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27.03.2020

Nollekiez bekommt Nachtbürgermeister

Von Ottmar Fischer Der Nachtbürgermeister soll zum „direkten Draht“ der Bürgermeisterin in den Kiez werden.

Das Besprechungshaus an der Nolle vor dem Start. Foto: Pressestelle BA T-S

Es war das Bundesverfassungsgericht, das einst das um finanziellen Beistand des Bundes klagende Land Berlin in seiner Abweisung der Klage darauf hinwies, dass Berlin genügend eigenes Potential habe, um die stetig steigende Schuldenlast zurückführen zu können, darunter das Tourismus-Potential als Kultur- und Geschichtshauptstadt. Der damalige Regierende Klaus Wowereit erfand daraufhin den Werbeslogan „arm aber sexy“ - und alle, alle kamen. Seitdem geht es wieder aufwärts mit den öffentlichen Kassen. Aber auch mit dem Kummerkasten. Denn die Bevölkerung stöhnt besonders dort unter der Last der Touristenströme, wo nach des Tages Last der Besichtigungen am Abend gern gefeiert wird, also etwa in Kreuzberg, wo schon früher besungen wurde, dass dort die Nächte lang sind.

Auch Schöneberg hat einiges zu bieten. Vor allem aber hat es allen anderen Bezirken voraus, dass es am Nollendorfplatz eine die gleichgeschlechtliche Liebe favorisierende Vergnügungsmeile gibt. Und die wird von 40 gastronomischen Betrieben vor Ort derart erfolgreich unterstützt, dass dieses Szeneviertel mittlerweile weltweit zum beliebtesten Anziehungspunkt für Interessierte geworden ist, neben dem früheren Weltmarktführer San Francisco. Doch auch hier häufen sich die Klagen der Bewohner. Und das vor allem deswegen, weil sich das Hauptinteresse der Besucher auf das Nachtleben richtet.
Wenn sich in einer Demokratie Unmut anhäuft, dann müssen die Regierenden reagieren, weil sonst die Abwahl droht. Und das gilt auch in Schöneberg. Deswegen hat Bürgermeisterin Schöttler (SPD) eine Informationsreise nach Amsterdam unternommen, um sich die dortigen Problemlösungen für das Ausgehviertel Rembrandtplein anzusehen. Und sie ist fündig geworden, denn sie hat von dort Anregungen mitgebracht, die auch an der „Nolle“ einen Interessenausgleich zwischen Wohnbevölkerung und Besuchern herbeiführen können. Nach intern abgeschlossenen Beratungen und Verabredungen soll nun ein 3-Punkte-Programm greifen, das aus der Einrichtung eines „Nachtbürgermeisters“, zweier Teams von „Nachtlichtern“, und der Aufstellung eines „Infopoints“ besteht.

Der Nachtbürgermeister soll zum „direkten Draht“ der Bürgermeisterin in den Kiez werden, erläuterte sie auf einer Pressekonferenz. Er soll im Team Verbesserungsvorschläge erarbeiten, Konfliktpotentiale benennen und Anregungen aufnehmen. Er soll Kontakte pflegen und Eigeninitiativen unterstützen. Und er soll die Solidarität der Community bestärken. Im Gegensatz zur Berufsbezeichnung soll er aber am Tage tätig sein, freilich in Angelegenheiten der Nacht.

Die Nachtlichter dagegen sollen tatsächlich in der Nacht unterwegs sein und das bislang abwesende Licht des Ordnungswillens zum Leuchten bringen. Sie sollen durch ihre Präsenz das Sicherheitsgefühl sowohl der Anwohnenden als auch das der Besucher unterstützen. Sie haben zwar keine Polizeibefugnisse, doch sollen sie auf ihren Rundgängen durch frühzeitiges An-sprechen potentielle Streitereien bereits im Vorfeld schlichten, indem sie durch ihre Zeugenschaft soziale Anwesenheit signalisieren.

Während das eine Team als Doppelstreife unterwegs ist, ist das andere in Bereitstellung, und zwar am Bürgerplatz Fugger-/ Eisenacher Straße. Dort soll jetzt ein sogenanntes Tiny-House als Stützpunkt für die Teams dienen und gleichzeitig als Infopoint für Besucher und Anwohnende. Hier steht dann tagsüber zu festgelegten Öffnungszeiten auch das Team Nachtbürgermeister zur Verfügung, bevor die Anlaufstelle in den Abendstunden von den Nachtlichtern übernommen wird. Für sie ist vorerst an eine Einsatzzeit von Freitag bis Sonntag gedacht, sowie an Brücken- und Feiertagen. Denn das sind erfahrungsgemäß die konfliktreichsten Tage. Und alle stehen natürlich in telefonischem Kontakt und können im Bedarfsfall schnell zur Unterstützung eilen.

So steht also aller Voraussicht nach Entspannung an einem Ort bevor, der bisher im Kriminalitätsbericht der Polizei als belastet galt. Und damit einher geht dann hoffentlich auch eine  Abnahme der alltäglich gewordenen Diebstähle und des berüchtigten „Antanzens“. Und zu hoffen bleibt, dass dann auch die Übergriffe von Personen aufhören, denen die ganze Richtung nicht passt. Wegen der gegenwärtigen Corona-Schutzmaßnahmen musste das Programm aber vorübergehend eingeschränkt werden. Da sowohl das Nachtleben als auch der Tourismus ruhen, wird das Projekt Nachtlichter erstmal ausgesetzt. Auch der Nachtbürgermeister hält vorerst keine Sprechstunden ab, kann aber telefonisch und per Mail erreicht werden. Die wenigen bisherigen Einsatztage scheinen aber erfolgreich gewesen zu sein. So meldet das Bezirksamt, dass insbesondere die Nachtlichter bei den Gewerbetreibenden positiv aufgenommen worden seien.

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