Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.08.2016

Oma Anni und das Freigehege

Wahlen 2016 in Berlin - Wahlplakate in Friedenau

Fotos: Thomas Protz

Ach, wie gedankenlos waren doch die Propagandisten der Französischen Revolution, als sie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen schrieben, um ihre Ziele zu beschreiben. Denn Gleichheit kann nur dort herrschen, wo Freiheit deswegen eingeschränkt wird, und Freiheit gibt es nur dort, wo Ungleichheit zugelassen wird. Brüderlichkeit verhindert zudem sowohl Freiheit als auch Gleichheit, denn Brüder haben keine Wahlfreiheit, sondern müssen die Gleichheit nicht verwandten Gesellschaftsmitgliedern verweigern. Und wo die Schwestern bleiben, weiß da ohnehin nur der Kuckuck.

Guter Rat ist also teuer, wenn die heutigen Parteien in bildkräftigen Aussagen kenntlich machen sollen, wofür sie stehen. Die großen Losungen sind dabei wegen ihrer Widersprüchlichkeit nur wenig hilfreich. Und doch tauchen sie im Westentaschenformat auch im aktuellen Wahlkampf wieder auf. Die Suche der Parteien nach Profil und Alleinstellungsmerkmalen bleibt jedoch risikobehaftet, wie ein Spaziergang durch den Friedenauer Wald der Plakataussagen zeigt.

Dieses Mal wurde Die Linke das erste Opfer im Kampf um die Deutungshoheit über ein Thema. Diese Partei hatte auf ihrem Plakat eine freundlich aus dem Fenster lächelnde „Oma Anni“ gezeigt, die ihre Wohnung gegen Verdrängung wegen nicht bezahlbarer Mieterhöhung mit der vom Parteilogo der Linken gestempelten Aussage verteidigt: „Oma Anni bleibt!“ Doch schade nur, dass ein findiger Reporter die Oma Anni aufgespürt und ihr die Aussage entlockt hat, dass sie der Plakataktion zwar zugestimmt habe, doch eigentlich, wie immer schon, lieber die SPD wähle. Worauf im Internet ein Kampf zwischen Linken und SPD um die Themenführerschaft entbrannte. Den geschichtsbewussten Betrachter erinnert das allerdings an die verflossene DDR, wo solche Vereinnahmungen durch die allwissende SED zum Alltag gehörten.

Was aber haben sich die übriggebliebenen Piraten bloß dabei gedacht, als sie sich dazu entschlossen, ihre Plakate mit punkschwarz gestylten Jugendlichen auszustaffieren? Im irren Glück pubertärer Realitätsverweigerung freut sich da einer über den plakatierten Anwurf: „SO kannste doch nich zur Arbeit. “Und zum gewohnt schwarzhumorig schaukelnden Piratenlogo empfiehlt die Partei: „Deswegen Bedingungsloses Grundeinkommen für Alle:“ Soll sich der Betrachter etwa sagen: Mensch, du brauchst nicht mehr zu arbeiten, wähle einfach die Piraten?

Da kommen die Grünen schon deutlich vernunftgeleiteter daher. Ganz im Zeitgeschmack heißt es da etwa: „Dein Gott? Dein Sex? Dein Ding!“ Aber auf einem anderen Plakat schleicht sich dann doch unversehens die paternalistisch-maternalistische Doppelspitze nach vorne: „Freilandhaltung auch für Großstadtmenschen!“ Sollen wir etwa zu Kuschelküken tierliebender Übereltern werden? Rundum sorglos gestellt durch Übergabe der Verantwortung an grünholde Heger und Pfleger? Abgeschirmt von den Gefahren der Welt durch einen harmlosen Maschenzaun am Ende der Grünzone? Doch halt: Da hängt ja in der Schmiljanstraße tatsächlich das Bild eines Grünen in beschlipstem Weißhemd, das Jakett am Fingerhaken locker über die linke Schulter gehängt, anzusehen wie ein Bankangestellter auf dem Weg zum Mittagstisch. Und richtig, es ist der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bezirksparlament. Dort hat er auch bei den Gegnern das Ansehen eines Debattenredners, der die Zusammenhänge aufzeigt und rechnen kann.

Sehen wir trotzdem mal bei der FDP nach, denn liberalem Denken ist ja von alters her staatliche Bevormundung ein Gräuel. Und richtig, wir haben uns nicht getäuscht. Wir stehen am Friedrich-Wilhelm-Platz und entdecken auf dem Mittelstreifen der Bundesallee auf einem der riesigen Stellschilder den Berliner Vorsitzenden der Partei. Er blickt von dort über die rechte Schulter des Betrachters hinweg in einen fernen Himmel, während im Bildhintergrund, von links unten nach rechts oben, eine undefinierbare Teilchen-Wolke mit explosionsartiger Geschwindigkeit ebenfalls dem Himmel zustrebt. In dieser Richtung muss etwas Faszinierendes verborgen sein, denn der abgebildete Kandidat ist als einziger Wahlbewerber nicht fotografiert, sondern in angedeutet kubistischer Manier gemalt, so dass in seinem Gesicht die teilchenbeschleunigte Zukunft bereits Gestalt anzunehmen scheint. Dazu lesen wir: „Riskieren wir, dass etwas funktionieren könnte.“

Ganz anders die SPD. Sie hält in Berlin augenscheinlich gar nichts mehr von Visionen. Ihr unvergessener Bundeslenker Helmut Schmidt hatte schließlich auch empfohlen, wer Visionen habe, sollte zum Arzt gehen. Die Berliner Partei scheint sich das zu Herzen genommen zu haben. Denn all ihre Kandidaten kommen im unscheinbaren Arbeitsmodus ins Bild. Das reicht von der rührigen Fünfer-Bande um die BVV-Aktiven über die Bezirksbürgermeisterin sowie die Senatorin Dilek Kolat als der gewählten Wahlkreisabgeordneten bis zum Regierenden höchstselbst, der auf den großen Stellschildern als Zuhörender im Hintergrund des Geschehens gezeigt wird. Auf den Plakaten an den Laternen kommt er gar noch schlichter daher, als zuverlässiger Handwerksmeister, der auf seinen Reparaturauftrag wartet.

Die CDU setzt anscheinend ganz auf Sieg. Nicht im Land, sondern im Bezirk. Sie rückt ihre amtierende Bildungsstadträtin ins Zentrum und zeigt sie auf einer der großen Stelltafeln auf dem Mittelstreifen, wie sie im Kreise von Mitwettern auf der Mariendorfer Trabrennbahn in Jubel ausbricht, weil sie anscheinend auf den siegreich aus dem Bild fahrenden Traber gesetzt hat. Mit gleicher Leidenschaft würde sie als Bürgermeisterin den Bezirk voranbringen, ist da zu lesen. Doch was sagen uns die gewählten Bildzeichen? Ist das Traben nicht eine dem Pferd antrainierte und daher unnatürliche Gangart? Soll es mithilfe der CDU in Zukunft bei uns also disziplinierter zugehen? Am linken Bildrand lehnt schräg das Wappen des Bezirks, nur ohne die Mauerkrone, als Ritterschild, Hirsch und Kreuz, schwarz auf weiß. Das waren die Farben Preußens.

Wahl-Empfehlung

Am Ende unserer kleinen Bilderreise durch den Wahlkampf sei hier auf zwei Möglichkeiten hingewiesen, wie man im Internet auf einfache Weise ermitteln kann, welche Partei die größte Übereinstimmung mit den eigenen Vorstellungen zeigt. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat zur Abgeordnetenhauswahl allen 21 Parteien 38 Thesen zur Landespolitik vorgelegt, die auch alle beantwortet wurden. Indem man selbst diesen Thesen zustimmt, nicht zustimmt oder neutral bleibt, kann der Grad der Übereinstimmung ermittelt werden und wird in Prozentwerten mitgeteilt.

Außerdem hat der Tagesspiegel den Parteien pro Bezirk zehn Thesen zur Bezirkspolitik vorgelegt. Auch hier besteht für jeden Interessierten die Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen mit den Vorschlägen der Parteien zu vergleichen. In beiden Angeboten sind zudem die Begründungen der Parteien zu ihren Positionen abrufbar.

Abgeordnetenhauswahl: Wahl-O-Mat Berlin
BVV: Bezirk-O-Mat Berlin

Ottmar Fischer

 

 

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