Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.12.2017

Potse auf neuen Wegen

Der Schöneberger Norden im Umbruch

Magistrale 2007 auf der Potsdamer Straße

Buchladen in der Potsdamer Straße

Galerie im Hof Potsdamer Straße 81. Fotos: Thomas Protz

In der Potsdamer Straße 161 ist die „Zwitschermaschine“ zuhause, ein Ort für ortsansässige Gestalten mit Blick für Gestaltbares und Drang zur Gestaltung. Seit über vier Jahren haben hier in 70 Einzelprojekten Ausstellungen, Lesungen, Musikdarbietungen und natürlich Diskussionen stattgefunden. Hier ist für die großstädtisch ausgefranste Gegend des Schöneberger Nordens also ein Ort der Begegnung entstanden, und aus den Begegnungen ist der Wunsch nach mehr nachbarschaftlich orientierten Gestaltungsmöglichkeiten für das weitere Wohnumfeld hervorgegangen.

Wo Breakdance und Graffiti als zeitgenössische Kunstformen auf breite Akzeptanz stoßen, weil sie das scheinbar unaufhaltsame Vorüberdonnern der Lebensspuren mit künstlerischer Gewalt in Einzelereignisse zurückbannen und dadurch dem Individuellen gegen das anonyme Dauerfließen zu einem Augenblick der wiedergewonnenen Würde verhelfen, da ist auch das Verlangen nach politischer Neugestaltung des öffentlichen Raumes nicht weit.

Die Örtlichkeit war also gut gewählt für eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Wer ist die treibende Kraft der Quartiersentwicklung, Kunst oder Handel?“

Während von allen Teilnehmern, ob vom Podium oder in der allgemeinen Diskussion anschließend aus dem Publikum, die alte Volksweisheit „Geld regiert die Welt“ nicht in Frage gestellt wurde, war doch allen Teilnehmern ebenso klar, dass eben diese Vorherrschaft immer wieder zu Fehlentwicklungen führt, die in einer gemeinsamen Anstrengung korrigiert werden müssen. Genannt wurden die bekannten Beispiele der Verdrängung alteingesessener Bewohner durch besserverdienende Neuankömmlinge, wie das etwa in Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder in Neukölln zu beobachten war. Und festgestellt wurde auch eine diesem Geschehen vorausgehende Bewegung der Ansiedlung von Kunstgewerbe, Szene-Kneipen und Kultur, die heruntergekommene Gegenden zunächst beleben helfen, dadurch liebenswert machen, und schließlich jenes Geld anlocken, das aus diesem Wandel Kapital schlägt, indem über schlussendlich unbezahlbare Mieten die sozial Schwächeren in die Flucht getrieben werden.

Blick von oben

Um eine solche Entwicklung in der Potsdamer Straße zu verhindern, wo um das ehemalige Tagesspiegel-Gebäude herum bereits eine verstärkte Ansiedlung von Galerien und Kunstgewerbe zu beobachten ist, müsse ein vorausblickendes Gesamtkonzept entwickelt werden, das einerseits die Ansiedlung großflächigen Handels für überörtliche Kundschaft vermeidet, und andererseits die soziale Entmischung der Wohnbevölkerung verhindert, aber gleichzeitig die Attraktivität des Wohnumfelds erhöht, so Jörn Oltmann (B 90/Die Grünen), Stadtrat für Bauen und Entwickeln. Beim Gebäudebestand sei auf Vielfalt im Erdgeschoss und im Wohnumfeld auf eine intakte soziale Infrastruktur zu achten. Deswegen müssten für die Gestaltfindung die vor Ort bestehenden Initiativen und das Quartiersmanagement Schöneberger Norden einbezogen werden, aber zusätzlich auch woanders bereits erfolgreich arbeitende Einrichtungen wie etwa das Projekt „Irre gut wohnen“ zur Teilnahme eingeladen werden (siehe dazu den Bericht von Kathrin Vogel in unserer Ausgabe vom Februar 2017). Man könne Entwicklung an sich zwar nicht aufhalten, „aber man kann sie steuern, indem wir durch ein gemeinsames Vorgehen die soziale Komponente der Sozialen Marktwirtschaft einbringen.“

Dem stimmte Dr. Mateusz Hartwich als Branchenkoordinator Handel der Industrie- und Handelskammer (IHK) mit dem einschränkenden Hinweis zu: „Wir müssen das auch teilweise laufen lassen, damit frisches Blut in den Kiez kommt, also Veränderung ist nicht unbedingt schlecht. Aber Handel muss gemischt werden mit Kultur.“ Und Martina Marijnissen von der bezirksamtlichen Wirtschaftsförderung setzte noch eins drauf: „Auch Kultur ist Handel“, denn Galerien etwa seien ja keine Museen, sondern verkauften Gemälde, und zwar an ein bestimmtes Publikum. Es komme also insgesamt auf eine gut austarierte Mischung an. Eine gelingende Quartiersentwicklung fuße notwendigerweise auf der Einbeziehung von Gewerbe, Kultur und Anwohnerschaft, aber auch der Eigentümer der Gebäude. Zwar seien die Gespräche mit ihnen mitunter schwierig, denn es handle sich bei der Potsdamer Straße perspektivisch für Investoren um eine 1A-Lage, und entsprechend zugeknöpft seien die privaten Eigentümer wegen der Konkurrenz untereinander in der Gruppe, und nur im Einzelgespräch  würden sie sich öffnen. Umso größer sei daher die Bedeutung der städtischen Wohnungsbaugesellschaften, sowohl wenn es um unbezahlbare Mieten, als auch wenn es um die Frage der Bereitstellung von Räumlichkeiten für nichtkommerzielle Zwecke geht.
Für eine von ihnen saß auf dem Podium mit Alexander Wolf der Sachwalter eines weithin ausstrahlenden Beispiels für die bislang unausgeschöpften Möglichkeiten für die von Stadtrat Oltmann angesprochene Einbringung der sozialen Komponente in die vielgerühmte Soziale Marktwirtschaft. Im Haus Bülowstraße 7 der GEWOBAG hat die von dieser Gesellschaft gegründete Stiftung Berliner Leben im September das Urban Nation Museum eröffnet (siehe den begeisterten Bericht von Elfie Hartmann in unserer letzten Ausgabe), das neben der international ausgerichteten Intention auch für die Berliner Modern-Art-Szene einen Austellungs- und Veranstaltungsbereich vorgesehen hat.

Blick von unten

Der Hinweis auf dieses Projekt als Ausdruck des kulturellen und sozialen Engagements der Gesellschaft führte im Publikum allerdings zur Anmerkung eines Aktiven, die Musealisierung von Street-Art berge die Gefahr der Austrocknung jener lebendigen Szene vor Ort, der er sich zugehörig fühle, die ihre Lebenskraft aus dem wirklichen Kiez-Leben schöpfe, weswegen er für künftige Absichten die Bereitstellung von Räumlichkeiten vorschlage, in denen das kulturelle und soziale Leben der Bevölkerung widergespiegelt werde, wozu auch die Geschichte des Kiezes in all ihren Facetten gehöre. Es müssten die Aktiven gefördert werden, und nicht die Händler, auch nicht solche Museen als Zulieferer der Tourismus-Industrie.

Die im Publikum anwesende kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion in der BVV, Elisabeth Kiderlen, regte dazu ergänzend an, „nicht immer nur an Galerien und Museen zu denken, wenn von Kultur die Rede ist“, dazu gehöre noch viel mehr, beispielsweise würde auch die Bereitstellung von Proberäumen für Musik und Theater den Kiez beleben. Alexander Wolf zeigte sich offen für alle Anregungen. Er verwies auf die Notwendigkeit eines vernetzten Vorgehens auch in den Bereichen Wohnen und Kultur. Das gehöre ja schließlich zu seinen Aufgaben als Geschäftsführer der eigens zu diesem Zweck gegründeten Stiftung.

Und wie zum Beweis ließ er dann noch eine Bombe platzen: Im Haus Bülowstraße 90 sei ausreichend Platz für die Aufnahme der Jugendfreizeitstätten Potse und Drugstore, die wie berichtet  vom Eigentümer des bisherigen Standorts per Verweigerung der Erneuerung des zum Jahresende auslaufenden Mietvertrages von ihrem gewohnten Platz verabschiedet werden sollen. Und diese Nachricht wiederum hatte ein parlamentarisches Nachspiel, worüber wir in unserem Bericht aus der BVV auf Seite 4 einiges zu erzählen haben.

Ottmar Fischer