu lesen war außerdem der Vorschlag „Lieber frieren als Gas von Putin“, oder „Die Waffen nieder“, und natürlich war auch die alte Hippy-Empfehlung „Make Love, not War“ zu finden. Im Umfeld solcher Losungen flatterten die Fahnen von Human Right, BUND und Greenpeace, deren Aktivisten zudem in der Mitte des Zuges mit rockiger Musik vom eigenhändig gebasdtelten und gezogenen Verstärkerturm unterhielten.

Der Preis für die schönste Gestaltung des eigenen Protestes geht aber nach Düsseldorf. Denn von dem dortigen Bildhauer und Karnevalskünstler Jacques Tilly stammt der riesige Putin-Kopf, der sich am Verschlingen eines blau-gelben Wackersteins offensichtlich überanstrengt. Und das wünscht ihm auch die Inschrift: „Erstick dran!“ Olaf Schmelzer hatte dieses Kunstwerk in einer Fernsehsendung entdeckt, in der darüber berichtet worden war, dass wegen Corona auch dieses Jahr keine Rosenmontagsumzüge stattfinden und deswegen die Karnevalswagen in der Garage bleiben müssen. Und da hatte der karnevalistisch begabte Berliner die zündende Idee, diese schöne Karikatur auf die Demonstration nach Berlin zu holen. Der Künstler war zwar sofort einverstanden, doch brauchte es bis zur Demo noch die Unterstützung vieler Freiwilliger, denn benötigt wurden ein Auto und ein Hänger, der Fahrer für die Überführung und die Spender für die Kosten, und am guten Berliner Ende schließlich auch noch Überzeugungskraft für die Genehmigungen bei den Behörden und für das Einverständnis der Veranstalter. Doch da der Initiator sich auf viele Mitglieder einer über ganz Berlin und bis nach Wolfsburg verstreut lebenden Großfamilie stützen konnte, gelang das Glanzstück.

Am Vorabend der Demo wurde die Putin-Karikatur sogar am Brandenburger Tor und an der russischen Botschaft vorgeführt. So ist also Solidarität in dieser Großfamilie kein Fremdwort: In zwei Familien ist sogar je eine Mutter mit ihren jeweils zwei Kindern aus der Ukraine aufgenommen worden.

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