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2.07.2017

Presse im Zeitalter des Internets

Millionen von Followern lassen sich im Tagestakt über den Kurznachrichtendienst Twitter davon in Kenntnis setzen, was US-Präsident Trump gerade für „gut“ oder für „böse“ hält. Dadurch entsteht zwar eine besondere Nähe zwischen den Teilnehmern und der politischen Macht. Doch entsteht keine Problem-Diskussion.

Mittagspause. Foto: Hartmut Becker

Im Gegenteil bildet sich eine Blase von Gleichgesinnten, die unter den Ausgeschlossenen zur eigenen Blasenbildung anregt. Diese fatale Wirkung der sogenannten sozialen Medien vertieft somit die ohnehin bestehenden Gräben in der Gesellschaft.

Im Gegensatz dazu hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) in unserem Land den Auftrag, das ganze Spektrum der Meinungsvielfalt in einem gemeinsamen Kommunikationsraum hörbar, sichtbar und erlebbar zu machen. Und ihm kommt in dieser öffentlichen Debatte die Aufgabe zu, die Faktenlage zu erhellen und ihre Beziehung zu den Grundwerten unserer Verfassung zu beleuchten. Zur Erörterung der interessanten Frage, wie das im Zeitalter des Internets mit seinen Teilöffentlichkeiten, grundgesetzwidrigen Hassbotschaften und Meinungsmanipulationen durch Falschmeldungen oder Täuschungsmanöver eigentlich gelingen soll, hatte der scheidende Intendant des Deutschlandfunks ins Rundfunkhaus am Schöneberger Stadtpark eingeladen.

Der ganztägige Workshop mit Kurzreferaten und Fragemöglichkeiten gliederte sich in drei Schwerpunktteile. Zur Eröffnung wurden die aktuellen Veränderungen in der Medienlandschaft beleuchtet. Es folgten zwei Darlegungen zum möglichen Umgang mit diesen Herausforderungen. Einmal aus theoretischer Sicht durch Professor Holznagel von der Uni Münster, und einmal aus Sicht der journalistischen Praxis durch den Leiter des DLF-Hauptstadtstudios, Stephan Detjen. Und nach der Mittagspause schlossen Erfahrungsberichte aus öffentlich-rechtlichen Anstalten in England, Österreich und der Schweiz die Bestandsaufnahme ab. Ein vierköpfig besetztes Podium um den Intendanten Dr. Steul diskutierte schließlich die Schlussfolgerungen mit dem Fazit, der ÖRR  müsse auch im Internet mit eigenen Formaten und mit vernetzten Angeboten für Informationssicherheit sorgen.

Die unsichtbare Gefahr
Am weitesten sei der Zerfall der früheren Presselandschaft durch die Platzergreifung des Internets in den USA vorangeschritten. Dessen war sich Helen Boaden in ihrem Bericht sicher. Sie forscht dazu an der amerikanischen Harvard University, nachdem sie jahrzehntelang journalistisch und preisgekrönt für die britische BBC tätig gewesen war. In der Branche seien 300.000 Stellen gestrichen worden, so dass gar kein ausreichendes Korrespondentennetz mehr unterhalten werden könne. Als Folge davon hätten 21 US-Staaten überhaupt keinen einzigen Pressevertreter mehr in der Hauptstadt, der Lokaljournalismus liege sogar gänzlich am Boden. So müsse sich ein Großteil der Presse mit Notlösungen zur Informationsbeschaffung behelfen. Und dennoch seien Zeitungen die einzigen Medien, die sich noch dem klassischen Journalismus verpflichtet fühlen, denn Radio- und Fernsehstationen seien fest in der Hand von Meinungsmachern, eine öffentlich-rechtliche Variante wie in Deutschland gebe es ohnehin nicht. Das Ziel der Berichterstattung habe sich demzufolge von der Aufklärung zur Meinungspropaganda verschoben.

Da mag auch Justus Bender von der FAZ ins Grübeln geraten sein, denn seine Zeitung kann es sich glücklicherweise noch leisten, ihn exklusiv mit der Beobachtung des rechten Randes im politischen Spektrum zu beauftragen. In seinem Bericht zu denjenigen, die das Wort „Lügenpresse“ alltagstauglich gemacht haben, zeigte er auf, wie der Mechanismus der politischen Blasenbildung funktioniert. Man erkläre sich selbst zum „Volk“, alle anderen gehörten zur korrupten Machtelite oder seien von ihr manipuliert. Auch die Journalisten seien nicht neutral, obwohl sie eigentlich fair sein müssten und keine Lieblinge haben dürften, so die Anschuldigung. Um solche Vorwürfe zu entkräften und gleichzeitig gesprächsfähig zu bleiben, empfahl Bender, die journalistische Arbeit an der eigenen Neugierde auszurichten, denn „es lohnt sich, genau zu sein, weil auch Rechtsradikale wissen, wo sie Kritik verdient haben.“

Welche Mittel heute eingesetzt werden, um die Genauigkeit der Wahrnehmung zu stören oder zu beeinflussen, stellte Dr. Lena Frischlich von der Uni Münster dar. Menschen seien von Hause aus nicht gut im Verarbeiten von Nachrichten und schafften sich ihr Erinnerungsbild gern mithilfe von Kommunikation. Emotional packende Geschichten erschienen ihnen glaubwürdiger, und es seien eher Assoziationen, die hängen blieben. Gerade wenn mit ihrer Hilfe ein glaubwürdiges Umfeld geschaffen worden sei, habe der Propagandist leichtes Spiel für die Platzierung täuschender oder sogar gänzlich falscher Nachrichten. Besonders wirksam seien Bilder, denn sie gelten dem Gedächtnis als Fakten. Ein gern eingesetztes Überwältigungsmittel sei die unermüdliche Wiederholung, wodurch es entweder gelinge, Zweifel zu erwecken, oder über die Vortäuschung einer Mehrheit Wirkung zu erzielen. Denn Menschen sähen sich gerne in der Mehrheit. Im Internet kämen mittlerweile automatische Systeme („Social Bots“) zum Einsatz, die über die ständige Wiederholung eine gefühlte Mehrheit vorgaukelten. Zu erkennen seien sie gleichwohl an Satzbau und Sprechweise, sowie an der automatischen Wiederholungsfrequenz und den Uhrzeiten. Was also tun? Die Referentin beendete ihren Vortrag mit der Empfehlung: „Erzählen Sie die bessere Geschichte!“

Ottmar Fischer

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