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Ordentlich, aber mit Herz!

Von Maria Schinnen. Warum ist Friedenau so beliebt? Das interessierte den Friedenauer Lokalanzeiger in einem Artikel vom 3. Oktober 1905. Seine Antwort: Es ist der Drang des Deutschen nach dem Westen.
Quelle: Archiv Verlag friedenauer brücke

Schon die Völkerwanderung vor 1.500 Jahren zeigte diese stille Sehnsucht. Amerika war lange ein beliebtes Auswanderungsziel. Auch den Berliner erfasste dieser Drang und er pilgerte vor mehr als 30 Jahren in den Westen seiner Vaterstadt. Denn hier war „Jejend, nischt wie Jejend“: Sandige Feldwege, Gräben, Getreidefelder, Kartoffeläcker und Wiesen mit Schafherden, die gesunde Milch und Käse versprachen. Die Jejend gehörte dem verarmten Rittergut Deutsch-Wilmersdorf und war damals billig zu haben. Das nutzte der Hamburger Kaufmann und Großgrundbesitzer Johann Anton Wilhelm von Carstenn, kaufte 1869 das platte Land und plante eine Landhauskolonie nach englischem Stil für „Beamte, Pensionierte, Lehrer, Künstler, Literaten und alle, deren Einkommen nicht so rasch und in gleichem Maße als die Wohnungsmieten steigt". Einzige Verpflichtung: keine Fabriken, hochstöckige Wohnhäuser und Proletarierwohnungen. Baumeister Oetzen übernahm die Planung und entwarf eine symmetrische Figur, die Carstenn-Figur, mit einer Spiegelachse in nord-südlicher Richtung in Form einer Prachtstraße, der Kaiserstraße (heute Bundesallee), einem ovalen Anger im Zentrum, dem Friedrich-Wilhelm-Platz, wo sich die Bewohner „treffen und zusammenraufen“ sollten, und ein ordentlich angelegtes Straßensystem mit Hufeisen und quer laufenden Seitenstraßen, die symmetrisch an vier Stellen Schmuckplätze erhielten. Baumalleen, Vor- und Hintergärten sollten das Flair der idyllischen Gartenstadt prägen.

Doch Herr Carstenn hatte Pech. Mit seinem Lichterfelde-Projekt, wo er bereits eine Villenkolonie gebaut hatte, verschuldete er sich und musste wieder zu Geld kommen. Die Gelegenheit ergab sich, als im Mai 1871 der Deutsch-Französischem Krieg endete, das Kaiserreich gegründet wurde und tausende Arbeits- und Glückssucher in die neue Hauptstadt Berlin zogen. Die Wohnungsnot wurde unerträglich, Spekulanten nutzten das Elend und gründeten zahlreiche Baugesellschaften, unter anderem den “Landerwerb- und Bauverein auf Aktien“. Ihrem Mitbegründer und Direktor, Baumeister Born, bot Herr Carstenn das Deutsch-Wilmerdorfer Gelände zu einem günstigen Preis an. Dieser schaltete sofort eine Anzeige in der Vossischen Zeitung und offerierte potentiellen Neuaktionären günstige Hypotheken für den Bau eines eigenen Hauses nebst Garten bei insgesamt nicht höheren Kosten als der jetzt zu zahlenden Jahresmiete in Berlin. In 15-20 Jahren solle man schuldenfrei sein. Die Vorstellung, die lärmende, schmutzige Großstadt zu verlassen und stattdessen Stille, frische Landluft und die eigene Scholle zu genießen, war für viele ein Traum. Pläne wurden ausgelegt, viele kamen und kauften. Anschließend wollten sie ihren Besitz besichtigen. Doch außer Fernblick und Getreidefeldern war nicht viel zu sehen. Erst nach der Ernte konnte man sein stoppeliges Grundstück betreten und umzäunen. 1872 waren die ersten 12 Landhausvillen zwischen Kaisereiche und Ringstraße (heute Dickhardtstraße) bezugsfertig, 43 in Planung. Alle zwei Jahre verdoppelten sich die Haushalte. Wie vorgeschrieben hatten sie einen Vorgarten und hinteren Hausgarten für die Selbstversorgung. Nebst Obst und Gemüse hielten manche auch Hühner, die nicht immer ihre Umzäunung achteten und in fremden Gärten pickten. Eine Anekdote erzählt, wie die Nachbarin des Hühnerbesitzers Koppe aus der Rhein-/ Ringstraße (Dickhardtstraße) die Hühner einfing, ihnen die Hälse umdrehte und sich Braten aus ihnen machte. Wütend verfasste Herr Koppe rote Zettel, auf denen er vor der Nachbarin und der Hühnerhaltung warnte. Giftzwerge in der Friedens-Au.

Auch sonst gab es manch Schlamassel: Bei Regen watete man durch Matsch, in der Nacht tastete man sich durch die Dunkelheit, die Brunnen gaben nicht immer sauberes Wasser, Kaufläden, Bäcker und Schlächter fehlten. 1873 ging es dann aber Schlag auf Schlag: Es wurde gepflastert, 54 Petroleumlaternen installiert, ein bewaffneter Nachtwächter eingestellt, eine Pflichtfeuerwehr unter den männlichen Bewohnern organisiert, Notpfeifen für die Nacht verteilt, eine Postagentur und eine private Volksschule eröffnet, ein Omnibusverkehr des Fuhrunternehmers Rockel von und nach Berlin eingerichtet, der sich seine Ruckelei allerdings gut bezahlen ließ. Um sich bei Laune zu halten, gründete die Bevölkerung Vereine: zunächst 1872 der „Gesellige Verein“, der sich in Rockels Kaiser-Wilhelm-Garten an der Rhein-/Ecke Ringstraße (heute Dickhartstraße) traf und Freud und Leid, Klatsch und Tratsch miteinander teilte. Hinzu gesellten sich die „Freie Vereinigung“, der Verschönerungsverein, die Liedertafel, die Schützengilde, ein Männer-Turnverein und der Kegelverein „Glatte Bahn“.

1874 erstritten die selbstbewussten Friedenauer einen zusätzlichen Halt der Berlin-Potsdamer Eisenbahn und sorgten für ein Wartehäuschen. Stündlich fuhr hier ein Zug ab, so dass man nicht mehr auf den zuckelnden Omnibus angewiesen war.

Nach so viel Infrastruktur und einer überzeugenden Selbstverwaltung erfolgte am 9. November 1874 durch „Allerhöchsten Erlass seiner Majestät“ die Genehmigung der Selbstständigkeit. Die Landgemeinde Friedenau gehörte nun zum Landkreis Teltow und hatte (inklusive der Dienstmädchen) bereits 1.145 Einwohner in 76 Häusern. Die Brüder Georg und Albert Roenneberg waren die ersten Gemeindevorsteher. Im Gasthaus Rockel gab es Bälle und Abendtische. Gemeinschaftlich feierte man Kaisers Geburtstag mit schulfrei und ordentlich gebügelten Fahnen in den Fenstern. 1879 wurde ihm zu Ehren eine Eiche auf dem halbkreisförmigen Schmuckplatz „Rondell“ (heute Kaisereiche) gepflanzt, die allerdings „von frevelnder Hand“ abgeschnitten und als „Friedenseiche“ neu gepflanzt wurde. 1881 fand der erste Wochenmarkt statt. Eine Gasanstalt konnten die Friedenauer erfolgreich abwehren und bauten stattdessen auf dem Gelände des heutigen Wagnerviertels das erste Berliner Stadion, ein Sportpark mit einer 500-Meter-Bahn für Fahrradrennen, Schießständen, Tennisplätzen, Turnplatz, Fechthalle, Restaurants und 20.000 Zuschauerplätzen. Hier drehte man auch einen der ersten Stummfilme.

Die „grüne Lunge“ Friedenau wuchs weiter und erhielt immer mehr Annehmlichkeiten: Dampfstraßenbahnen, Gasbeleuchtung, Wasserleitungen, Entwässerungsanlagen, Schulen, ein Friedhof, die Kirche „Zum Guten Hirten“, eine Ortskrankenkasse, eine Cholerabaracke, ein Rathaus.  

Mit dem Komfort wuchs auch die Einwohnerzahl. Auf Drängen der Spekulanten genehmigte man 1887 die ersten Mietshäuser mit Stuckdekor an den Fassaden, Erkern, Balkonen, Loggien. Die Wohnungen waren groß, bekamen teilweise Personenaufzüge für die „Herrschaft“, einen hinteren Dienstbotenaufgang vom Hof zur Küche, eine Dienstmädchenkammer, eine Klingelanlage, mit der das Dienstmädchen in jeden Raum gerufen werden konnte und das typische „Berliner Zimmer“, einen zentralen großen Durchgangsraum mit Fenster zum Hof, das die Räume im Vorderhaus mit denen der Seitenflügel verband. Künstler, Redakteure, Architekten, ehemalige königliche Beamte, Geheimräte, Kanzleisekretäre und Exzellenzen begegneten sich auf den Straßen, „Gestalten mit chronisch entrüstetem Gesichtsausdruck über Bärten, die etwas Pensioniertes, etwas von Restbestand haben … begleitet von ihren Gattinnen, würdigen Matronen, die oft richtige Federn auf dem Hut haben … Man sollte glauben, dass sie in ihrem traulichen Heim lieblicher werden müssten, als sie es sind. Nun, wir wollen für ihre Kinder hoffen …“ *

* Aus Franz Hessel: Spazieren in Berlin, Beobachtungen von 1929

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