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01.04.2018 / Projekte und Initiativen

Nomozentrische Störenfriede

(Friedrich der Große und Benjamin Franklin 1785)
Handelsvertrag 1785. Quelle: Geheimes Staatsarchiv Berlin

Handelskrieg 2018? Protektionismus, also Handelsbeschränkungen, Strafzölle, Export- und Importkontingente, all dies hat der „first man“ der USA nunmehr eigenmächtig auf die Staatsflagge geschrieben. Vorerst sollen Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren gelten. Selbst zahlreichen Republikanern ist das zuviel. Die Welt betrachtet diese Aktionen als Angriff auf den globalen freien Welthandel. Ökonomen warnen vor negativen Folgen für alle Handelsbeteiligten, also auch für die USA und ihre Bürger. Die EU hält zunächst mit starken Worten dagegen: Strafzölle auf Kentucky-Whiskey, Erdnussbutter, Harley-Davidson Motorräder und andere US-typische Produkte sollen im Falle eines Falles den amerikanischen Nerv empfindlich treffen. Aber das kann nicht die Konfliktlösung sein!
Gegenwärtig laufen noch nicht abgeschlossene Gespräche zwischen Vertretern der USA und der EU über die endgültige Einführung der Strafzölle. Letzte Meldung am 22.3.2018: Die Strafzölle gegen die EU sind dank gemeinschaftlichen Auftretens vorerst bis Mai 2018 ausgesetzt.
Globalisierung 1785? Wie klug und weise war doch in diesem Jahr Friedrich II,  der Entwässerer des Oderbruchs, Philosoph von Potsdam, Erbauer des Schlosses Sanssouci und nomozentrischer preußischer Störenfried des Welthandels, als er nach mehrjährigen Verhandlungen einen nahezu revolutionären Freundschafts- und Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten unter der Federführung von Benjamin Franklin schloss.
Der Philosoph Dieter Thoma definierte im Tagesspiegel vom 4.  März 2018 egozentrische, exzentrische und nomozentrische Störenfriede: „…Dann gibt es jene, die den Aufstand wagen, um eine neue Ordnung zu etablieren, die 68er etwa mit dem Marsch durch die Institutionen. In Anlehnung an das griechische Wort für Gesetz – nomos – spreche ich von nomozentrischen Störenfrieden.“ Deren Ziel ist es also, unter Einhaltung der gültigen Gesetze das gesellschaftliche Ordnungssystem zu hinterfragen und neuartige, zeitgemäße  Organisationsstrukturen zu etablieren.
Im 18. Jahrhundert begann weltweit eine wirtschaftliche Entwicklungsphase hin zum ökonomischen Liberalismus und Anfängen einer Globalisierung des Handels, gewissermaßen eine Störung der bisherigen Handelsprizipien zum Zweck einer produktiven Neuordnung des Welthandels.
So wurde am 10. September 1785 im friederizianischen Berlin dieser Freundschafts-, Friedens- und Handelsvertrag zwischen Preußen und den inzwischen von den Kolonialmächten Frankreich und England unabhängigen USA ratifiziert, der von George Washington als „der freisinnigste Vertrag, der je von unabhängigen Mächten geschlossen wurde“, gewürdigt wurde. Im Ausstellungskatalog des Geheimen Staatsarchivs zu Berlin, entstanden anlässlich des 200. Todestages von Friedrich II, Berlin 1986, ist auf Seite 313 zu lesen: „Das Vertragswerk regelte den gegenseitigen Handel nach dem Freihandelsprinzip und durchbrach die merkantilistischen Grundsätze des alternden Königs. Preußen wünschte damals Tabak, Reis, Indigo und Waltran einzuführen und Porzellan, Eisenwaren, Leinwand, Tuche und Wollwaren abzusetzen. Der von John Adams, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson abgeschlossene Vertrag setzte das Ziel der Freundschaft und des Friedens zwischen Preußen und den USA, verbürgte den Bewohnern beider Länder Gewissens- und Religionsfreiheit, beseitigte das Strandrecht und verbürgte in Kriegsfällen den ungestörten Handel mit der jeweils feindlichen Macht“. Anmerkung: Das Strandrecht ist ein ehemals heidnischer Brauch, wonach das Strandgut dem Finder gehörte, wenn es keine Überlebenden mehr gab. Es wurde weltweit missbraucht, um Schiffe mit falschen Leuchtfeuern anzulocken und die Gestrandeten auszurauben oder zu töten. Beispiele in Europa sind u.a. belegt für die Scilly-Inseln, Rügen und Borkum.
Besonders beachtenswert ist außerdem Artikel 24 des Vertrags, der vorbildhaft die Bedingungen für eine Behandlung von Kriegsgefangenen und eine Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung  regelte. Der Vertrag wurde im Grundsatz mehrfach erneuert und galt nach der Reichsgründung 1891 unverändert weiter. Erst mit Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg 1917 wurde er annulliert.
 
Übrigens: Sollten Sie in die Gegend des märkischen Storckows fahren, könnten Sie die Einwohner der beiden kleinen Ortschaften Philadelphia und Neu Boston nach der Namensherkunft befragen. 1772 (also im Vorfeld der Vertragsverhandlungen!) ernannte der amerikafreundliche und Logenbruder Friedrich II den alten Ort Hammelstall in Philadelphia um. Neu Boston folgte benachbart alsbald. Zufall oder bewusste Namensnennung? Benjamin Franklin, einer der Väter des Vertrages, wurde 1706 in Boston geboren und starb 1790 in Philadelphia. Franklin und Washington waren außerdem wie Friedrich II Mitglieder in Freimaurerlogen. Vielleicht liegt hier ein Schlüssel für das Geheimnis der Namensgebung?
Vielleicht können die Leser hierzu weiterhelfen.

Hartmut Ulrich

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