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12.09.2021

Notgeld

Von Maria Schinnen. Vor dem Ersten Weltkrieg zahlten Hausfrauen ihre Einkäufe in der Regel mit Münzen. Geldscheine verwendeten sie nur für größere Beträge. Nachdem der Krieg begonnen hatte, gingen sie dazu über, auch kleinere Beträge mit Geldscheinen zu zahlen und sich das Rückgeld in Münzen geben zu lassen. Doch immer häufiger passierte es, dass die Händler kein Kleingeld mehr hatten. Was war geschehen?

50-Pfennig-Geldscheine als Politwerbung zur Gründung Groß-Berlins 1921

Das Kaiserreich hatte die „Mark“ als gemeinsame Währung eingeführt. Um ihren Wert stabil zu halten, legte das Münzgesetz von 1873 für die 5-, 10- und 20- Mark-Münzen einen bestimmten Goldgehalt fest. Die Menge des enthaltenen Goldes entsprach dem Wert jeder Münze. Neben der „Goldmark“ gab es auch Silbermünzen zu 1, 2, 3 und 5 Mark mit einem festgelegten Silbergehalt, außerdem die Kleingeld-Münzen zu 1, 2, 5, 10, 20 und 25 Pfennig aus Kupfer- oder Nickellegierungen. Zusätzlich zu den Goldmünzen gaben die Banken „Reichskassenscheine“ als Staatspapiergeld von 20 Mark aufwärts heraus. Auch sie waren durch die entsprechende Goldmenge abgesichert. Der Staat durfte Banknoten nur im Gesamtwert der vorhandenen Goldmenge drucken lassen. Es bestand sogar die Garantie, jede Banknote zu einem festen Wechselkurs in Goldmark umtauschen zu können (Zwangskurs). Aufgrund dieser Garantie gewöhnte sich die Bevölkerung zunehmend an die papierenen Banknoten und vertraute ihnen wie den Goldmünzen selbst. Ab 1900 versuchte die Regierung, den Goldschatz in ihren Tresoren zu vergrößern, um im Falle eines Krieges Rohstoffe und Waren aus dem Ausland mit „Barem“, also Goldbarren oder Goldmünzen bezahlen zu können. Daher versuchte man, die im Umlauf befindlichen Goldmünzen einzukassieren und sie durch Geldscheine zu ersetzen.

Dann begann der Erste Weltkrieg. Um ihn zu finanzieren, sah sich die Reichsregierung gezwungen, ihre Goldreserven anzutasten. Daher hob sie die gesetzliche Pflicht, Banknoten in Goldmark umzutauschen, auf. Die papierenen Banknoten waren nun nicht mehr durch Gold abgesichert. Es wurden auch keine neuen Goldmünzen mehr geprägt und in Umlauf gebracht. Ihr Bestand ging rapide zurück, und die Bevölkerung fing an, die noch vorhandenen Goldmünzen zu horten. Nicht lange danach hortete man auch die Silbermünzen, denn Silber hatte im Vergleich zu Papiergeld immer noch einen deutlich höheren Materialwert. 1915/16 stellte das Reich auch die Prägung von Kleingeld ein, denn Kupfer- und Nickel wurden nun für die Herstellung von Waffen und Munition gebraucht. Folglich horteten Bevölkerung, Stadtverwaltungen und Behörden, das Kleingeld in Millionenhöhe. So entstand ein zunehmender Mangel an Kleingeld. Daran änderte auch der erhobene Zeigefinger des Friedenauer Lokalanzeigers vom 28. März 1917 nichts: „Um den in jetziger Zeit äußerst bedenklichen Übelstande zu begegnen, wird die Bürgerschaft gebeten, die schädliche Gewohnheit, Münzgeld zurückzuhalten und Papiergeld abzustoßen, sowie überhaupt ziel- und zwecklos Barbestände anzusammeln, aufzugeben. Wer unnötig Hartgeld ansammelt, gibt zu Stockungen im Geldverkehr Anlass und versündigt sich dadurch am Vaterlande!“

Besonders betroffen von der Kleingeldnot waren die Ladengeschäfte. Anfangs behalfen sie sich mit einem Gutschein auf die Restsumme. Der Gutschein war ein Stück weißes oder buntes Kartonpapier, auf dem handschriftlich die Restgeldsumme notiert und auf der anderen Seite mit der Unterschrift oder dem Firmenstempel des Geschäftsinhabers quittiert wurde. Der Kunde konnte die Gutschrift beim nächsten Einkauf wieder in Zahlung geben. Allerdings lehnte die Laufkundschaft, die nicht regelmäßig in einem bestimmten Geschäft  einkaufte, einen solchen Gutschein ab. Daher boten viele Händler auch Briefmarken als Kleingeldersatz an. Wenn die losen Marken aber einige Male ihren Besitzer gewechselt hatten, waren sie verschmutzt und klebten nicht mehr. Folglich verweigerten viele Kunden auch die Briefmarken als Restgeld. Die Berliner Hochbahngesellschaft steckte die Briefmarken fortan in saubere Papiertäschchen und nahm sie nicht wieder in Zahlung. Der Kunde musste sie zum Frankieren seiner Briefe verwenden. Da die Not aber auch damit nicht behoben wurde, kamen clevere Reklamefirmen auf die Idee, Kapselmarken herzustellen. Sie bestanden aus einer bunten Papier-, Aluminium- oder Eisenblechscheibe, auf die eine Briefmarke geklebt und mit einer durchsichtigen Zelluloidscheibe umhüllt war. Der Handel konnte die Kapselmarken kostenlos erhalten, da die Firmen die Herstellungskosten durch aufgedruckte Werbung auf der „freien“ Seite der Briefmarke ausglichen. Diese Kapselmarken waren in ganz Deutschland gültig. Zusätzlich entwickelten alle großen Industrieunternehmen, Handwerkbetriebe, die großen Warenhäuser wie Wertheim, Tietz, Jandorf und KADEWE sowie die Berliner Konsumgenossenschaft eigene Notgeldmarken für den Gebrauch in den firmeneigenen Häusern. Auch Speise- und Anrechtsmarken für Kantinen wurden ausgegeben. Im Laufe des Ersten Weltkrieges wurde die Menge der Ersatzmünzen schier unüberschaubar. Allein in Berlin gaben 75 verschiedene Unternehmen eigene Münzen mit verschiedenen Nennwerten heraus. Sie bestanden meist aus Zink, manchmal Eisen, seltener Aluminium, Kupfer, Messing, Steinzeug. Alle unterschieden sich in Größe, Form, Design. Die Reichsverwaltung tolerierte die Notbehelfe, ohne sie offiziell zu legitimieren. Rechtlich handelte es sich deshalb nicht um Geld, sondern um Marken.

Erst im Oktober 1918 ließ der Berliner Magistrat eigenes Notgeld, die „Stadtkassenscheine“ drucken.  Am 5. November 1918 klärte der Friedenauer Lokalanzeiger die Bevölkerung über deren Gültigkeit in den Vororten auf.  Doch schon Anfang 1919 wurden die 5- und 20-Mark-Stadtkassenscheine wieder eingezogen, da sie leicht zu fälschen waren.

Anlässlich der Gründung Groß-Berlins entschied sich der Senat zu einem Werbegag. Im September 1921 kam eine Notgeldserie von 50-Pfennig-Stadtkassenscheinen heraus. Eine Serie bestand aus 20 verschiedenen Scheinen, jeder mit einer alten Stadt- oder Dorfansicht eines Bezirkes versehen. Die ausgewählten Motive sollten den Alt- und Neuberlinern die 20 neu entstandenen Bezirke in ihrer Einzigartigkeit und Vielfalt vorstellen. Sie wurden eingeladen, sie wie einen Reiseführer zu nutzen und ihre neue Metropole kennen zu lernen: „Mit zehn Mark durch Groß-Berlin! Packen Sie sich die Taschen voller 50-Pfennig-Scheine und gehen Sie auf die Reise durch die Stadt.“ Die Erlebnistour sollte helfen, sich mit den geschichtlichen Ursprüngen der eingemeindeten Dörfer und Städte zu beschäftigen. Die Berliner schienen fleißig Gebrauch davon zu machen, und die Notgeldserie wurde zu einem beliebten Sammelobjekt. Bald schon machte der Beginn der Inflation jegliches Kleingeld überflüssig. Gebraucht wurden immer größere Beträge, Tausender-, Millionen-, Milliarden-, Billionenscheine. 1923 wurde die Rentenmark eingeführt und ab diesem Zeitraum wieder neues Münzgeld in Umlauf gebracht.

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