Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.09.2015

Neun Fragen an Lodewijk Heylen

In der Maiausgabe kündigten wir in unserer Vorstellung des Konzeptkünstlers Lodewijk Heylen und seines Kunstprojektes „Concrete Evidence: 1m“, kurz „ce1m“, das folgende Interview an:

1 Meter Autobahn im Baluschek-Park. Foto: Arnd Moritz

ce1m soll Wirkung und Auswirkung von Menschenhand Geschaffenem bewusst machen. Verstehen Sie sich als politischer Künstler?
LH    Ich sehe mich nicht als politischer Künstler, weil ich nicht einen Standpunkt einnehmen will. Ich habe sehr bestimmte Standpunkte. Aber bezüglich Themen wie „Autobahnnetz“ ist es zu schwierig, um nur einen Standpunkt zu betrachten. Deshalb bin ich kein politischer Künstler.

Kann ce1m eine politische Aussage liefern?
LH    Natürlich kann ce1m als politisches Symbol gesehen und benutzt werden. Das ist möglich. Ich glaube aber, dass das politische Symbol von „Autobahn“ nicht eindeutig ist. Bei den Nazis steckte hinter „Autobahn“ eine ganz andere Idee als heute. Die heutige Symbolik liegt in der ökonomischen Funktionalität. Der Mensch beeinflusst die Autobahn und umgekehrt. Damit wird „Autobahn“ nicht eindeutig fassbar und übersteigt den Menschen und ce1m trägt von daher auch eigenes Leben in sich.

ce1m beeindruckt als verschwindender Teil dessen, was es repräsentiert. Sind wir durch Superlative verwöhnt, dass wir des Kleinen bedürfen, um das Große, das uns mittlerweile selbstverständlich er-scheint, als solches zu erkennen?
LH    Das ist eine Frage des Maßstabes und der Maßstab ist eine der schwierigsten Sachen, die zu verstehen und zu visualisieren ist. Ein Gebäude kann aufgrund eines Erfahrungsmaßstabes erfasst und der Vorstellung zugänglich gemacht werden. Bei einer Autobahn ist das etwas anderes. Sie ist ein Netzwerk, das uns übersteigt. ce1m ist ein Teil dieses Netzwerkes, der uns eine Ahnung vom gesamten vermitteln kann.

Welche Wirkung wünschen Sie sich als Konzeptkünstler, die von ce1m auf den Betrachter ausgehen möge?
LH    Das ist eine sehr schwierige Frage. Mich interessiert an dem Objekt zunächst einmal, dass es ein Objekt ist, das den Maßstab von Autobahnen begreifbar macht. Für mich ist die wichtigste Idee hinter einem Objekt, wie das einer Autobahn, dass es von einem Kollektiv, also von oben, für das Individuum, also nach unten, geschaffen wurde. Ich baue hingegen als Individuum, von unten, einen Meter Autobahn nach oben, also für das Kollektiv. Auch wenn es nur ein Meter Autobahn ist.

ce1m steht allein auf der Wiese und wirkt schon dadurch als Motor für eigene Gedanken. Trägt Ihr Objekt auch eine Aussage in sich, die sich nur dem Kunstkenner erschließt?
LH    Ein Kunsthistoriker wird sicher Bezüge zu anderen Künstlern finden. Ich habe mein Konzept überhaupt nicht auf die Kunstgeschichte bezogen. Trotzdem bezieht sich ce1m offensichtlich auf Geschichte allgemein, nicht nur auf Kunstgeschichte.

Wie haben Sie die Betonteile von ce1m auf die Wiese des Hans-Baluschek-Parkes geschafft?
LH    Es ist vollständig von Hand vor Ort hergestellt. Ohne Maschinen.

Entsprechen die Materialien, aus denen ce1m besteht, original denen des repräsentierten Objektes?
LH    Ja. Alle Teile, aus denen ce1m gemacht sind, stehen in Maßstab und Material in dem Verhältnis, das im Querschnitt einen Meter Autobahn repräsentiert.

Am 2. Mai 1898 gründete sich die Berliner Secession, eine deutsche Künstlergruppe, der auch Hans Baluschek angehörte. Am 2. Mai stellten Sie ce1m der Öffentlichkeit vor. Zufall oder Teil Ihres Konzeptes?
LH    Die Übereinstimmung ist Zufall, aber ein schöner. Das stellt einen Zusammenhang zur fünften Frage her: Es gibt immer einen Bezug zur Kunstgeschichte. Aber dieser ist sehr interessant.

ce1m wird ein Jahr lang die Berliner Kunstlandschaft bereichern. Werden Sie in dieser Zeit hin und wieder Ihren Besuchern als Botschafter Ihres Kunstkonzeptes persönlich zur Verfügung stehen?
LH    Wir haben ein paar Events geplant. Die exakten Termine wissen wir noch nicht. Aber wir machen zum Beispiel einen dreitägigen Workshop mit einer Berufsschule aus Charlottenburg vor Ort über Autobahnen in Berlin, über ce1m und andere Projekte, die in Berlin stattgefunden haben und werden.

Es ist faszinierend, wie Sie Ihr Projekt so mit Leben füllen, dass andere Menschen mit eingebunden werden, und es hat sehr viel Freude gemacht, sich mit ce1m und seinem Künstler auseinanderzusetzen. Dafür danken wir Ihnen, Herr Heylen, ich und die Redaktion der Stadtteilzeitung.

Arnd Moritz

 

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