Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.04.2020

Noch ein verdammter Tag im Paradies

Von Rita Maikowski

Die Amsel (fast) singt überall. Foto: Rita Maikowski

An diesen Titel des Buches mit Inselgeschichten von Harald Körke aus den 80er Jahren fühlte ich mich in den letzten Wochen mehr als einmal erinnert. Auch der Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer kam mir in den Sinn, aber ganz so drastisch ist es natürlich nicht. Ähnlich schon.

Seit dem 15. März bin ich hier auf der kleinen Kanareninsel La Palma, tja, wie soll ich es nennen? Am besten passt wohl: In Isolation. Mein Rückflug, geplant für den 25.3., nach unserer alljährlichen Winterflucht, wurde gecancelt, im April wurden Flüge nach Berlin nicht mehr durchgeführt. Mein Mann hatte es, am 15.3., gerade noch zurückgeschafft. Und nun harre ich hier in einem - privaten - Ferienhaus aus. Ja super, werden viele von Ihnen jetzt denken. Stimmt. Ich schaue vorne aufs Meer, hinter mir auf die Berge (Tucholsky lässt grüßen), alles paletti.

Aber ganz so prickelnd ist das nicht. Nach der Mitte März in Spanien verhängten Ausgangssperre wurden alle Hotels und Ferienunterkünfte auf der Insel geschlossen. Die Touristen, die ja teilweise für längere Zeit ihre Unterkünfte gebucht hatten, standen buchstäblich auf der Straße und mussten selbst organisieren, wie sie irgendwie zurückkamen. Mit Flügen, soweit sie noch verfügbar waren, irgendwohin nach Deutschland, dann teilweise in einer Odyssee kreuz und quer durch die Republik, bis in ihre Heimatstädte. Immerhin ist mir das erspart geblieben, weil ich eben nicht in einer touristischen Unterkunft lebe, ich konnte ja mehr oder weniger entspannt hierbleiben.

Diese Entspannung sieht seitdem so aus: Spazierengehen oder Joggen, Fahrradfahren – verboten. Ausflug ans Meer – verboten. Wandern in den Bergen - verboten. Treffen mit Freunden, Nachbarn, Verwandten (auch mit Abstand) – verboten. Und es wird tatsächlich streng überwacht von der Polizei. Bei Verstößen drohen saftige Strafen. Über der gesamten Insel liegt eine Aura der Ruhe und des Friedens. Das kennt man hier nur allenfalls am Neujahrsmorgen. Die spontane Lebensfreude, der Plausch mit Freunden und Nachbarn auf der Straße und auf den so wunderbar baumbeschatteten Plazas - das hatte „vor Corona“ das Leben hier bestimmt. Jetzt ist es gespenstisch leer und ruhig.

Im Auto (wenn man zum Einkaufen fährt) darf jeweils nur eine Person sitzen. Einkäufe: Erlaubt im jeweils nächstgelegen Supermarkt, dito Bio-Laden, Apotheke, Zeitungskiosk. Alle anderen Läden sind geschlossen, Schulen, Kitas, Büros natürlich ebenso. In den geöffneten Lebensmittelgeschäften herrschen strenge Hygienebedingungen. Wachschutz, der darauf achtet, dass man bereitliegende Handschuhe anzieht, Desinfektionsmittel direkt an der Eingangstür, nur eine bestimmte Anzahl von Kunden darf das Geschäft betreten, die anderen warten brav vor der Tür, mit Abstand und Mundschutz (teilweise selbstgebastelt, auch hier fehlen die Masken). Seit kurzem wird in einigen Geschäften sogar am Eingang die Temperatur der Kunden gemessen. Es wird empfohlen, nur mit Karte zu bezahlen, Bargeld geht zur Not auch, wird aber nicht gern gesehen. Wenn jemand in einem Gang des Supermarktes einkauft, wartet der nächste Kunde, bis der Gang wieder frei ist. Jeder ist um Abstand bemüht, und das alles passiert verständnisvoll und unaufgeregt. Die Versorgungslage ist hervorragend, alles da, niemand hamstert. Selbst Toilettenpapier hätte ich containerweise nach Deutschland schicken können.

La Palma verzeichnet bisher um die 80 Coronafälle, bei rund 100.000 Einwohnern, seit einigen Tagen keine neuen Infizierten. Die meisten sind bereits wieder genesen, einige Todesfälle gab es hier allerdings leider auch. Insgesamt verzeichnen die Kanarischen Inseln bis jetzt 2006 Coronafälle, davon die meisten auf Teneriffa (1.265 bei 950.000 Einwohnern). Die Ausgangssperre wurde jetzt bis zum 26.4. verlängert, die spanische Regierung hat aber vorsorglich schon mal darauf hingewiesen, dass eine Verlängerung bis in den Mai in Betracht gezogen wird. Die Situation hier auf La Palma kann nicht mit der katastrophalen Entwicklung auf dem spanischen Festland verglichen werden, insofern habe ich gehofft, dass hier einige Lockerungen (zumindest mal alleine Walken oder Wandern) genehmigt werden. Aber das zeichnet sich nicht ab, zumal von hier immer noch Flüge von und nach Madrid gehen und die Gefahr weiterer Ansteckungen damit gegeben ist. Und Flüge von und nach Teneriffa gibt es ebenfalls.

Meiner privilegierten Situation bin ich mir durchaus bewusst: Ländliche Gegend, Garten, da gibt es genug zu tun, und meinen einige hundert Meter entfernten Nachbarn kann ich zumindest zuwinken. Die Ferienhäuser in der unmittelbaren Umgebung stehen alle leer, eigentlich bin ich hier völlig allein auf weiter Flur. Insofern zerrt die Kontakt- und Ausgangssperre doch langsam an den Nerven, daran ändern auch die häufigen Telefongespräche nichts, was soll man auch erzählen, wenn nix passiert? Ich diskutiere zwar noch nicht mit meinem Toaster, aber die Unterhaltungen mit den sich hier einfindenden Katzen – die sind ihrer üblichen Touristenfutterquellen beraubt – sprechen doch für ein langsam einsetzendes Einsamkeitssyndrom. Und meine normalerweise durch Walken, Schwimmen oder Wandern mühsam aufrechterhaltene Kondition schwindet, die kann ich auch nicht durch Unkraut zupfen oder Sträucher beschneiden aktivieren. Da träume ich schon manchmal von einer Runde um den Schlachtensee … Aber das wird wohl noch etwas warten müssen. Und wenn ich es irgendwann nach Berlin schaffe, dann erwartet mich wohl erst mal eine 14-tägige Quarantäne. Aber diese Isolation ist dann ja zumindest absehbar.

Bleiben Sie gesund!

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