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28.02.2022 / Orte und Plätze

Pionierin für moderne Sozialarbeit und Frauenrechte

Von Maria Schinnen. Schon in jungen Jahren faszinierte sie die Menschen durch ihre Klugheit, Wissbegierde, Empathiefähigkeit, ihre Sucht nach Leben und Lernen.
Porträt von Alice Salomon, um 1920. Quelle: National Library of Israel, Schwadron collection

Alice Salomon wurde von 150 Jahren, am 19. April 1872 in Berlin in einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Mit nicht ganz sechs Jahren gaben die Eltern sie in eine private englische Mädchenschule. Sie brannte für die Schule, hier erlebte sie ständig Neues, wurde in Atem gehalten. Das kam ihrer Unruhe entgegen und sie wollte Lehrerin werden. Doch mit 15 war die Schulbildung beendet und sie war zum Nichtstun verurteilt. Ein Beruf war für die Tochter aus gutem Hause nicht vorgesehen. Untätigkeit hielt sie nicht lange aus. Sie besuchte das Viktoria-Lyzeum, eine Art weiblicher Volkshochschule, nahm an Vorlesungen, Sprach- und Haushaltskursen teil. Ihre Wartehaltung auf die Heirat empfand sie als etwas Sinnloses, die Kurse vertrieben ihr lediglich die Langeweile. Was sie zutiefst quälte, war die Suche nach dem Sinn ihres Lebens.

Am 5. Dezember 1893 änderte sich dieses Leben schlagartig. Sie erhielt eine Einladung zur Gründungsversammlung der „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“. Das schlug wie ein Blitz ein. Bürgerliche Mädchen und Frauen wie sie, die bisher zur Untätigkeit gezwungen waren, konnten sich unter fachlicher Anleitung  ehrenamtlich engagieren. Endlich fühlte sie sich gebraucht, man wartete auf sie, sie war wichtig für andere. Zum ersten Mal erkannte Alice Salomon einen Sinn in ihrem Leben.

Ein zweiter glücklicher Zufall trat hinzu. Mit der Vorsitzenden der Gründungsgruppe, Jeannette Schwerin, traf sie auf eine unerhört aktive, Impuls gebende Frau mit wachem Geist und tiefer Empathiefähigkeit. Sie fühlte sich im Tiefsten mit ihr verwandt und zog aus der täglichen beglückenden Zusammenarbeit unendlich viel Kraft und Energie.

Zunächst half A. S. in einem Mädchenhort aus, der vernachlässigte Mädchen von verwitweten oder allein erziehenden Müttern aufnahm und nach der Schule betreute. Hier machten sie ihre Schulaufgaben, lernten Nähen und Stricken und durften sich eine Stunde lang im Kreis drehen und „kindische Verse“ singen. Nichts wurde getan, um ihre intellektuellen oder künstlerischen Fähigkeiten zu entwickeln. Nachdem sie über Hausbesuche die Armut und das Elend der Müttern der Mädchen kennen gelernt hatte, begann sie sich zu engagieren, lernte die Settlementbewegung in England kennen (1), las sozialkritische Publikationen, suchte Kontakt zur Frauenbewegung und unterstützte den Beitritt der „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“ zum neu gegründeten „Bund Deutscher Frauenvereine“, wo sie ihre erste, von allen bewunderte Rede hielt. Als ihre Wegbereiterin Jeannette Schwerin 1899 starb, trat A.S. als neue Vorsitzende in deren Fußstapfen. Nur wenige Monate später richtete sie den ersten Jahreskurs für ehrenamtliche Berufsarbeit in der Wohlfahrtspflege mit verbindlichen Teilnahmebedingungen ein.

Das Jahr 1902 wurde für A.S. wegweisend. Eingeladen von einer promovierten Freundin zu einem „Doktorschmaus“ wurde sie bei Tisch von Prof. Sering, einem Förderer des Frauenstudiums, gefragt, warum sie nicht studiere. Sie antwortete, dass sie kein Abitur habe. Der Professor meinte: „Für verdienstvolle Leute kann man Ausnahmen machen“. Ihr Studienantrag wurde von der damaligen „Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität“ (heute Humboldtuniversität) angenommen und A.S. trug sich als Gasthörerin für Nationalökonomie ein. Im dritten Semester verfasste sie eine Seminararbeit über „Das Grenznutzungsprinzip“, das sie als Erklärung für die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen interpretierte. Die Arbeit war so herausragend, dass ihr eine Promotion zu diesem Thema angeboten wurde. Doch der Promotionsantrag wurde vom Dekan der Philosophischen Fakultät zurückgewiesen, da ihr die Eingangsvoraussetzungen fehlten. Dennoch schrieb sie die Dissertation und reichte weitere Anträge ein. Erst 1906 wurde diese aufgrund ihrer sonstigen wissenschaftlichen Bildung als Ausnahme anerkannt. Doch A.S. dachte nicht an eine universitäre Karriere, sondern kehrte zu ihren früheren Aufgaben zurück, arbeitete im BDF, in karitativen und sozialpolitischen Organisationen und gab volkswirtschaftlichen Unterricht an Fachschulen für Frauen und Mädchen. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen und Schulgründungen für Mädchen.

1908 kam es schließlich zur Gründung der "Sozialen Frauenschule" in Schöneberg. 83 Mädchen und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren schrieben sich für den ersten Kurs ein. Die Schule wurde zum Vorbild für moderne Sozialarbeit. Ihre Teilnehmerinnenzahl stieg in den Folgejahren so erheblich, dass man 1914 ein eigenes Schulgebäude in der Barbarossastraße 65 in Schöneberg bezog.
Ebenfalls 1908 wurde sie Schriftführerin des Internationalen Frauenbundes. Das führte zu einem enormen Briefwechsel in verschiedenen Sprachen und vielen Reisen in unterschiedliche Länder. Als eine Reise nach Irland 1914 wegen der Seeblockade zu Beginn des Ersten Weltkriegs jäh unterbrochen und A.S. die Insel nicht mehr verlassen konnte, begab sie sich zu einem evangelischen Pfarrer und ließ sich taufen. 1917 wurde sie Vorsitzende der von ihr gegründeten Konferenz sozialer Frauenschulen Deutschlands, der 1919 bereits sechzehn Schulen angehörten. In den Folgejahren kam es immer wieder zu erfolgreichen Schulgründungen, aber auch Rückschlägen aufgrund des erstarkenden Antisemitismus. Als sie 1933 alle öffentlichen Ämter verlor, entschloss sie sich zur Emigration in die USA. Diese verzögerte sie zunächst, bis sie schließlich 1937 ausgewiesen wurde (2). Sie verlor die deutsche Staatsbürgerschaft und die Doktorwürde. 1944 konnte sie die amerikanische Staatsbürgerschaft erwerben. Ihre berufliche Karriere konnte sie in der neuen Heimat nicht fortsetzen, ihre Biographie nicht veröffentlichen. Am 30. August 1948 starb Alice Salomon in New York. Zur Beerdigung auf dem Friedhof Evergreens in Brooklyn kamen nur wenige Menschen.

Doch in Berlin lebt sie weiter. Der kleine Stadtpark an der Barbarossastraße 4 trägt ihren Namen. Das Alice-Salomon-Archiv in Schöneberg dokumentiert die Entwicklung der professionellen Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert. Die Alice Salomon Hochschule in Hellersdorf (ASH) bietet vier Bachelor- und 12 Master-Studiengänge in den Schwerpunkten Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung an.

(1) Lt. Wikipedia boten Angehörige gebildeter bürgerlicher Schichten nachbarschaftliche Kontakte und Weiterbildungsmöglichkeiten an. Dadurch sollte das Selbsthilfepotential der Betroffenen gestärkt werden, was im Gegensatz zur bis dahin praktizierten Hilfe in Form von Almosengeben stand. Auf dieser Grundidee der gegenseitigen nachbarschaftlichen Hilfe basiert auch die Gründungsidee des Nachbarschaftshauses Schöneberg.

(2) Alice Salomon wurde nach einem Verhör am 25. Mai 1937 durch die Gestapo die Ausreise unter Androhung der Internierung in einem KZ befohlen. Quelle: Alice Salomon im Exil, Soziale Arbeit Spezial, DZI 2015 und Alice Salomon, Drittes Porträt der Serie „Frauenwahlrecht und bedeutende Frauen 1918“, Alice Salomon Archiv, 01.12.2018

 

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Der Artikel wurde am 29.03.2022 inhaltlich angepasst.

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