Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

16.09.2013

Pflegende Angehörige: „Einmal freie Zeit für mich“

Um für sich selbst gut sorgen zu können, fehlt den Angehörigen oft die Zeit. Zerrieben zwischen den Mühlsteinen der umfangreichen Bedürfnisse der zu Pflegenden und dem eigenen hohen Pflichtbewusstsein, zwischen organisatorischen und finanziellen Erfordernissen, beruflichen und alltäglichen Aufgaben, möchten sie gelegentlich selbst aufgeben.

Foto: Sibylle Schuchardt

„Einmal freie Zeit für mich haben, ohne auf die Uhr zu schauen zu müssen, wann der Besuchsdienst meinen Mann zurückbringt. Nicht ständig in Sorge und Anspannung  zu leben, weil meine alte Mutter, die sich in der Welt nicht mehr zurechtfindet, in Tränen aufgelöst anrufen könnte und auch nachts mein sofortiges Kommen erbittet. In jedem ungewöhnlichen Atemgeräusch den nächsten Krampfanfall zu erahnen, der dann aber doch plötzlich passiert, wenn man mit dem Ehemann auf dem Weg zum Arzt ist.“ So lauten nur einige der ganz unterschiedlichen Stoßseufzer, die pflegende Angehörige in ihrer professionell angeleiteten Selbsthilfegruppe äußern. Allen gemeinsam ist der tiefe Wunsch nach Entlastung: Unter Gleichbetroffenen ganz offen aussprechen können, dass sie die Nase gestrichen voll haben, manchmal nicht mehr können und nicht mehr wollen, aber immer glauben, noch können und wollen zu müssen.

In der angeleiteten Selbsthilfegruppe gelten die gleichen Ziele wie in Gruppen ohne Leitung, nämlich Schwierigkeiten und Konflikte, die Begleiterscheinungen von Krankheit und Behinderung, gemeinsam zu bewältigen und sich gegenseitig zu unterstützen. Die Kontaktstelle PflegeEngagement im Nachbarschaftsheim Schöneberg nimmt die Situation der Betroffenen ernst und bietet zu vier verschiedenen Zeiten an vier Standorten (s. Info weiter unten) Gesprächsgruppen für pflegende und betreuende Angehörige an, die von Ehrenamtlichen organisiert und begleitet werden. Aufmerksamkeit und Selbstfürsorge sind wichtige Elemente, die die TeilnehmerInnen dort erfahren. Aufatmen können und einmal selbst im Vordergrund stehen, „obwohl ich doch gar nicht krank bin“ tut gut und ist notwendig, um den täglichen Herausforderungen gewachsen zu bleiben. Mut machen und Ängste nehmen will die Gruppe. Sie hebt die Isolation der einzelnen auf und stärkt dadurch Selbstvertrauen und Solidarität. Verständnis und Trost, Mitgefühl und auch ein ganz praktischer Erfahrungsaustausch wie die Weitergabe hilfreicher Fachinformationen können helfen, die eigene Lage neu zu betrachten und persönliche Haltungen zu überdenken. Jeder kann jedem ein Beispiel sein, das zur Übernahme inspiriert oder  Abgrenzung erfordert. Herzlich gelacht werden darf natürlich auch, denn es könnte noch schlimmer kommen, und ohne eine gute Prise Humor ist manches tatsächlich kaum auszuhalten.

Ein bewegendes Thema ist das Abschiednehmen. Es beginnt nicht erst mit dem Tod des Angehörigen, sondern häufig schon viele Jahre davor. Dem Partner wegen seiner zunehmenden geistigen Einschränkungen nicht mehr auf Augenhöhe begegnen zu können, tut sehr weh. „Mutter ist wieder in Kindheit“ bringt es ein Mann in der Gruppe auf norddeutsch auf den Punkt. Nichtbetroffene können sich kaum vorstellen, welche Mühe es kostet und wie unendlich lange es dauert, bis ein an Demenz erkrankter und/oder körperlich stark eingeschränkter Mensch ausgehfertig ist. Nichts ist selbstverständlich oder geht von allein. Es braucht ein gerüttelt Maß an Geduld, Ausdauer und Leidensfähigkeit, um zum hundertsten Mal zu erklären, in welchem Bett heute geschlafen wird , dass das Haus genau jenes ist, in dem die Familie seit zwanzig Jahren wohnt, das Licht nachts angelassen wird und … „ ja, natürlich bleibe ich bei dir - wie jeden Tag!“

Spontane Unternehmungen bekommen so den Charakter der Unmöglichkeit, ein geplanter und durchstrukturierter Alltag ist notwendig, um „alles zu schaffen.“ Überraschungsbesuch, obwohl er gut täte, kann so leicht zur Belastung statt zur Freude geraten. Die Balance zu halten zwischen den berechtigten Anliegen der zu pflegenden Angehörigen und den nicht weniger wichtigen eigenen Bedürfnissen, das ist die tägliche große Herausforderung, die pflegende Menschen zu meistern haben, an der sie wachsen, aber auch zerbrechen können und bei deren Bewältigung ihnen die Gruppe zur Seite stehen will.

Gruppen für pflegende u. betreuende Angehörige:
Kontaktstelle PflegeEngagement, Tel.: 85 99 51- 25, Anmeldung erbeten – Änderungen möglich
Jeder  4. Montag im Monat, 14.00 – 15.30h

Haltestelle Diakonie, Götzstr. 24 e, 12099 Berlin,
Ltg.: Sibylle Schuchardt, Jeden 3. Dienstag im Monat, 10.00 - 12.00h
im Nachbarschaftsheim Schöneberg
Jeden 3. Dienstag im Monat, 15.30 - 17.30h Kiezoase, Barbarossastr.65, 10781 Berlin, Ltg.: Frau Kääriänen-Marquardt

Jeden 2. Mittwoch im Monat, 14.00 -15-30h
Mietertreff Lichtenrade im EG, Nahariyastr.36, 123 Berlin / Kooperation Wohnungsbaugenoss. IDEAL

Sibylle Schuchardt

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