Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.11.2011 / Projekte und Initiativen

November ist vergangen

Der Weihnachtsbaum auf dem Breslauer Platz steht wieder. Dank zahlreicher Spenden aus der Bevölkerung konnten auch die Verluste an Baumschmuck ersetzt werden, die im letzten Jahr nach dem Abhängen der Wunschkarten durch Unbekannte entstanden waren. Wenn Sie wissen wollen, was Friedenauer Kinderherzen bewegt, so treten Sie näher heran an diesen Baum der Hoffnung. Es hängen auch in diesem Jahr wieder die in der Fläming-Schule mit Schrift und Bild versehenen Kinderwünsche am Baum. Der Glanz dieses Baumes sagt uns an: November ist vergangen
Foto: Ottmar Fischer
Foto: Thomas Protz

Nachdem geerntet ist, vergilbt das Übriggebliebene überall. Die Fruchtstände behaupten das mögliche Weiterleben an entfärbten Halmen und Zweigen. Etliches liegt am Boden. Denn die tolle Griet rast über den wolkenschweren Himmel, Hackelbergs wilde Schar streift die knackenden Bäume, und jetzt stürmen auch die Hexen zur Beschwörung des Abbruchs auf den Blocksberg. In einer solchen Zeit kurzer Tage und langer Nächte erschrickt die Seele der Menschen und ruft nach dem Heilebart.
Das Erleben des Stillstands nach der Ernte lenkte zu allen Zeiten den Blick der Menschen auch auf die Verstorbenen. Und so wie die Natur durch rituelle Handlungen dazu aufgefordert wurde, nicht für immer ihre Gaben zu entziehen, so sollten auch die Geister der Ahnen beschworen werden, den Hinterbliebenen nicht ihr Wohlwollen zu entziehen. Die römisch-katholische Kirche gedenkt zu Allerseelen am 2. November der Toten.  Bei unseren Vorfahren aber hatte dieses Gedenken nicht nur den Zweck einer Ehrung, sondern auch den einer Besänftigung. Denn wohlbekannt war im ganzen Land, dass die Seelen der Verstorbenen imstande waren, ihren Gräbern zu entsteigen, mit heulendem Rufen in die Behausungen der Menschen zu fahren und die Begleichung alter Schuld einzuklagen.

Das alte Lied
Im Harzvorland wurde noch im Jahre 1910 von einem Brunnen erzählt, der als einziges Stück von einem einst blühenden Dorf übriggeblieben war. Bauer Solf erzählte davon so:
„Auf dem Rande des Brunnens sitzt jede Nacht ein in lange, weiße Laken gehülltes Gerippe. Es hält in seinen Knochenhänden einen bis zum Überlaufen gefüllten Krug. Wer aus diesem Krug zu trinken wagt, erlöst das wegen Brudermordes verdammte Gespenst und gewinnt die Schätze, die auf dem Grunde des Brunnens schimmern und flimmern. Aber obwohl die Schätze und der Gedanke locken, einer armen Seele die ewige Ruhe geben zu können, hat noch niemand das Wagestück ausführen mögen. So wird das Knochengespenst wohl bis zum jüngsten Tage spuken müssen.“

Wie wir seit Sigmund Freud wissen, kann ein kundiger und geduldiger Gesprächspartner jedoch durchaus einen solchen Spuk beenden. Und zwar, indem er die reale Ursache dieser Seelenqual in gemeinsamer Anstrengung mit dem Erzählenden aus dem Unbewussten ins Bewusstsein hebt. In diesem Spukfall ist die Ursache sogar schon benannt. Zu klären bliebe da nur noch die Frage, wer der Mörder war, wer das Opfer und wer warum diese Geschichte eigentlich erzählt?

Das neue Lied
Weil seit dem Siegeszug der Psychoanalyse solche Spukgestalten immer mehr aus dem Volks-glauben herausfallen, und insgesamt auch die religiösen Bräuche heutzutage auf schwankendem Boden stehen, hat sich das Toten-gedenken an Allerseelen unter der Bezeichnung Halloween, was das Gespenstische betrifft, einen neuen Raum geschaffen. Und da-bei sind die alten Spukgeschichten  zur Sache der Kinder geworden.
Halloween (All Hailows Eve = Vorabend von Allerheiligen) wurde zunächst vor allem im katholischen Irland gefeiert. Die entsprechenden Bräuche kamen mit den irischen Einwanderern nach Amerika, veränderten sich dort und kamen seit den 90er Jahren nach Europa zurück. Auch hier erfuhren sie verschiedene Anpassungen, so dass man bei uns in Friedenau zwar auch heute die ersten Aktivisten bereits am Vorabend von Allerseelen antreffen kann, andere aber den Karnevalsbeginn bevorzugen.

Am Martinstag wird eigentlich jenes römischen Hauptmanns gedacht, der vor mehr als 1500 Jahren in der Provinz Gallien am nächtlichen Lagerfeuer seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Der 11. November ist seither der Tag des Teilens, auch im Wirtschaftsleben. Nicht nur die Deputate, Abgaben und Zinsen wurden am Martinstag entrichtet. Auch die Beschäftigungsverhältnisse endeten mit dem Teilen der landwirtschaftlichen Erträge und wurden für das kommende Jahr neu verabredet. Heute aber ziehen die Friedenauer Kinder am Martinstag mit ihren Laternen von der katholischen Marienkirche unter Bläserklang und Gesang zur evangelischen Kirche Zum Guten Hirten, erleben unterwegs den Hauptmann Martin zu Pferde, der übrigens heutzutage von einem Mädchen dargestellt  wird, verfolgen das Teilen des Mantels am Lagerfeuer, und erfreuen sich schließlich der Lichter ihrer Laternen bei gelöschtem elektrischen Licht in der Kirche: „Dort oben da leuchten die Sterne, und unten da leuchten wir.“
Doch kaum hat  der Lindwurm aus Hunderten von Kindern nach dem Ablegen der Geschenke für ärmere Kinder am Altar die Kirche wieder verlassen, und sich in heimkehrende Einzellichter aufgeteilt, so gibt es in den Friedenauer Straßen einen Szenenwechsel: Aus den Häusern treten nun in kleinen Gruppen schon schulfähige Kinder hervor und begeben sich auf einen Zug des Teilens von ganz anderer Art.

Sie lieben den Schabernack und das Erschrecken, heulen in der Nachfolge der alten Gespenster, sind mitunter zwar in klassischen weißen, lieber aber noch in dunklen Umhängen und Verkleidungen unterwegs, zeigen mitunter wohl auch ein aufgemaltes Gerippe, schätzen aber vielmehr noch hingebungsvoll geschminkte Gesichter. Manche tragen lieber Masken, selbst der Zauberhut fehlt nicht. Manche auch strapazieren die Geduld der Spender.
Dieser Schwarm frischen Kindermutes klingelt an den Haustüren, wagt sich vor in die Läden, und schreckt auch vor Gaststätten nicht zurück. Und viele Friedenauer haben sich inzwischen an diese gern gesehene Erscheinung gewöhnt, halten Süßigkeiten bereit und verlangen auch schon mal den Vortrag eines kleinen Gedichts, was aber oft Ratlosigkeit zur Folge hat. Werden sie nach ihrem Begehr gefragt, so antworten die Kinder im Gleich-klang ihrer hellen Stimmen: „Gib Süßes, sonst gibt´s Saures!“

Doch November ist vergangen. Nun ruft der Friedenauer Weihnachtsbaum.

Ottmar Fischer

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