Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.09.2018

Neustart an der Spreewald-Schule

Nun hat sie also doch aufgegeben, die streitbare Schulleiterin der Spreewald-Grundschule Doris Unzeitig.

Freiheit hinter der Schule. Foto: Diogo Correia

Zum 9. September hat sie gekündigt, und nach der Übergabe der Amtsgeschäfte an ihre Nachfolgerin, die bisherige Konrektorin der benachbarten Neumark-Schule, die sie übrigens für eine befähigte Nachfolgerin hält, kehrt sie ins Salzburgische nach Österreich zurück. Doch hat sie nicht versäumt, zuvor noch einmal deutlich zu machen, was genau zum Zerwürfnis mit der Senatsschulverwaltung und ebenso mit dem bezirklichen Schulamt geführt hat. Dazu musste sie der Presse nicht hinterher laufen, sondern selbst überregionale Medien begehrten ihrerseits Auskünfte zu den anhaltenden Auseinandersetzungen der Streitparteien.

Wer im Internet die Berichte zur Spreewald-Schule aufruft, wird überall die Wiederholung der immer gleichen Aussage der nunmehr ehemaligen Schulleiterin finden. Sie habe weder vom Land noch vom Bezirk ausreichende Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Aufgabe gefunden. Zu den ohnehin problematischen Verhältnissen an der Schule mit ihren 90% Einwandererkindern und einem ähnlich hohen Sozialhilfe-Anteil bei den Familien-Einkommen seien neue Erschwernisse hinzugekommen, die angegangen hätten werden können und müssen.

Zur Überfrachtung der Lernziele mit politischen Aufgaben wie Inklusion und Integration bei gleichzeitiger Unterbesetzung des Kollegiums sowie ungenügender Ausstattung mit Sozialarbeiterstellen sei hinzugetreten, dass die typischen Begleiterscheinungen für ein Armuts-Umfeld wie Gewalt und Drogen in nicht hinzunehmender Weise auch auf das Schulgelände selbst übergegriffen hätten. Doch die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen hätten unverständlicherweise keine Unterstützung gefunden. Die Schule sei alleingelassen worden.

Der BVV-Hammer

Bei soviel öffentlicher Aufmerksamkeit konnte eine erneute Behandlung der Problematik in der BVV nicht ausbleiben. In der Sitzung vom 12.9. erhob Reinhard Frede als Fraktionsvorsitzender der FDP schwere Vorwürfe gegen Schulstadtrat Schworck (SPD). Zwar sei er für die bildungspolitischen Entscheidungen des Senats nicht verantwortlich zu machen, doch habe er in seinem eigenen Verantwortungsbereich, zu dem die äußeren Bedingungen der Schulsituation gehören, trotz mehr-facher Aufforderung keinerlei Initiative zur Verbesserung der Lage ergriffen. Und das müsse Konsequenzen haben: „Die FDP-Fraktion fordert das Bezirksamt auf, das Schulamt einem anderen Mitglied des Bezirksamts anzuvertrauen!“
Als Beleg für die angebliche Untätigkeit des Stadtrats führte Ankläger Frede ins Feld, dass Schworck am 23.10.2017 durch die vom zuständigen Schulrat an ihn weitergeleitete E-Mail der Schulleiterin davon in Kenntnis gesetzt worden sei, dass es infolge der unzureichenden Einfriedung des Schulgeländes zu Gewalttaten zwischen kurdischen und türkischen Eltern auch auf dem Schulgelände selbst gekommen sei, was naturgemäß den pädagogischen Friedensanstrengungen der Lehrkräfte bei den Gewalttätigkeiten unter den Schülern entgegenwirkt. Da auch keine Gegensprechanlage existiere, die für einen geregelten Zugang zum Schulgebäude sorgen könnte, kämen sogar Verwandte einzelner Schüler noch während des Unterrichts in die Klassenräume, um diese beschützend abzuholen.

Auch Obdachlose und Drogenabhängige nutzten durch Übersteigen der niedrigen Hürden die unübersichtliche Situation im Freizeitbereich von Mensa und Schulhort, die teilweise nicht mehr genutzt werden können, weil dort seit langem bauliche Veränderungen angeordnet sind. So seien dort auch gebrauchte Drogenbestecke gefunden worden, wodurch eine akute Gefahr für die Kinder gegeben sei. Erschwerend komme hinzu, dass auch das Jugendamt, über das Schworck ebenfalls die politische Aufsicht führt, im vergangenen Jahr 30 Gewaltvorgänge an der Spreewald-Schule gemeldet habe, sodass sowohl die sofortige Installation einer Gegensprechanlage als auch die Bestallung eines Wachschutzes angezeigt gewesen wäre, wie es die Schulleitung auch gefordert hatte. Und tatsächlich zeigen ja die Erfahrungen an den 12 Neuköllner Schulen mit Wachschutz, dass allein schon deren Anwesenheit zu einer Beruhigung beitragen kann.

Da die nach Auskunft von Elternvertreterinnen auch als Klassenlehrerin sehr beliebte Schulleiterin nun das Handtuch geschmissen hat, zeichnet sich jedoch plötzlich Entspannung ab: Der Wachschutz ist genehmigt, die Gegensprechanlage auch, ein zwei Meter hoher Zaun soll das Betreten des Schulgeländes erschweren, und der Schule wurden zwei zusätzliche Halbtagsstellen für die Sozialarbeit angeboten. Da fragt sich der interessierte Beobachter: Warum nicht gleich so? Die Antwort ist wohl in der Annahme zu finden, dass auch in der Politik manchmal nicht sein kann, was nicht sein darf. Wo Mängel wegdefiniert sind, gibt es eben auch keine. Die zum Bauernopfer gewordene Doris Ungezeit mag sich derweil mit dem kurzzeitig auch als Gymnasialprofesser in Basel tätig gewesenen Friedrich Nietzsche trösten. In seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ findet sich unter der Nummer 257 der Spruch: „Mancher weiß nicht, wie reich er ist, bis er erfährt, was für reiche Menschen an ihm noch zu Dieben werden.“

Ottmar Fischer